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Rollentausch

Joana Bieker, Fotos: Andy Ridder, Peter Wattendorff
Frauen, die technisch begabt und interessiert sind, gelten als Mannweiber. Annette Fischer widerlegt dieses Klischee. Die 20-Jährige mit der blonden Lockenpracht und dem chronischen Hang zu Rosa studiert im zweiten Semester Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität Stuttgart. Und Gunnar ist im Grundschullehramt "allein unter Frauen"
Grips statt Muckis
Frauen, die technisch begabt und interessiert sind, gelten als Mannweiber. Annette Fischer widerlegt dieses Klischee. Die 20-Jährige mit der blonden Lockenpracht und dem chronischen Hang zu Rosa studiert im zweiten Semester Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität Stuttgart.

"Dumme Sprüche zum Thema Frauen und Technik hört man an der Uni viel seltener als in der Schule", sagt sie. Und das ist auch gut so, denn viel weibliche Unterstützung hat Annette in ihrem Studiengang nicht.

Die besten Jobs von allen


Fast 90 Prozent der Luft-und-Raumfahrttechnik-Studenten sind männlich. Rein optisch passen riesige Triebwerke, Flugzeuge oder Raketen ja auch gar nicht zu einer Körpergröße von 162 Zentimetern.

Vom Mannweib ist Annette aber nicht nur wegen ihrer zierlichen Figur meilenweit entfernt; auch sonst weist sie alle typisch weiblichen Verhaltensmerkmale auf: Sie geht leidenschaftlich gerne shoppen und könnte sich stundenlang über die dramatischen Ereignisse der jüngsten Folge "Desperate Housewives" auslassen


Interview: "Wir brauchen Vorbilder"


"Frauen fehlen in der Technik", findet Annette und das will sie ändern. "Würden mehr Frauen in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen sitzen, gäbe es neue Ideen", ist sie überzeugt. "Zum Beispiel Autos mit viel Platz für Einkaufstüten", fügt sie grinsend hinzu

Diese Auffassung teilte offensichtlich auch der Chef einer Maschinenfabrik, als er Annette vor ihrem Studium die Möglichkeit gab, ein achtwöchiges Grundpraktikum zu absolvieren. Der ein oder andere Techniker in der Werkstatt hatte da schon mehr Probleme, sie als gleichwertige Mitarbeiterin zu akzeptieren

Doch davon hat Annette sich nicht verunsichern lassen. Auf Grundsatzdiskussionen mit den Industriemechanikern ihrer Praktikumsstelle, warum Frauen in einer Werkstatt nichts verloren haben, lässt sich die 20-Jährige nicht ein. Von ihren Studienplänen konnten die Erfahrungen im Vorpraktikum sie erst recht nicht abbringen

Schon in der Schule gehörte Annette zu den Mädchen, die statt Deutsch und Pädagogik lieber Physik als Leistungsfach wählten - und Astronomie als Zusatzfach. Diese Wahl kommt ihr jetzt im Studium zugute. Was sie nach dem Studium einmal machen will, davon hat die 20-Jährige ganz genaue Vorstellungen: am Flughafen für die Wartung von Flugzeugen verantwortlich sein. "Ich wollte schon immer am Flughafen arbeiten, dort ist ein ständiges Kommen und Gehen, immer ist alles in Bewegung - und mitten in so einem Gewusel fühle ich mich am wohlsten", beschreibt sie ihren Traumjob. Allein unter Frauen
Gunnar Wascher gehört zu einer seltenen Spezies. Er studiert im zweiten Semester Sport, Mathematik und Sachunterricht auf Grundschullehramt in Osnabrück. Damit ist der 19-Jährige fast allein unter Frauen. Gerade mal 15 Prozent der Studierenden in diesem Fach sind Männer. Entgegen der landläufigen Meinung, ist die Frauendomäne Grundschullehramt aber alles andere als ein Kuschelstudiengang. Obwohl Gunnar sich später hauptsächlich "mit dem Einmaleins beschäftigen" muss, schlägt er sich zurzeit mit der Axiomatischen Behandlung von Rechengesetzmäßigkeiten herum

Gunnar kommt aus einem richtigen Lehrerhaushalt: Vater Gymnasiallehrer, Mutter Grundschullehrerin. "Bis ich 15 war habe ich immer steif und fest behauptet: Niemals werde ich Lehrer", erinnert er sich. Klassenarbeiten korrigieren, Konflikte mit Eltern und Kindern austragen, Schulkonferenzen - Gunnar wusste schon als Grundschüler, dass die meisten Lehrer am Nachmittag nicht einfach freihaben, wenn sie aus der Schule kommen

Als Oberstufenschüler begleitet Gunnar seine Mutter zu einer Projektwoche in ihre Grundschule. Die Sieben- bis Zehnjährigen sind so begeistert, dass sie ihn gar nicht mehr aus dem Klassenzimmer gehen lassen wollen. "Gerade den Jungs fehlen in der Grundschule männliche Vorbilder.

Und ich komme super mit Kindern aus", begründet Gunnar seine Studienwahl, für die er von den meisten belächelt wird. Das ist kein Beruf für einen Mann, und Frauen können sowieso viel besser mit Kindern umgehen - so die gängigen Vorurteile, mit denen der Student häufig konfrontiert wird. "Völliger Quatsch", meint Gunnar. "Viele Jungs trauen sich einfach nicht, Grundschullehrer als Berufswunsch zu äußern." Gunnar weiß: So mancher Sohn erntet vom Papa ein ungläubiges Kopfschütteln, wenn er ihm von seinen Studienplänen erzählt

Unter seinen Kommilitoninnen wird Gunnars Männlichkeit dagegen ganz und gar nicht angezweifelt. Die meisten Mädchen freuen sich über den Hahn im Korb. Dass ihn so mancher für einen Frauenversteher hält, wenn er mit einem Rudel Mädchen über den Campus läuft, stört Gunnar nicht. Er kann sich deswegen weder für Ballett, noch für rhythmische Sportgymnastik begeistern.

Wenn das tägliche Tischgespräch in der Mensa mal wieder um die weiblichen Problemzonen kreist, versucht der 19-Jährige geschickt auf das gestrige Fußballspiel zu lenken. Aber außer, dass der Ball auch rund ist und manchmal Dellen hat, finden sich da beim besten Willen keine Anknüpfungspunkte. In solchen Momenten vermisst Gunnar dann schon mal einen männlichen Mitstreiter. "Wir brauchen Vorbilder"

Wieso meiden junge Mädchen technische Berufe?

Susanne Ihsen: Frauen und Technik passen nicht zusammen - dieses Vorurteil ist immer noch in vielen Köpfen verankert. Es gibt zum Beispiel Studien, die letzten dazu sind rund zwei Jahre alt, die belegen wollen, dass Frauen nicht räumlich denken können und ihnen das Abstraktionsvermögen fehlt. Dadurch entsteht bei technisch interessierten Frauen ein ständiger Rechtfertigungsdruck, und viele ergreifen dann doch lieber einen typischen Frauenberuf

Und von denen lassen die Männer die Finger...

Ja, weil Jungen seit frühester Kindheit mit bestimmten Bildern konfrontiert werden, die sagen: Das machen Jungs nicht. Das ist nicht männlich. Männer mit "unmännlichen" Interessen müssen sich genauso rechtfertigen wie Frauen. Daher geht es nicht nur darum, für Frauen neue berufliche Perspektiven zu eröffnen, sondern auch für Männer

Was muss passieren, damit wir uns von den traditionellen Rollenbildern lösen?

Wir brauchen Vorbilder, zum Beispiel Ingenieurinnen in Führungspositionen. Dazu müssten Unternehmen Angebote schaffen, die es beiden Elternteilen ermöglichen, berufstätig zu bleiben, wenn Nachwuchs kommt. Zusätzlich ist die Politik gefragt, vernünftig betreute Kinderkrippen und Ganztagsschulen zu schaffen, damit Eltern auch einen kompletten Arbeitstag meistern können

Susanne Ihsen leitet die Professur für "Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften" an der TU München

Dieser Artikel ist erschienen am 04.06.2007