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Rolf Breuer ? der redselige Königsmacher

Von Michael Maisch
Rolf Breuer, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, polarisiert wie kaum ein zweiter Banker in Deutschland. Seit Mittwoch muss er über einen Nachfolger für Josef Ackermann nachdenken, der sich wohl noch einmal vor Gericht wegen Untreue im Fall Mannesmann verantworten muss.
FRANKFURT. "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold? ? an dieses alte Sprichwort hat sich Rolf Breuer, der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, nie gehalten. Der barocke Manager mit der gesunden Gesichtsfarbe hat schon viele Sätze geprägt, die Finanzgeschichte gemacht haben. Am Mittwoch kam ein neuer dazu: ?Ich habe meine Denkkappe auf?, sagte der 68-Jährige im Interview mit der ?Financial Times? ? und man kann sich sein maliziöses Lächeln bei diesen Worten gut vorstellen. Worüber Breuer nachdenkt, ist klar ? über einen Nachfolger für den Vorstandssprecher Josef Ackermann, der sich nach dem Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) von gestern wohl noch einmal vor Gericht wegen Untreue im Fall Mannesmann verantworten muss. ?Bundesgerichtshof?, dieses Stichwort dürfte Breuer nicht nur wegen Ackermann die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Denn ein weiterer seiner berühmten Sätze lautet: ?Was man alles lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder sogar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen.? Mit diesen Worten sprach Breuer im Februar 2002 dem Medienimperium von Leo Kirch vor laufenden Kameras die Kreditwürdigkeit ab. Vier Wochen später ging Kirchs Reich in die Insolvenz. Voraussichtlich am 24. Januar 2006 entscheidet der BGH ob die Deutsche Bank und Breuer Kirch Schadensersatz schulden. Für den 78-jährigen Medienpatriarchen aus München ist völlig klar, wer ihn in die Pleite getrieben hat: ?Der Rolf hat mich erschossen?, sagte er in einem Interview. Mit dieser Meinung steht Kirch nicht alleine. Auch in Frankfurt glauben viele von Breuers Kollegen und Konkurrenten, dass er mit seinen Äußerungen vor knapp vier Jahren das Bankgeheimnis verletzt hat. Der Rheinländer polarisiert wie kaum ein zweiter Banker in Deutschland. Auf der einen Seite hat sich Breuer den Ruf als ?Mr. Finanzplatz? erworben. Niemand bezweifelt, dass sich der studierte Jurist um die Internationalisierung der Deutschen Bank und der Börsenlandschaft große Verdienste erworben hat. Breuer forderte als einer der ersten das Aufbrechen der Deutschland AG und die Öffnung der Unternehmen gegenüber dem Kapitalmarkt. Unter seiner Ägide wuchs das Traditionshaus Deutsche Bank zu einem globalen Spieler an den Weltfinanzmärkten mit heute knapp 65 000 Mitarbeitern. Aber auf der anderen Seite ist da eben auch Breuer, der Dampfplauderer. Vieles an Breuer ist widersprüchlich. Auf der einen Seite steht der bürgerliche Industriellensohn, der ein humanistisches Gymnasium besucht, der brillante Rhetoriker und kühle Analytiker. Auf der anderen Seite steht Breuer, der ausgefuchste Börsenhändler, der so gut bluffen kann und der das Risiko liebt. Lesen Sie weiter auf Seite 2: Als Königsmacher hat der Rheinländer bereits Erfahrung.

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?Eigentlich hätte Breuer nach dem Kirch-Faux-Pas zurücktreten müssen?, sagt ein Investmentbanker. Doch der Mann, der sein gesamtes Berufsleben seit der Lehre bei der Deutschen Bank verbrachte, hat sich in vielen Krisen den Ruf des Unangreifbaren erworben. Das begann schon 1997, als der ehemalige Chef der Börsenabteilung trotz der damals kursierenden Gerüchte über Steuervergehen zum Nachfolger von Vorstandssprecher Hilmar Kopper gekürt wurde. Glatter als Teflon sei er, nichts bleibe an Breuer haften, heißt es in der Finanzszene. Doch so ganz stimmt das nicht. Als im Jahr 2000 die Fusion zwischen der Dresdner Bank und der Deutschen Bank platzte, bekam auch Breuers Karriere einen Knick. Wenige Monate nach dem Debakel beschloss der Aufsichtsrat, dass Ackermann Breuer im Mai 2002 an der Konzernspitze ablösen werde. Für viele in Frankfurt ist die ?Jahrhundertfusion? noch immer die größte verpasste Chance zur Konsolidierung der zersplitterten deutschen Bankenlandschaft. Das Pikante daran: Der Zusammenschluss war ausgerechnet am hartnäckigen Widerstand der Investmentbanker der Deutschen Bank gescheitert. An jenen hoch bezahlten Teams, die Breuer selbst groß gemacht hat, und die er einmal als ?Künstler? bezeichnete. Vor allem Edson Mitchell und Michael Philipp torpedierten den Deal. Der Chef der beiden hieß übrigens Ackermann. Fünf Jahre später hat sich das Blatt gewendet. Jetzt sieht es fast so aus, als wäre es an Breuer, einen Nachfolger für seinen strauchelnden Nachfolger zu suchen. Doch viele im Aufsichtsrat der Deutschen Bank verstehen nicht, warum Breuer die Diskussion um die Ackerman-Nachfolge an die Öffentlichkeit zerrt. Und auch in der Finanzszene reagieren viele irritiert bis indigniert: ?Breuer steht doch selbst unter Druck. Offenbar versucht er möglichst viel Abstand zwischen sich und Ackermann zu bringen?, meint ein Banker. Als Königsmacher hat der Rheinländer bereits Erfahrung. Als der Chef der Deutschen Börse Werner Seifert mit Rückendeckung seines Aufsichtsratschefs Breuer Anfang des Jahres die Londoner Börse LSE übernehmen will, werden die beiden von britischen Hedge-Fonds demontiert. Seifert muss zurücktreten. Breuer darf noch einen Nachfolger für den geschassten Vorstandschef suchen, dann ist auch für ihn Schluss bei der Börse. Als ihn ein Journalist vor einigen Jahren fragte, wie er denn gerne in die Geschichte eingehen würde, meinte Breuer ?als jemand, der die richtigen Weichen zur richtigen Zeit stellte?. Die Zeiten sind hart für die Deutsche Bank und Weichen gibt es einige zu stellen. Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Vita des redseligen Königsmachers.1937: Rolf-Ernst Breuer wird in Bonn geboren.1956: Er beginnt eine Lehre bei der Deutschen Bank.1966: Breuer beginnt nach dem Jurastudium erneut bei der Deutschen Bank. Ein Jahr später promoviert er zum Dr. jur.1987: Breuer wird Vorstand der Deutschen Bank.1993: Er wird Börsenpräsident und Aufsichtsratschef der Deutschen Börse.1997:Breuer wird Chef der Deutschen Bank.1998: Übernahme von Bankers Trust in den USA. Außerdem leitet er den Abbau der großen Industriebeteiligungen der Bank in Deutschland ein, deren Wert auf 47 Mrd. DM geschätzt wird.2000: Fusionsgespräche mit der Dresdner Bank, die aber scheitern.2001: Breuer wird Bankenpräsident, er hat dieses Amt bis 2005 inne.2002: Breuer zweifelt öffentlich die Kreditwürdigkeit seines Großkunden Leo Kirch an. Das zieht mehrere Prozesse nach sich. Er wird Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank.2005: Die Deutsche Börse scheitert mit dem Versuch, die Börse London zu übernehmen. Breuer muss als Aufsichtsratsvorsitzender einen neuen Börsenchef suchen und findet Reto Francioni für das Amt.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.12.2005