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Roland Berger: ?Ich wollte nie Angst haben müssen?

Von Christoph Hardt und Claus Larass
Warum Roland Berger einen Waschsalon gründet, einen Aperitif erfindet, Gerhard Schröder und Edmund Stoiber berät und er auch heute noch ständig um die Welt fliegt.
Ein Macher: Roland Berger.
HB MÜNCHEN. Was treibt diesen Mann? Immerhin ist Roland Berger schon 68 und könnte sich ein gemächliches Leben leisten. ?Nein, nein?, sagt er, ?ich war immer ein aktiver Mensch, und ich bin neugierig und in diesem Sinn auch ein Intellektueller. Daher kann ich mir einfach nicht vorstellen, an dem spannenden Wandel, den wir heute erleben, nicht teilzuhaben.?Als Berater kennt er viele Unternehmen bis in die geheimsten Herzkammern. Kaum einer kann so exakt Auskunft geben über Chancen und Risiken der Globalisierung und den Standort Deutschland.

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Berater aber sind auch Reizfiguren. Manager ärgern sich, wenn die Männer in den dunklen Anzügen Schwächen bloßlegen, Mitarbeiter fürchten Entlassungen, wenn die Besserwisser durch die Büros stöbern.Vielleicht hat Berger seinen Schwerpunkt deshalb von Anfang an auf Strategieberatung gelegt. An der Notwendigkeit, über den Tag hinaus zu denken, hat sich bis heute für ihn nichts geändert. Da sieht er einen immer noch wachsenden Bedarf.Mit Strategieberatung hat Roland Berger aus seinem Namen weltweit eine Marke gemacht, wer ihn von ganz nah erlebt und seinem fast schüchternen Blick widersteht, der glaubt ihm sein Understatement: dass er sich selbst bis heute in mancher Stunde wundert, wohin er es so gebracht hat, der scheinbar so Unscheinbare. Es braucht eine Zeit, um zu erkennen, dass dies vielleicht sein Erfolgsgeheimnis ist. ?Abstand und Integrität, beides ist für einen Berater zentral.?1968 richtet er in München ein kleines Büro ein. Er wird Unternehmer, als die junge Generation den Leistungswillen der Nachkriegszeit zu verachten beginnt. Die neue Elite wird lieber Lehrer als Manager. Roland Berger geht einen anderen Weg. Bei ihm siegt Unternehmerblut über den Zeitgeist. ?Ich habe zwar mit einigen Ideen der 68er sympathisiert, aber im Grundsatz habe ich mich mit ihnen nie identifiziert.? So ist der Weg frei für den Aufstieg zu einem der führenden Pioniere der Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft. Heute berät Roland Berger Strategy Consultants Unternehmen in 25 Ländern, unterhält 35 Büros. In Europa ist er die Nummer eins, in der Welt die Nummer fünf. Und das in einer Branche, die traditionell von den Amerikanern dominiert wird.Besuch in seinem Büro in der Arabellastraße, dort, wo München Hochhausarchitektur gewagt hat. Ein kühler Raum, nicht zu groß, an den Wänden hängen Werke der Amerikanerin Joan Mitchell und des Italieners Enzo Cucchi, bunt, aber nicht deftig. Der Schreibtisch ist blank, das Telefon bleibt so unsichtbar wie der PC. Auf seinem Tisch steht einfach nichts, sieht man von den streng in Reihe geparkten Modellautos ab. Dafür hat es der Aktenkoffer in sich, im Deckel steckt eine Sammlung von Namensschildern, mal ?Roland Berger? pur, mal ?Prof. Roland Berger?, mal ?Prof. Dr. h.c. Roland Berger? und ?Prof. Dr. h.c. mult Roland Berger?. Soll einer sagen, dieser Mann wüsste nicht, was sein Name wert ist.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Er entwickelt Gedanken gerade im Gespräch?.Er hat eine warme, sonore Stimme, er redet gern, aber nie zu viel, er lächelt selten, wirkt freundlich. Auch wenn er die Marotte hat, seinem Gegenüber am liebsten nicht in die Augen zu blicken. Dann sitzt er da im Habitus des Denkers, der in die Ferne schweift. ?Er entwickelt Gedanken gerade im Gespräch?, erklärt das ein Vertrauter.Roland Berger zählt zur letzten Generation deutscher Unternehmer, die noch vom Weltkrieg geprägt sind, obwohl er, 1937 geboren, bei Kriegsende erst acht Jahre alt ist. Sein Vater hat sich von Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht überzeugen lassen, bei den Nazis mitzumachen. 1937 aber erklärt er schriftlich seinen Austritt aus der Partei. ?Wir wohnten in Berlin. Meine ersten Erinnerungen drehten sich um heulende Sirenen, Luftschutzbunker.? Schon 1940 übernimmt der Vater die Leitung einer Aktiengesellschaft in Wien. Berger erklärt, dass es sich um die Lebensmittelbranche gehandelt habe. Mehr erzählt er nicht. Er hat es nicht so gerne, im Vortrag unterbrochen zu werden ? noch so ein Berger-Paradox, als gehörten Dialoge nicht zu den Primärtugenden eines Beraters.In Wien entkommt die Familie den Bombennächten, nicht aber den Nazis. Sie verhaften den Vater 1944 und schaffen ihn in die Gestapo-Zentrale nach München. ?An seinem Geburtstag durften wir meinen Vater im Gestapo-Büro besuchen. Wie zu Hause üblich, wollten meine Schwester und ich Gedichte aufsagen. Meine Schwester weinte, schaffte es nicht. Ich habe meines mühsam aufgesagt. Mir imponierte, wie ruhig mein Vater war und dass er sich nichts anmerken ließ. Er war ein sehr gläubiger Mensch.?Berger stockt. Selten zeigt er Gefühle, an dieser Stelle schon.Der Vater kommt ins Konzentrationslager Dachau, kurz vor Kriegsende wird er noch an die Front geschickt, verbringt die erste Zeit nach dem Krieg in russischer Gefangenschaft. Der Sohn sammelt Zigarettenstummel. Aber hungern musste ich nie.? Zwei Dinge prägen sich dem Jungen ein: ?Ich wollte nie im Leben vor irgendwas Angst haben müssen. Und ich wollte unabhängig sein, mein Schicksal selber bestimmen, soweit der Mensch das kann.?Auf humanistischen Gymnasien lernt Roland Berger auch Griechisch und Latein. Diese breite Bildung hält er heute noch für sinnvoll, weil er im Denken nicht auf Fachwissen reduziert wird. Bildung bleibt ihm wichtig, weil nur daraus die Fähigkeit erwächst, über den Tag hinauszudenken. In der Schule sei er nicht sonderlich fleißig gewesen, dafür fiel ihm das Lernen zu leicht. So zieht es ihn in den Sport, in Nürnberg spielt er Eishockey in der Oberliga. Daneben gibt er Nachhilfe-Unterricht. ?Deshalb hatte ich mehr Geld in der Tasche als meine Mitschüler, selbst als die Kinder wohlhabender Eltern.? Er erzählt die Geschichte mit einer Spur Wohlbehagen. Das erste selbst verdiente Geld ist das süßeste.In den 50er-Jahren rollen die ersten Urlauber mit ihrem Käfer Richtung Rimini. Auf dem Land unterrichten Lehrer in Zwergschulen, da sitzen bis zu vier Jahrgänge in einer Klasse. Berger: ?Die meisten waren arm, aber alle spürten den Antrieb, etwas auf die Beine zu stellen. Es gab kaum jemand, der nicht die Ärmel hochkrempelte, egal ob im Betrieb oder zu Hause.?Der junge Berger soll etwas Ordentliches studieren, er versucht es in München ein Semester lang mit Elektrotechnik, wechselt dann zu BWL. ?Da war ich sofort zu Hause, damit fühlte ich mich wohl.? Er sagt von sich, er sei kein Streber gewesen. Dafür habe er sein Studium gut organisiert. Und so findet er genügend Zeit, neben Bilanzanalyse und Produktionsplanung auch andere Vorlesungen zu hören, er lernt die Psychologie kennen, belegt Kurse in Theaterwissenschaften und Geschichte. ?Ich wollte mich nicht auf ein Gebiet beschränken, mich interessierte die Breite.? Was er im Studium aber vor allem sieht, ist die ?Anleitung zur Praxis?. In der Rückschau klingt das ungemein schlüssig.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Und der Student wird bereits früh zum Unternehmer.Und der Student wird bereits früh zum Unternehmer, 1958 gründet er in Bogenhausen ein erstes eigenes Geschäft, eine Wäscherei. 5 000 gesparte Mark bringt er selbst in die Firma ein, für den Rest bürgt die Mutter. Hinter der Geschäftsidee steckt natürlich Strategie. Für Millionen ist eine Waschmaschine damals noch unerschwinglich, man gibt die Wäsche außer Haus. Dennoch, das Geschäft kommt zunächst nicht richtig in Gang. Erst als er die Kinder seiner Geschäftsleiterin als Wäscherin und Wäscher verkleidet zu den Hausfrauen schickt, um für Bergers wundersamen Waschsalon zu werben, beleben sich die Umsätze. Er stellt 16 Leute ein, gründet Zweigstellen, die Wäsche aber fährt er lange Zeit selbst aus ? mit seinem VW-Käfer. So wird aus dem Wagnis Gewinn. Zwischen den Examensprüfungen im Winter 1961/62 verkauft Berger seinen Betrieb für 600 000 Mark. ?Von da an war ich ein recht wohlhabender Studienabgänger.?Kurz bevor er den Laden aufgibt, fragt ihn eine Kundin: ?Was wollen Sie später eigentlich machen?? Seine Antwort: ?Jedenfalls nicht Wäscherei-Millionär sein.? Im Studium hat er gerade ein Referat gehalten über die Frage, wie neue Firmen durch Ausgliederung von internen Unternehmensfunktionen an Dritte entstehen. Das hat ihn begeistert. Und so erzählt er der Kundin: ?Vielleicht werde ich Unternehmensberater.? Die Frau traut ihren Ohren nicht: ?Berater?? Das ist damals, im Deutschland der Generaldirektoren, ein Fremdwort. Sofort ist die Dame hellwach. ?Mein Sohn arbeitet in Italien für eine amerikanische Unternehmensberatung, fahren Sie hin.?Das also ist es. So kommt Roland Berger zu seinem Beruf. Er erhält einen festen Vertrag, wird in Boston ausgebildet und danach mit der Leitung eines Mailänder Joint Ventures betraut. ?Ich lernte Unternehmensstrategie von der Pike auf.?Was war damals anders? Er nennt vier Punkte: 1. ?Es gab weniger Vorschriften.? Wenn man als Unternehmer unwissentlich gegen eine Vorschrift verstoßen hatte, habe man es wieder in Ordnung gebracht. ?Man wurde nicht gleich kriminalisiert.? 2. ?Es gab im Geschäftsleben noch viele Patriarchen im guten Sinne, echte Unternehmertypen.? Damals seien Entscheidungen anders gefällt worden als im modernen Management. Das zeichne sich heute vor allem durch seine Abhängigkeiten aus.3. ?Die Menschen dachten ganz nah am Kunden, nah am Geschäft.?Und 4. ?Deutschland war noch eine veritable Nationalökonomie.? Jeder war mit jedem vernetzt.Es ist der ideale Nährboden für einen Mann mit Ideen wie Berger. 1968 macht er sich als Berater erneut selbstständig und entwickelt für das Touristik-Unternehmen Touropa eine neue Marketingstrategie. Noch heute ist das so eine Art Gründungsmythos seiner Firma, zum ersten Mal zeigt Berger, wie aus Ideen erfolgreich Wirklichkeit wird. Ursprünglich ist Touropa ein kleiner Auftrag, aber er wird zum Meisterstück. Berger entwickelt die große Lösung, er schlägt vor, Touropa, Scharnow, Hummel und Dr. Tigges zu fusionieren und daraus Tui zu machen. Das Tui-Mandat macht Berger in der Szene bekannt. Für Oetker löst er ein Problem in Italien. Der Familienkonzern hatte sich dort mit Brauereien verhoben. Berger findet einen Ausweg, empfiehlt Ausstieg und Sanierung. Zur gleichen Zeit berät er auch die legendäre Brandyfirma Buton aus Bologna. ?Für die habe ich einen Aperitif auf Weinbasis entwickelt?, erzählt Berger. ?Rosso Antico? heißt das Getränk. Nach sechs Jahren beschäftigt Berger mehr als 100 Mitarbeiter, steigt auf zur drittgrößten Beraterfirma in Deutschland.Sanierer, Visionär und Produktentwickler, wenn andere über Berger reden, geraten sie mitunter ins Schwärmen. Sogar Jürgen Kluge vom ewigen Rivalen McKinsey: ?Als Berater-Kollege ist er nicht nur Konkurrent. Er ist Ansporn und Mahnung zugleich, nicht nachzulassen in unserem Anspruch, Beratung auf höchstem Qualitätsniveau zu leisten. Und er ist ein Beispiel dafür, dass sich deutsche Unternehmen auch international behaupten können.?Doch was wäre der Berater ohne die Akquise? Gerade hier wird er ziemlich einsilbig, der erfolgreichste Netzwerker der Nation. ?Ich putze keine Klinken?, sagt er. Stattdessen hält er Vorträge, veranstaltet Seminare und verfasst Artikel. Und er schreibt jedem, den er besser kennt, einen persönlichen Brief zum Geburtstag ? so bleibt er im Gespräch.Lesen Sie weiter auf Seite 4:Manchmal hilft ihm auch der Zufall.Manchmal hilft ihm auch der Zufall. Anfang der 70er-Jahre bekommt er einen Auftrag der Kölner Schokoladenfirma Stollwerck, viel Tradition, noch mehr Verluste und die Deutsche Bank als Hausbank. Da trifft er Stollwerck-Aufsichtsrat Alfred Herrhausen, den späteren Chef der Deutschen Bank. Berger versteht sich spontan mit Herrhausen, geht ganz offen heran. ?Als Bankier werden Sie nie ein erfolgreicher Schokoladen-Unternehmer.? Berger rät zum Verkauf und hat mit Heinz Imhoff einen Käufer parat. Er arrangiert ein Treffen, Imhoff kauft Stollwerk, und Herrhausen hat ein Problem weniger.Berger bietet jetzt auch Personalberatung an und entdeckt den öffentlichen Sektor. Doch Expansion kann auch Probleme bringen, gerade zu Hause läuft nicht alles glatt. Der Baukonzern Holzmann, lange ein Sanierungsfall, geht trotz Berger-Beratung und Intervention des Bundeskanzlers Pleite. Auch Jürgen Schrempps Visionen einer Welt AG bei Daimler sind von Berger beeinflusst.Zum Imageschaden indes wächst sich der Ausflug in den öffentlichen Sektor aus. Wochenlang diskutiert die Republik im Frühjahr 2004 über die Flut an Berateraufträgen, die Bund und Länder verteilt haben. Berger, zwar nur mit sechs Prozent seines Umsatzes im Geschäft mit dem Staat, gerät in den Fokus. Zur besten Sendezeit feuert CDU-Ministerpräsident Christian Wulff in einer TV-Runde Breitseiten Richtung München ab. Er wirft Berger vor, er habe für die frühere niedersächsische SPD-Regierung Gefälligkeitsgutachten erstellt. Berger zeigt bis heute Wirkung. ?Das hat mich schon überrascht. Denn ich war nicht darauf eingestellt, dass mich jemand in einer politischen Gesprächsrunde in meinem Beruf angehen würde, weil ich seinen Vorgänger beraten habe.?Berger und die Politik ? das ist ein ganz eigenes Kapitel. Nach dem Sieg über Helmut Kohl bietet Gerhard Schröder dem Münchener den Posten des Wirtschaftsministers an. Berger lehnt ohne Zögern ab. ?Es war nicht Teil meiner Lebensplanung.?Wie aber hat Berger das Kunststück geschafft, gleichzeitig mit Schröder und Edmund Stoiber ein enges Verhältnis zu haben?Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff hat es so formuliert: ?Figaro hier, Figaro dort ? wie in Mozarts Oper ist er immer schon da. Aber allein mit Omnipräsenz hat er das nicht erreicht. Man berät nicht Kohl, Schröder, Stoiber, wenn man nicht wirklich was zu bieten hat. Und man wird nicht immer wieder gefragt, wenn der Frager nicht gute Erfahrungen gemacht hätte.?Berger selbst beantwortet die Frage, indem er nach einer Flasche Apfelsaft vor sich auf dem Tisch greift: ?Ich werde doch nicht dem einen sagen, darin ist Apfelsaft, und dem anderen, darin ist Orangensaft. Ich bleibe bei den Fakten und sage meine Meinung, unabhängig von Person und Einstellung des Fragestellers: Nur so schafft man Vertrauen.?Das Wort Vertrauen, immer wieder wie beiläufig ins Gespräch eingesponnen, ist wohl der Begriff, ohne den man diese Karriere nicht begreifen kann. Wer ihm traut, der hört auf ihn. ?Ich bin aufgeschlossen und gebe diese Offenheit gerne weiter, ein Parteigänger war ich nie. Eher ein Liberaler im amerikanischen Sinn.? Womit er in Deutschland angekommen ist, dem Land der Selbstblockierer. ?Wir haben zu lange an überholten Geschäftsmodellen und Gewohnheiten festgehalten.? Er erinnert an Grundig und Sony. Beide Unternehmen werden etwa zur selben Zeit gegründet, heute macht Sony 60 Milliarden Euro Umsatz, von Grundig ist nur ein Hotel im Schwarzwald übrig geblieben.Lesen Sie weiter auf Seite 5:Immer schon ist Berger ein Experte fürs Tempomachen gewesen.Für Berger leidet das Land insgesamt an einem Mangel an Unternehmergeist und Eigeninitiative. ?Wenn ein Auto hinter ihnen schneller fährt, können Sie nur hoffen, dass es Sie überholt. Sonst werden Sie überrollt. Das ist eine unangenehme Situation. Wenn sich eine Firma in diesen Zeiten langsamer verändert als ihr Umfeld, gefährdet es ihre Existenz.?Immer schon ist Berger ein Experte fürs Tempomachen gewesen. ?In Deutschland werden keine Computer oder Fernseher mehr gebaut.? Und die immer schnelleren Innovationszyklen im Geschäft mit Mobiltelefonen hätten mit Siemens gerade den letzten deutschen Hersteller dazu getrieben, diese Sparte an ein asiatisches Unternehmen abzugeben.Ist dieses Scheitern ein Menetekel, kann sich Deutschland international noch halten? ?Unsere Chancen stehen gut.? Die deutschen Unternehmen hätten viele Veränderungen schon bewältigt, deutsche Manager seien international längst heimisch geworden. Berger hat seinen Teil zu dieser Weltoffenheit beigetragen.Über der Arabellastraße dämmert das Abendlicht, vorne strahlen die Lichter in der Zentrale der Hypo-Vereinsbank, die gerade nach Italien verkauft wird. Berger hat am Abend Gäste aus Japan, er verabschiedet sich und denkt über die letzte Frage nach. ?Herr Berger, sind Sie inzwischen ein reicher Mann?? ?Ich bin wohlhabend und lebe gutbürgerlich. Es geht mir gut. Einen Jet oder eine Yacht, ja selbst eine Ferienvilla besitze ich nicht.?Sein Zweithaus, das ist die mobile Welt. So wird er vielleicht schon morgen früh wieder in ein Flugzeug steigen, um irgendwo zu beraten.
Sein LebenHerkunftRoland Berger wird am 22. November 1937 in Berlin geboren. Er wächst in Bayern auf, geht in Landshut, München und Nürnberg aufs Gymnasium. Später studiert er in München Betriebswirtschaftslehre, hört auch Vorlesungen in Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und Psychologie. Sein erstes eigenes Unternehmen gründet er noch als Student Ende der 50er-Jahre (Foto), eine Wäscherei im Münchener Stadtteil Bogenhausen.Karriere1962 steigt er als Berater bei einer amerikanischen Gesellschaft ein. Erst 1968 macht er sich mit seiner eigenen Beratungsgesellschaft erneut selbstständig. Sein erstes größeres Projekt führt ihn in die Touristikbranche, dann arbeitet er für Oetker, einen italienischen Spirituosenhersteller und die Deutsche Bank. Schnell spezialisiert er sich auf Strategie- und Marketingberatung. Später kommt die Personal- und Politikberatung hinzu. Er wird Lehrbeauftragter für Marketing und Werbung an der Technischen Universität München, später lehrt er als Honorarprofessor für Betriebswirtschaft und Unternehmensberatung an der BTU Cottbus.In den späten 80er-Jahren beteiligt sich die Deutsche Bank vorübergehend mit 75 Prozent an der Münchener Unternehmensberatung, eine Liaison, die rund zehn Jahre später in einem Management-Buy-out an Roland Berger und seine Partner wieder gelöst wird.UnternehmenHeute gehört Bergers Firma Roland Berger Strategy Consultants mit fast 200 Partnern, 1 750 Mitarbeitern in 35 Büros und 25 Ländern zu den führenden Beratungsgesellschaften der Welt. Gründer Roland Berger ist Ende 2002 in den Aufsichtsrat gewechselt, die Firma wird heute von Burkhard Schwenker geleitet.Bergers Nachfolger gilt als großes Verkaufstalent. Schwenker wird als teamfähig und führungsstark beschrieben. Bei seiner Wahl zum neuen Chef gab es unter den Partnern keine einzige Nein-Stimme und nur wenige Enthaltungen.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.12.2005