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Rock-Opas auf Beutezug

Von Frank Siering
Zählt man ihre Erfahrung in Berufsjahren zusammen, dann arbeiten die drei Rock-Opas schon seit 160 Jahren im Musikgeschäft. Jac Holzman, 73, Ahmet Ertegun, 82, und Seymour Stein, 63, sollen helfen, die Warner Music Group weltweit wieder ganz nach vorner zu bringen.
LOS ANGELES. Zählt man ihre Erfahrung in Berufsjahren zusammen, dann arbeiten die drei Rock-Opas schon seit 160 Jahren im Musikgeschäft. Sie können sich noch an Plattenpreise von 25 Pfennigen, Weltkriege und Live-Auftritte von Louis Armstrong erinnern. Und nebenbei haben sie die erfolgreichsten Künstler der Welt produziert: The Doors, Ray Charles, Madonna, The Ramones und Led Zeppelin.Jac Holzman, 73, Ahmet Ertegun, 82, und Seymour Stein, 63, feiern dieser Tage ein Comeback, das sich nach einem Walt-Disney-Märchen anhört. Edgar Bronfman, Chef der Warner Music Group, hat die einstigen Superstars der Musikbranche geholt. Sie sollen helfen, den Musikkonzern im Konzert der vier weltgrößten Musikriesen wieder ganz nach vorne zu bringen. Warner Music rechnet in diesem Jahr nur mit einem stagnierenden Umsatz von 2,8 Milliarden Dollar.

Die besten Jobs von allen

The Good, the Bad, and The Ugly ? so tuschelt die Warner-Belegschaft über die drei neuen Rock-Oldies in der New Yorker Kantine. Und niemand traut sich zu sagen, wer denn nun welchen Part übernimmt.Ahmet Ertegun ist der Älteste im Bunde. Der Mann mit dem grauen Schnauz- und Kinnbart hat einst Atlantic Records gegründet, jenes Plattenlabel, das Ray Charles als aufstrebenden Jazz-Pianisten entdeckte. ?Ich war immer schon ein Jazz-Fan?, sagt Ertegun heute. Der Sohn türkischer Einwanderer, der in den 60er- und 70er-Jahren Größen wie The Rolling Stones, die Bee Gees, Led Zeppelin und Aretha Franklin zu Atlantic lockte, soll für Bronfman eine besondere Kollektion alter Aufnahmen von Ray Charles erarbeiten. Dafür hat der pfiffige Ertegun, der nachmittags im Büro ein Nickerchen machen darf, einen Freund an Bord geholt: den ehemaligen Led-Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page.Bronfman glaubt, dass Ertegun ein Mann ist, der ?durch alle Blendereien schnell die Wahrheit entdecken kann?. Als sich die Musikgruppe unlängst zur Präsentation einer jungen Band in New York traf, unterbrach Ertegun die Lobeshymnen des Bandmanagers mit der Frage: ?Und wie ist die Band live?? Der Angesprochene fing an zu stottern und gab zu, dass er die Combo noch nie live gesehen habe. ?Es sind diese Erfahrungswerte, die Bronfman in seinem Oldie-Team sucht?, glaubt Jim Henke, Vizepräsident im Rock and Roll Hall of Fame Museum in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio.Einen fast noch wichtigeren Part bei Warner Music hat Jac Holzman übernommen. Der einstige Gründer von Elektra Records, der die Doors entdeckt hat, soll für Bronfman ein Label entwickeln, das sich nur mit Musik zum Herunterladen aus dem Internet beschäftigt. Holzman arbeitete lange als Cheftechnologe für Warner Communications.Eigentlich wollte er in seinem Alter ?keinem geregelten Job mehr nachgehen?. Nach 23 Jahren Elektra war er ausgestiegen. Ein Häuschen in Hawaii, ein bisschen Surfen, und ab und zu mal einen Beratungsjob. So wollte der Jim-Morrison-Freund, der mit der Musiklegende zu dessen Lebzeiten häufig im Pub diskutierte, sein Leben fristen.Doch er überlegte es sich anders. ?Weil ich mit alten Freunden noch ein letztes Mal etwas bewegen möchte?, sagt der sympathische Mitsiebziger und klopft seinem alten Weggefährten Ertegun bei einem Fototermin für die Zeitschrift ?Business Week? freundschaftlich auf die Schulter. Bewegen muss die Musikindustrie tatsächlich etwas, damit es ihr wieder besser geht. Allein in den USA rutschte der Musikverkauf im ersten Halbjahr um 7,6 Prozent.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Rentnerband soll die Wende bringenBronfman und seine Investmentpartner kauften Warner Music Anfang vergangenen Jahres von Time Warner Inc für 2,6 Milliarden Dollar, räumten auf und feuerten ein Drittel aller Künstler. Trotz der Radikalkur liegt die Aktie mit rund 17 Dollar noch immer unter dem einstigen Emmissionspreis.Nun soll ausgerechnet die ?Rentnerband?, wie auf den Gängen des Rivalen Sony gewitzelt wird, die Wende bringen. Ein Manager, der ungenannt bleiben möchte, sagt: ?Das ist vergleichbar mit einem 70-Jährigen, der plötzlich noch einmal den Weltrekord im 100-Meter-Lauf brechen soll.?Aber genauso mag es Seymour Stein, der ?Straßenkämpfer? im Bronfman-Triumvirat. Mit 63 Jahren ist er der Youngster. Er war in jungen Jahren in Punk-Clubs unterwegs, auf der Suche nach neuen Talenten. ?Ich habe es geliebt?, sagt der Mann mit dem lichten grauen Haar. Wohl auch deshalb soll er für Bronfman nach Indien und Südafrika reisen, um neue Künstler zu entdecken.Das Stein ein gutes Ohr für Talente hat, beweisen die Stars, die er entdeckt hat, wie Madonna, The Ramones und die Talking Heads. ?Du kannst Musik nur dann wirklich erkennen, wenn du dir die Bands live anschaust.? Und genau das macht er dieser Tage. Er drückt sich in dubiosen Nachtclubs herum, den Schreibblock und die Ohrstöpsel immer dabei. So hat er einst U2 entdeckt.Die drei Senioren wissen, dass sich das Geschäft verändert hat. ?Heute ist das Internet wichtig, sind Downloads wichtig?, sagt Holzman. Aber eines habe sich nicht verändert, fügt Stein hinzu: ?Die Leute wollen immer noch gute Musik hören.?Bleibt nur zu hoffen, dass den Rock-Opas nicht der Fehler passiert, den Ahmet Ertegun noch heute als seine ?größte Fehlentscheidung? zum Besten gibt. Promoter Bill Graham bat ihn einst, einen dürren Gitarrenspieler in einer Bongo-Show in Kalifornien zu begutachten. ?Ich hab mir das angeschaut und den Kopf geschüttelt. Wer will schon Bongos hören?? ? Der Typ an den Trommeln war kein geringerer als Carlos Santana.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.08.2005