Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Roche hat einen Kronprinz weniger

Von Oliver Stock
Heino von Prondzynski hat sich entschieden, im kommenden Jahr aus der Konzernleitung des Schweizer Pharmariesen Roche auszuscheiden. Sein Nachfolger wird Severin Schwan, der bislang als Leiter der Region Asien-Pazifik in der Diagnostik-Sparte tätig war.
HB ZÜRICH. Wenn bisher die Konzernleitung des Schweizer Pharmariesen Roche aufmarschierte, sah das so aus: Franz Humer gab den hemdsärmeligen, aber konzilianten Anführer, Erich Hunziker verstand es als Herr der Zahlen, das trockenste alle Themen schmackhaft zu machen, William Burns verbreitete die frohe Botschaft, dass Roche noch immer neue Medikamente auf Lager hat.Und Heino von Prondzynski? Er kam als Letzter und versuchte, dem zweiten Standbein von Roche, der Diagnostik, die gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Die besten Jobs von allen

Künftig wird statt des etwas hageren, grauhaarigen Mannes ein Jüngerer seinen Platz einnehmen. Der 55-jährige von Prondzynski hat sich entschieden, im kommenden Jahr bei Roche auszuscheiden und ?sich persönlichen Interessen? zu widmen, teilte das Unternehmen gestern mit. An seine Stelle rückt Severin Schwan, 38 Jahre alt und bislang Leiter der Region Asien-Pazifik in der Diagnostik-Sparte.Die Nachricht, die Konzernchef Humer mit den üblichen Dankesworten für den Scheidenden und Vorschusslorbeeren für den Kommenden verband, ließ die Branche aufhorchen: Andrew Fellows etwa, der für das Analystenteam von Helvea Roche unter die Lupe nimmt, bezeichnete den Wechsel als risikoreich. Der Westfale von Prondzynski hatte sein Handwerk bei Bayer gelernt und bei Chiron perfektioniert. Die Erfahrungen des Nachfolgers seien doch eher beschränkt. Warum also wechselt Roche die Pferde in seinem zweitwichtigsten Bereich?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Rolle des Kronprinzen könnte Prondzynski geschadet haben.Klar, der Konzern hatte einige Posten zu Beginn des nächsten Jahres neu zu vergeben. Unter anderem endet die Amtszeit eines der Verwaltungsräte. In dem Gremium sitzen illustre Persönlichkeiten wie Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe und der ehemalige Kanzlerberater Horst Teltschik. Sie alle machen weiter. Rolf Hänggi, der dem Verwaltungsrat seit 1996 als dessen Vizepräsident angehört, geht endgültig. An seine Stelle soll die Baslerin Beatrice Weder di Mauro rücken, die in Deutschland eine Nummer ist, seit sie im August 2004 zum Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ernannt wurde. Doch warum geht die graue Eminenz? Die Ergebnisse, die er in den vergangenen Jahren erzielte, waren, gemessen am Pharmamarkt, bescheidener, im Vergleich zur Diagnostik-Konkurrenz konnte sich Roche aber bislang sehen lassen. Die Schweizer sind der größte Anbieter von diagnostischen Geräten in der Welt. Der Umsatz der Sparte soll in diesem Jahr prozentual einstellig, aber auf jeden Fall überproportional zum Weltmarkt wachsen.Die Diagnostika seien auf Kurs zum operativen Margenziel von 23 Prozent im Jahr 2006, hatte von Prondzynski kürzlich bekräftigt. Im Vorjahr lag die operative Gewinnmarge des Geschäftsbereichs bei 21,4 Prozent. In den ersten neun Monaten dieses Jahres hatte der Diagnostik-Umsatz in lokalen Währungen allerdings nur um vier Prozent auf vier Milliarden Euro zugelegt. Im gleichen Zeitraum wuchs der Pharma-Bereich um 22 Prozent auf 12,5 Milliarden Euro. So weit hinterherzuhinken dürfte von Prondzynski nicht und seinem Chef gar nicht gefallen haben.Geschadet haben könnte ihm zudem seine Rolle als Kronprinz, als der er seit vergangenem Jahr gehandelt wird. Damals machte Roche die Spartenleiter für Pharma und Diagnostik unabhängiger, ließ den Chefs in ihren Bereichen weitgehend freie Hand. Von Prondzynski war so unvorsichtig, noch höhere Weihen für sich nicht auszuschließen. Bei Humer, der bei aller Verbindlichkeit über ein gesundes Machtbewusstsein verfügt, dürften solche Töne nicht so gut angekommen sein.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.12.2005