Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Rivalität und Respekt

Von Frank Siering
Sie sind die Letzten ihrer Art: Die herrischen Diktatoren von Medienimperien. Doch obwohl ihre Führungsmethoden überholt scheinen, sind Viacom-Lenker Sumner Redstone und News-Corp-Macher Rupert Murdoch so erfolgreich wie nie zuvor. Der eine sitzt am liebsten in seiner Garage und kontrolliert die Hebel seines Imperiums. Der andere lässt einen Feng-Shui-Berater anheuern, der die Büros der Angestellten so einrichtet, dass die Energie kreisen kann.
LOS ANGELES. Der eine sitzt am liebsten in seiner Garage und kontrolliert die Hebel seines Imperiums zwischen zwei 500-Liter Salzwasser-Aquarien. Der andere lässt über seine Frau einen Feng-Shui-Berater anheuern, der die Büros der Angestellten so einrichtet, dass die Energie kreisen kann.Alter macht vielleicht ein wenig exzentrisch: Fischfreund Sumner Redstone ist 83, Esoterik-Anhänger Rupert Murdoch 75. Doch dieser Hang zum Merkwürdigen ändert nichts an ihrem Erfolg: Die ?letzten Titanen der Medienbranche? (?Los Angeles Times?) sind heute so mächtig wie niemals zuvor. Redstone als Lenker von Viacom, Murdoch als Chairman der News Corp.

Die besten Jobs von allen

Ihre Parallelen sind bemerkenswert: Beide haben Milliarden Dollar auf Konten in den USA und in der Schweiz; beide haben Frauen geheiratet, die halb so alt sind wie sie selbst; beide leiten sie eben Medienkonglomerate, die sich nicht allein auf einen Branchenzweig beschränken, die von Internet über Fernsehen bis zu Film und Zeitungen alle Bereiche abdecken ? und entsprechend kreuzen sich ihre Wege regelmäßig.Was sie aber abhebt von anderen Top-Managern ist die Tatsache, dass beide ihre Unternehmen führen wie vor 20 Jahren: Sie sind die unbestrittenen Chefs ? obwohl News Corp. und Viacom an der Börse sind. Redstone hat es dabei einfacher, er besitzt 70 Prozent der stimmberechtigten Anteile. Murdoch hat ein Drittel, jedoch sind ihm die Stimmen von Freunden sicher, so vom saudischen Prinzen Alwaleed bin Talal, der über fünf Prozent an News Corp. gekauft hat.?Wenn Rupert sagt ,Let?s do it?, dann dreht sich in der Firma alles sofort nur noch um sein neues Ziel?, gibt ein Manager preis: ?Den Mann umgibt eine Aura, die es in der heutigen Geschäftswelt nicht mehr gibt.?Und er leistet sich, was nur noch wenige tun: Entscheidungen aus dem Bauch. Vergangenes Jahr kaufte er das Internet-Konglomerat Intermix, Mutter der vor allem von Jugendlichen geliebten Kontaktplattform Myspace. Der Rentner und die Teenager ? so mancher lachte. Heute gilt Myspace als eines der spannendsten Marketinginstrumente der Musik- und Filmindustrie mit über 50 Millionen Nutzern. Auch Redstone zieht an den Zügeln, wie es ihm beliebt, Kritik aus den eigenen Reihen kümmert ihn wenig.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Geheimnis ihre ewigen JugendDer Viacom-Chef erregte jüngst Aufsehen, als er mit Tom Cruise kurzerhand einen Superstar vor die Tür setzte. Redstones Begründung: Cruises öffentliches Auftreten schade den Paramount Studios, die zum Viacom-Imperium gehören. Außerdem sah es Redstone für nicht mehr gerechtfertigt, dass Cruise von Paramount jedes Jahr zehn Millionen Dollar ohne Gegenleistung bekam. ?Ich bin Viacom?, sagt Redstone mit einem sanften, aber bestimmten Lächeln. Tatsächlich war es der 83-Jährige, der das Unternehmen von einem Autokino zu einer der mächtigsten Mediengiganten der Welt aufgebaut hat. Eine Position, die es ihm erlaubte, im Alleingang Anfang September Vorstandschef Tom Freston zu feuern. Grund: Myspace. ?Wir hätten das Ding für 500 Millionen kaufen können?, kritisiert Redstone ? Murdoch war schneller.Der Wettkampf gegeneinander scheint die beiden Titanen jung zu halten. Nur wenige Monate nachdem Murdoch Myspace übernommen hatte, folgte ein weiterer Triumph für den Australier. Viacom hatte schon ein Siegesdinner für die Akquise der Computerspiel-Nachrichtenseite IGN Entertainment arrangiert, als Murdochs Truppe in einer überfallartigen Aktion das Unternehmen für 650 Millionen Dollar wegschnappte.?Die Leute sagen, Murdoch macht riskantere Investitionen als ich, aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich glaube, dass wir uns sehr ähnlich sind?, sagt Redstone. Rivalität und Respekt ? es sind fast verloren geglaubte Werte, die das Duell der beiden auszeichnet.Murdoch gilt als der verschwiegenere und schlitzohrigere. Interviews gibt er selten, wenn er auf Fragen antwortet, dann meist in langen, nichts sagenden Passagen. Redstone dagegen schießt mit Antworten um sich wie einst John Wayne mit seinem Colt. ?Ich glaube, dass Murdoch der bessere Business-Mann ist?, sagt Medieninvestor Morris Mark. Grund: Viacoms Kurs steige zwar solide um fünf bis acht Prozent im Jahr, der von News Corp allerdings um zwölf bis 18 Prozent. ?Die Aktienentwicklung reflektiert die Männer an der Spitze der Firmen?, behauptet Mark.So wird Redstone oft als ungeduldig beschrieben, zu sehr achte er auf den Aktienpreis und treffe eher kurzfristige Entscheidungen. Murdoch ?sieht seine Firma nicht als öffentliches Unternehmen. Er denkt, er weiß mehr als alle anderen?, sagt Bill Mechanic, Ex-Chef von Murdochs 20th Century Fox Studio.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die NachfolgersucheFür diese Arroganz musste der zum dritten Mal verheiratete Murdoch mehrmals finanzielle Rückschläge einstecken. Gilt Murdoch in der Branche doch als ?Big Spender?, der oft mehr Geld für eine Investition ausgibt als nötig. So zum Beispiel, als er 1994 1,5 Milliarden Dollar für fünf Jahre Übertragungsrechte der American-Football-Liga NFL ausgab ? 400 Millionen Dollar mehr als die Konkurrenz.Redstone ? oder ?Mr. Big Cheese?, wie ihn Ehefrau Paula Fortunato nennt ? beginnt jeden Morgen mit der Einnahme von Protein-, Spinat- und Blaubeer-Shakes (?Wegen der Antioxidantien?, sagt Redstone). ?Ich will die Firma noch 30 Jahre führen?, witzelt er gern. Humor eines Mannes, der sein Leben schon beendet glaubte: 1979 wurde er von der Regenrinne eines brennenden Hotels gerettet. ?Sumner ist ein harter Hund?, weiß Les Moonves, der die Viacom-TV-Senderkette CBS leitet.So hart, dass er unter dem gleichen Problem leidet wie Rupert Murdoch: Es fehlt ein Nachfolger.Mit den Kindern sind die alten Haudegen zum Teil so zerstritten, dass nur noch über Anwälte kommuniziert wird. Und Nell Minow, Chef des Marktforschers Corporate Library, sagt: ?Das Problem mit Führungskräften, die größer scheinen als das Leben, ist, dass sie die jungen potenziellen Manager einfach absägen und somit keine gute Business-Umgebung für eine Nachfolge hinterlassen.?Immerhin gibt Murdoch seinem Nachwuchs noch einmal eine Chance ? oder besser umgekehrt. ?Lachlan könnte zurückkommen?, sagte er Anfang der Woche gegenüber der ?Financial Times? über seinen ältesten Sohn. Der 35-Jährige hatte vergangenes Jahr frustriert die Brocken hingeworfen.Doch beschäftigt sich der Senior wirklich mit seinem Abschied? ?Die beiden Herren glauben ohnehin nicht, dass sie irgendwann einmal sterben müssen?, sagt ein Investmentbanker, der in Medienaktien investiert. Und er erinnert daran, dass Redstone und Murdoch schon wieder ein neues Kampffeld eröffnet haben: China. Murdoch will den Markt mit seinem Satellitenfernsehen erobern. Redstone setzt auf Kabelfernsehen und die Paramount-Filme. Das Rennen um den letzten großen unerschlossenen Medienmarkt hat begonnen. Und zwei Herren im Rentenalter kabbeln um den Sieg.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.10.2006