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Rituale

Dorothee Echter
Unser Gehirn und erst recht unsere Seele brauchen mehr als dürre Rationalität, sie brauchen Gefühl, Farbe, Bewegung, Gemeinsamkeit und Begeisterung - sie brauchen Rituale.
Statussymbole, Hierarchie-Inszenierungen, immer gleiche Führungstreffen, bei denen nur Selbstdarstellungstalente groß rauskommen - solche Unternehmensrituale sind überflüssig in einer Situation, in der es auf schnelle Ergebnisse und auf die Wirkung nach außen ankommt. Teure Beratungsaufträge und aufwändige Vorstandspräsentationen, die nur dazu dienen, die längst gefällte Entscheidung nach außen gut aussehen zu lassen - verzichtbar! Zeitverschwendung in einer Welt, in der es um Ergebnisse und um Tempo geht.

In den 70er Jahren brachte meine Generation von den Universitäten die Ideen der antiautoritären Bewegung in die Unternehmen, alte Zöpfe wurden hinterfragt und abgeschnitten. Seit den 80er Jahren machten uns konjunkturelle Krisen und in den 90ern der Druck der Globalisierung glauben, dass wir uns keine Kulte und Riten leisten könnten. Mehr und mehr traditionelle Bräuche wurden gestrichen: keine gemeinsamen Pausen, Meetings nur noch im Vorübergehen oder per Telefonkonferenz, Geld statt symbolischer Ehrungen. Haben wir das Kind mit dem Bade ausgeschüttet? Nach dem Anthropologen Arnold Gehlen ist der Mensch zwar intelligent, hat aber, anders als das Tier, keinen starken Instinkt, mit dem er die ungeheure Komplexität der Außenwelt verarbeiten könnte. Deshalb sei er fürs Überleben auf Normen und Rituale angewiesen (in "Der Mensch, seine Natur und seine Stellung in der Welt"). Mary Douglas, eine zeitgenössische amerikanische Forscherin, weist in "Rituale, Tabu und Körpersymbolik" nach, dass Rituale für die Kommunikation wichtiger sind als Wörter für das Denken.

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Es wird also Zeit, Rituale wieder neu zu entdecken und positiv zu gestalten! Die Zuhörer meines Vortrags "Rituale im Management" auf einem Kongress in Zürich Ende März haben mir bestätigt, dass Manager und Unternehmenslenker das Potenzial der Rituale heute kaum nutzen, obwohl die positiven Wirkungen bekannt sein sollten:

>> Sie reduzieren Komplexität und geben Orientierung - wie religiöse Zusammenkünfte.

>> Sie helfen, Veränderungen und biographische Übergänge leichter zu bewältigen: Heirat, Umzug ins Eigenheim oder Taufe.

>> Sie vermindern negative Gefühle, etwa den Schmerz durch die Trauerfeier, oder helfen, sie zu beherrschen, etwa die Aggressionen durch die Gerichtsverhandlung.

>> Sie fördern Heilung und Versöhnung nach Krisen, wie das Genesungsmahl, der Triumphmarsch oder die Friedenspfeife.

>> Sie stärken die Zugehörigkeit zum Team und die eigene Rollenidentität, wie Jubiläen und Ehrungen.

Wie ist es möglich, Rituale zu erfinden, zu gestalten? Sie entstehen im Idealfall als ein Akt gemeinsamer Kreativität. Für die Beteiligten müssen Anlass und Prozess eine emotionale Bedeutung haben, auch für Sie selbst. Sonst kommt ein unglaubwürdiges oder sogar zynisches Vorgehen dabei heraus. Definieren Sie einen bestimmten Ablauf, einen speziellen Raum, eine vom Alltag abgegrenzte Zeit. Besondere Erfahrung darin haben die Personalentwickler und Verhaltenstrainer. Sie kreieren Traningsabläufe, die Spaß machen und effektiv sind, weil sie die rationalen mit den emotionalen Lerninhalten kombinieren - ganz ähnlich wie beim Erschaffen neuer Rituale. Berater, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben, gibt es dagegen kaum. Beispiele für neue Rituale sind:

>> Ein besonderer Ablauf in Meetings, so dass Dank und Wertschätzung ausgedrückt und Teilerfolge gefeiert werden.

>> Eine Abschiedsfeier für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens, das von einem anderen Unternehmen übernommen wird.

>> Einrichtung eines Museums zur Würdigung der vergangenen Unternehmensperiode, mit persönlichen und symbolischen Exponaten.

>> Etablierung von Flurgesprächen zum informellen Austausch, mit Möblierung und Bewirtung des Flurs.

Als Coach plädiere ich dafür, die Kraft der Rituale zu nutzen, um Kontinuität inmitten von Veränderungen zu schaffen. Warum klagen so viele Führungskräfte darüber, dass viele gute Ideen und Projekte nicht nachhaltig umgesetzt werden? Der langwierigen und frustrationsreichen Phase der Implementierung von Neuerungen fehlen Rituale, Ankerpunkte für Zugehörigkeit und Rollenidentität im Team ebenso wie für den Umgang mit unvermeidlichen Misserfolgen. Warum scheitern die meisten Fusionen und Übernahmen? Weil es kaum glaubwürdige Rituale gibt, die das Alte angemessen würdigen, einen emotional positiven Abschied unterstützen und damit den Menschen die Hinwendung zum Neuen erst ermöglichen. "Objektive" Argumente, Daten und Fakten reichen nicht, sie werden in ihrer Bedeutung für die Veränderungs- und Leistungsbereitschaft von Menschen hoffnungslos überschätzt.

Gerade Veränderungsprozesse sind in den Unternehmen heute dramatisch unter-ritualisiert. Unser Gehirn und erst recht unsere Seele brauchen mehr als dürre Rationalität, sie brauchen Gefühl, Farbe, Bewegung, Gemeinsamkeit und Begeisterung - sie brauchen Rituale.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.04.2001