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Riskante Arbeitgeber

Bernd Andersch
Die allseits gepriesenen neuen Arbeitsplatzschaffer aus Hightech und Internet erweisen sich als Luftnummern, die Old Economy ist unterschiedlich stabil. Zeigen die aktuellen Wirtschaftstrends Wirkung bei Ihrem Arbeitgeber? Es gibt eine Reihe von Frühwarnindikatoren. Treten sie gehäuft auf, sollten Sie handeln.
Die allseits gepriesenen neuen Arbeitsplatzschaffer aus Hightech und Internet erweisen sich als Luftnummern, die Old Economy ist unterschiedlich stabil. Zeigen die aktuellen Wirtschaftstrends Wirkung bei Ihrem Arbeitgeber? Es gibt eine Reihe von Frühwarnindikatoren. Treten sie gehäuft auf, sollten Sie handeln. Möglicherweise steht der eigene Arbeitsplatz schneller zur Disposition, als man erwartet hat.

Äußerst kritisch sind Bewegungen in der Geschäftsführung zu verfolgen. Verabschiedet sich plötzlich ein Vertriebsvorstand oder Vorstandsvorsitzender nach erfolgreicher Arbeit aus freien Stücken, verlässt er möglicherweise vorausschauend das sinkende Schiff. Mit wachen Augen sind die Medienauftritte der Geschäftsführungsmitglieder zu beobachten. Genauso schwach, wie mancher Vorstandsvorsitzende vor die Kamera tritt, um den neuerlichen Kursrutsch an der Börse zu kommentieren, ist es offensichtlich um die Stabilität des Topmanagements bestellt. Die Presse zum eigenen Unternehmen sollte man ohnehin ständig verfolgen. Da erfahren selbst Führungskräfte häufig mehr als aus offiziellen Unternehmenskanälen.

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Randerscheinungen können gleichfalls wichtige Hinweise zum Stand des Unternehmens liefern. Zeigen sich bekannte Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben oder der Politik seltener als früher mit Topmanagern, gehen sie zu dem vermeintlichen Looser auf Distanz. Spätestens wenn verstärkt Investoren oder Controller, Revisoren oder externe Unternehmensberater auftauchen, weiß jeder, dass es kriselt. Gleiches gilt, wenn erste Umstrukturierungsmaßnahmen entwickelt und Verantwortlichkeiten verschoben werden.

Als gefährlich sind Arbeitgeber einzustufen, wo Führungskräfte zurückgehenden Umsatz und sinkende Gewinne mit großspurigen Sprüchen bekämpfen. So trat kürzlich ein Manager der dritten Reihe eines bedeutenden Hightech-Unternehmens, das den Börsenkurs von rund 70 Dollar auf 20 Dollar reduziert hatte, vor seine Crew und teilte seinen ungebremsten Optimismus mit: "Ich habe vollstes Vertrauen zum Vorstand. Vor acht Monaten konnte ich mit meinen Aktienoptionen noch einen ganzen Straßenzug kaufen. Jetzt werde ich eben ein Haus nach dem anderen kaufen."

Weitere Frühwarnindikatoren ergeben sich aus einer modernisierten Personalpolitik, die von Managern in der Schusslinie vorgetragen wird: Neueinstellungen werden komplizierter gestaltet, Kollegen werden ohne erkennbarem Grund nach der Probezeit nicht übernommen, Vorgesetzte sind plötzlich mit den erbrachten Arbeitsleistungen der Mitarbeiter nicht mehr zufrieden, vereinbarte Förder- und Gehaltsgespräche werden verschoben. Erscheinen Führungskräfte dann noch häufiger und früher am Schreibtisch als sonst, bleiben sie länger als gewohnt im Büro, so kann das den schlechten Eindruck nur abrunden Wie es um die Auftragssituation des Unternehmens steht, wird aus anderen Indikatoren abgeleitet. Verdächtig ist es, wenn Entwicklungsprojekte zu früh und kaum vertretbar dem Kunden als fertige Lösung präsentiert, wenn vermeintlich wichtige Projekte gestoppt oder in ungekannter Härte durchgepeitscht werden, wenn kosmetische Projekte an Priorität gewinnen, für die nie Zeit war. Da werden Löcher im Auftragsbuch gestopft. Nicht selten sieht der kränkste Patient am besten aus!

Man braucht nicht im Controlling zu arbeiten, um ein gutes Gefühl fürs Kostenmanagement zu entwickeln. Starrt das Management wie elektrisiert auf die wachsenden Umsätze, haben es Kostenapostel schwer. Vom Management werden sie als Erbsenzähler mit dem Argument abgekanzelt: "Machen Sie sich mal keine Sorgen, die Zahlen sprechen ja für uns." Flacht dann in diesen Unternehmen der Umsatzzuwachs ab, nähern sich wegen der aufgetürmten Fixkostenblöcke Umsatz und Kosten in rasanter Geschwindigkeit. Besonders betroffen sind junge Unternehmen und erfolgsverwöhnte Umsatzmaximierer. Kommen dann noch krisenunerfahrene Manager dazu und Verpflichtungen des Unternehmens aus theoretischen Aktienoptionen, die voll in die Gewinn- und Verlustrechnung gehen, wird s brenzlig.

Doch was tun, wenn Sie ein erhebliches Risikopotenzial für Ihren Arbeitsplatz erkennen? Keinesfalls vorschnell handeln. Veränderungen im Unternehmen bringen nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Gut ist es, immer für den schlimmsten Fall gerüstet zu sein. Oberstes Gebot: Am eigenen Arbeitsplatz nichts anbrennen lassen! Führen Sie Buch, an welchen Projekten Sie arbeiten, welche Aktivitäten Sie dort wahrgenommen haben, mit welchen Störungen Sie zu kämpfen hatten, wie Sie diese gemanagt haben. Bereiten Sie sich darauf vor, jedem Ihre Daseinsberechtigung und Bedeutung für das Unternehmen darstellen zu können. Klinken Sie sich, soweit es Ihnen möglich ist, in die wichtigsten Unternehmensprojekte ein. Lassen Sie sich bei Vorgesetztenwechsel ein Zwischenzeugnis ausstellen und last but not least, recherchieren Sie schon einmal, welche Arbeitgeber Sie noch interessieren könnten. Verkehrt kann es dann auch nicht sein, die eine oder andere Bewerbungsmappe griffbereit zu halten.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.03.2001