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Rickes Dunkelblauer

Von Thomas Nonnast und Katharina Slodczyk, Handelsblatt
Walter Raizner wechselt von IBM zur Telekom und übernimmt den neuen Riesenbereich Breitband und Festnetz.
FRANKFURT/DÜSSELDORF. Und das alles, obwohl es für Champagnerlaune keinen Anlass gibt: Die Zahlen sind schlecht, die Deutschland-Tochter des Technologieriesen hat mal wieder einige Vorgaben der US-Konzernzentrale nicht erreicht.Seit vergangenem Freitag ist der Grund für seine gute Stimmung klar. Raizner verhandelte offenbar schon damals hinter den Kulissen über einen der einflussreichsten Jobs, den die Deutsche Telekom zu vergeben hat: den Chefposten der Festnetzsparte, der größten und wichtigsten Säule des Bonner Konzerns. Raizner bekommt diese Stelle ab 1. November und sticht interne Kandidaten wie Thomas Holtrop, Chef der Internettochter, aus. Der Job war frei geworden, als Josef Brauner Ende März wegen der Probleme mit der LKW-Maut abtrat.

Die besten Jobs von allen

Den Deutschland-Chef von IBM zu seinem Nachfolger zu küren ist auf den ersten Blick nicht besonders nahe liegend: Raizner ist einer, der sein gesamtes Berufsleben mit Großkunden zu tun hatte ? bei der Telekom soll er sich aber um das Massengeschäft kümmern.Auf den zweiten Blick waren es vermutlich zwei Dinge, die für den 50-Jährigen gesprochen haben. Zum einen erscheint Raizner als der richtige Mann, um den Vertrieb der Telekom zu reformieren. Bei IBM hat Raizner bereits mit einem solchen Umbau begonnen, damit es für alle Produkte nicht mehr verschiedene Organisationen, sondern nur noch einen Ansprechpartner gibt. Die Telekom will eine ähnliche Richtung einschlagen. Und zum anderen kennt er sich in Großunternehmen aus, weiß, wie sie ticken, hat Erfahrung mit Hierarchien.Seit 20 Jahren arbeitet er bei dem weltweit größten Computerkonzern. Er kennt alle Facetten des IT-Geschäfts: Marketing, Vertrieb, Produktion bis hin zur weltweiten Verantwortung für die Strategie im Geschäft mit elektronischen Datenspeichern. Er hat zudem die Kaderschmiede in der US-Konzernzentrale durchlaufen, wo Manager für höhere Aufgaben geformt werden. Herausgekommen ist das, was man IBM-intern einen ?Dunkelblauen? nennt ? einen, der den Corpsgeist verinnerlicht hat. ?Raizner ist aus Sicht der IBM-Zentrale ein idealer Manager: loyal bis zur Willfährigkeit?, berichtet ein Kollege. Kein Wunder, dass die Wahl auf Raizner fiel, als IBM vor eineinhalb Jahren die deutsche Tochter stärker an sich binden wollte. Er beerbte daher Erwin Staudt.Krasser hätte der Gegensatz zwischen beiden nicht ausfallen können: Staudt, der joviale Kumpeltyp, volksnah und temperamentvoll, sozialpolitisch engagiert und für die Politik ein geschätzter Gesprächspartner ? kurzum ein Mann mit Charisma. Raizner dagegen wirkt smart und distanziert. ?An den kommt man nicht ran: Der siezt sogar die Leute, die direkt an ihn berichten?, berichten Kollegen und Geschäftspartner. Ansonsten ist er der große Unbekannte in der deutschen IBM. ?Da fällt einem wenig ein, womit man ihn charakterisieren könnte?, sagt ein IBM-Spartenchef. Es ist allenfalls seine Fachkompetenz auf dem IT-Gebiet, die gelobt wird, und dass er nicht lange um den heißen Brei herumredet. ?Was er ankündigt, hat bei ihm Hand und Fuß?, erzählt ein IBM-Manager.Mit seinem Vorgänger Staudt hat Raizner nur eines gemeinsam: Beide scheiterten an den hohen Vorgaben der US-Zentrale. Zweistellige Wachstumsraten, so die Zielvorgabe in Armonk, verfehlte die Deutschland-Tochter klar. Aber selbst Mitarbeiter, die Raizner kritisch sehen, sagen hinter vorgehaltener Hand: ?Die Ziele aus Armonk sind zu ambitioniert.?Auch die Aufgaben, die Raizner bei der Telekom erwarten, haben es in sich: Er muss die Zahl der Mitarbeiter deutlich senken und die Festnetzsparte auf Effizienz trimmen. Er muss den Umsatzrückgang stoppen und sich zwischendurch auch noch mit dem Regulierer auseinander setzen ? absolutes Neuland für ihn.Damit nicht genug: Raizner wird nicht nur Chef der Festnetzsparte T-Com, sondern auf Konzernebene für den gesamten Breitbandbereich verantwortlich, zu dem T-Online und T-Com zählen. So will es Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke, der Konzern und Vorstand umbaut. Die Sparten sollen künftig enger miteinander und nicht mehr gegeneinander arbeiten.Trotz der vielen Herausforderungen gab es für Raizner wohl keinen Grund, den Job abzulehnen. ?Es war finanziell ein Angebot, bei dem man nicht Nein sagen konnte?, ist auf den IBM-Fluren zu hören. Raizner wird bei der Telekom wohl wesentlich mehr verdienen als bei seinem alten Arbeitgeber. Sein Vorgänger Brauner erhielt ein festes Jahresgehalt von 900 000 Euro. Das ist etwa zweimal so viel wie das, was IBM seinen Deutschland-Chefs zahlt.In Bonn bekommt Raizner zudem nicht nur ein eigenes Büro, sondern einen ganzen Flur ? wie alle anderen Vorstände auch. Bei IBM hatte er nur einen Schreibtisch im Großraumbüro mit eigenem Rollcontainer. Vertrauliche Telefongespräche waren da schwer möglich. Dafür musste er sich in den Glasraum in der Mitte des Großraumbüros begeben.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.09.2004