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Rewe-Chef Reischl tritt vorzeitig ab

Beim Kölner Handelsriesen kommt es bereits acht Monate früher als geplant zu einem Führungswechsel. Damit zog der Aufsichtsrat die Konsequenzen aus den Plänen Reischls, sich in den Aufsichtsrat von Karstadt-Quelle wählen zu lassen - denn er fürchtete offenbar Geheimnisverrat.
Hans Reischl gibt den Chefposten bei Rewe vorzeitig ab. Foto: dpa
HB/cs KÖLN. Rewe-Chef Hans Reischl werde zum 30. April aus seinen Ämtern ausscheiden, teilte das Unternehmen am Mittwoch mit. Der designierte Nachfolger Ernst Dieter Berninghaus werde bereits vom 1. Mai an den Konzern führen. Die Trennung vom Unternehmen erfolge in Freundschaft und Dankbarkeit, hieß es weiter.Wahrer Hintergrund für die vorzeitige Trennung sind nach Informationen des Handelsblatt die Pläne des 64-Jährigen sich am kommenden Dienstag in den Aufsichtsrat der Essener Karstadt-Quelle AG wählen zu lassen. Gemeinsam mit dem ehemaligen Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff soll Reischl dann auf der Hauptversammlung die scheidenden Karstadt-Aufseher Reinhard Koep und Gunter Thielen ablösen. Das aber sah man im Rewe-Aufsichtsrat gar nicht gerne, zog daraus nun die Konsequenzen und eröffnet Reischl damit die konfliktfreie Übernahme neuer Aufgaben und Engagements außerhalb der Gruppe.

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?Wir werden einem solchen Aufsichtsratsmandat von Hans Reischl nicht zustimmen?, sagte ein Rewe-Aufsichtsratmitglied im Vorfeld der Mitteilung kategorisch gegenüber dem Handelsblatt. Ein eigens in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten sei zu dem Ergebnis gekommen, dass gegen Reischls zusätzliche Aufgabe bei einem Wettbewerber ?erhebliche Bedenken? bestünden.Die Sorge der Kölner Oberaufseher war keineswegs unberechtigt. Erst zum Jahreswechsel sollte sich der amtierende Rewe-Vorstandschef in den Ruhestand verabschieden. Bis dahin hätte er dem Essener Warenhaus- und Versandhandelskonzern wichtige Interna aus dem eigenen Hause preisgeben können.Nicht nur im Elektronik-Handel gelten Rewe und Karstadt-Quelle als Konkurrenten. Vor allem im Touristik-Geschäft treten sie gegeneinander an. Die Karstadt-Quelle-Beteiligung Thomas Cook ist in Deutschlands Reisebranche die Nummer zwei, Rewe mit seinen Beteiligungen an LTU, Atlas Reisen und DER die Nummer drei. Mit der Wahl zum Karstadt-Quelle-Aufsichtsrat hätte der Rewe-Chef Einblick in die Bücher beider Unternehmen. ?Wenn wir dies genehmigen?, fürchtete ein weiterer Rewe-Aufsichtsrat, ?riskieren wir, später wegen der Verletzung unserer Aufsichtspflichten in Haftung genommen zu werden.? Vom Rewe-Chef selbst war dazu bislang keine Stellungnahme zu bekommen.27 Jahre lang hat Reischl nahezu unangefochten den genossenschaftlich organisierten Konzern regiert. Konflikte drangen nur selten nach draußen. Seit aber der Pensionierungstermin feststeht, verlor der Bauernsohn merklich an Gefolgschaft. ?Reischl hat sich bei den Genossen nicht nur Freunde gemacht?, berichtet ein Insider. Vor allem die Fehlinvestitionen bei Pro Sieben und im Touristiksektor kreiden ihm manche der selbstständigen Rewe- Händler an.Mit der Entscheidung hat der Aufsichtsrat möglicherweise auch einen Eklat verhindert. Denn hätte sich Reischl über den Aufsichtsrat hinweg gesetzt, hätte er gegen die üblicherweise in Dienstverträgen enthaltenen Regelungen verstoßen. ?Eine Kündigung ist dann nicht auszuschließen?, sagt ein mit diesem Thema vertrauter Rechtsanwalt. Fristlos wäre sie aber kaum gewesen, denn dazu wiege der Vertragsbruch nicht schwer genug. Anderseits wäre eine Wahl in den Karstadt-Aufsichtsrat in jedem Fall rechtswirksam.Auch für Karstadt-Quelle hätte sich die Wahl des Rewe-Chefs in den Aufsichtsrat als Problem erweisen können. Die künftige Doppelfunktion, so sagen Experten, hätte gegen den deutschen Corporate-Governance-Kodex verstoßen. Diesem Regelwerk für Unternehmen hat sich aber der MDax-Konzern Karstadt-Quelle unterworfen.Hans Reischl gilt als Wunschkandidat der Familie Schickedanz, die auf der Kapitalseite die Essener Aktiengesellschaft dominiert. Zudem erwarb sich der 64-jährige Handelsmanager die Sympathie der Karstadt-Quelle-Eigner, indem er die Ausgliederung der defizitären Karstadt-Supermärkte einfädelte, die nun in einem Joint-Venture mit Rewe geführt werden. ?Falls es Karstadt-Quelle gelingt, sich das Know-how von Hans Reischl zu sichern?, urteilt der prominente Handelsberater Völker Dölle, ?könnte der Konzern davon erheblich profitieren.?
Dieser Artikel ist erschienen am 28.04.2004