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Revoluzzer mit mildtätigem Herzen

Von D. Heilmann, J. Koenen, Handelsblatt
Marc Benioff redet gern und viel. Ob es um seine Branche geht oder gesellschaftspolitische Themen ? der Gründer und Chef des Software-Anbieters Salesforce.com kommentiert fast alles. Und das auch ungefragt.
Marc Benioff
FRANKFURT/M. In der Regel hat der große Manager mit der massiven Statur und den üppigen Haaren auch etwas zu erzählen. Schließlich ist es ihm gelungen, in kurzer Zeit ein Unternehmen aufzubauen. Und das zählt seit wenigen Tagen zu den erfolgreichsten Börsendebütanten dieses Jahres.Kein Zweifel: Mit seiner 1999 gegründeten Salesforce.com weckt Benioff in der geschundenen IT-Industrie Erinnerungen an die stürmischen Zeiten des Internetbooms. Die Firma ist auf Software spezialisiert, mit der Unternehmen ihre Kundendaten besser verwalten und nutzen können. Die Programme erleichtern es zum Beispiel, Sonderangebote nur an spezielle Kundengruppen zu schicken. Seit 2001 hat sich der Umsatz von Salesforce.com jährlich mehr als verdoppelt und lag im vergangenen Jahr bei 96 Millionen Dollar. Seit einigen Quartalen arbeitet das Unternehmen profitabel.

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Der Erfolg ist in erster Linie Benioffs Leistung. Der 39-Jährige hat es immer verstanden, sein Start-up in den Schlagzeilen zu halten. Ob üppige Partys oder große Kundenveranstaltungen zur Premiere des Films ?Terminator 3? und anschließendem Privatdinner mit Superstar Arnold Schwarzenegger ? Benioff weiß genau, wie und wo er die Marketingmaschine einsetzt.?Wir müssen unsere Message auf die Straße bringen. Alles fließt zurück in unseren finanziellen Erfolg?, begründet er seinen Hang zur Show immer wieder. Das hat er von Larry Ellison gelernt, dem Gründer und Chef des weltweit drittgrößten Softwarekonzerns Oracle.Benioff fängt 1986 bei dem US-Unternehmen an und arbeitet sich über Führungspositionen in Verkauf und Marketing sowie in der Produktentwicklung hoch. Doch mit seiner Arbeit ist er letztlich nicht zufrieden. Er nimmt 1996 eine Auszeit und mietet sich in Hawaii ein. Bei langen Strandspaziergängen entwickelt er die Idee, die Programme anders als die meisten Softwarehäuser nicht zu verkaufen, sondern über das Internet gegen eine ?Miete? anzubieten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Branchenkenner fürchten langsameres WachstumSchon in seiner Jugend ist er erfindungsreich. Benioff wächst in San Francisco auf. Seine Eltern, stolze Besitzer eines Damenbekleidungshauses, sind für ihren Sprössling kaum da. Der vertreibt sich seine Zeit am liebsten damit, neue Computerspiele für den Commodore 64 zu entwickeln und zu verkaufen.Die Nase für das richtige Geschäft hat ihn bis heute nicht im Stich gelassen. Sein Mietmodell kommt gut an. Die Firmen sparen die monatelange und teure Installation der Computerprogramme und können kurzfristig entscheiden, wie viel Software sie nutzen wollen. Während die meisten Anbieter solcher Modelle gescheitert sind, hat es Benioff geschafft, den Platzhirschen im CRM-Markt (Customer Relationship Management) wie Siebel einen Schrecken ein- und Marktanteile abzujagen. Die Experten von AMR Research heben hervor, dass Benioff vom Trend zu kleineren IT-Projekten profitiert.Aber inzwischen bieten Siebel und Co. eigene Mietmodelle an. Einige Branchenkenner fürchten deshalb bereits, dass Salesforce.com künftig langsamer wachsen wird. Und Analysten wie Alastair McAulay vom Marktforscher PAC glauben, dass ?die Modelle noch viele Hürden nehmen müssen?. Dem widerspricht Benioff vehement. ?Die internetbasierte Software wird das traditionelle Lizenzmodell der Software-Industrie ersetzen?, lautet seine Botschaft, die er zur Schau trägt. Wo immer er auftritt, der Button mit der Aufschrift ?The End of Software? ist sein ständiger Begleiter. Nicht nur so zieht der Revoluzzer der Branche die Aufmerksamkeit auf sich, auch mit seiner widersprüchlichen Art. So setzt er zwar gnadenlos auf Erfolg und wirbt Personal bei Erzrivalen ab. Doch gleichzeitig präsentiert sich Benioff als Manager mit sozialem Bewusstsein. Seit dem Start von Salesforce gibt die Firma jeweils ein Prozent des Börsenwerts, des Umsatzes und der Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter für wohltätige Zwecke aus. ?Gutes tun ist bei uns Bestandteil des Geschäfts?, verkündete er Ende vergangenen Jahres bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Großbritannien und fügte hinzu: ?Wenn wir mit unserer Idee hier andere Firmen inspirieren, dann hat es sich gelohnt.?Sein soziales Fundament hat sich der bekennende Buddhist bei Reisen nach Indien besorgt. Die Gurus haben ihm vor allem eines erklärt: Erleuchtung und Karriere sind vereinbar. Auch künftig wird er diese Vision vom Gutmenschen kundtun.Dass der Redselige zurzeit so schweigsam ist, liegt an der von der US-Börsenaufsicht SEC verordneten ?quiet period? rund um den Börsengang. Gegen die hat er in einem Interview schon einmal verstoßen. Deshalb musste Salesforce.com seinen Gang aufs Parkett im Mai um mehrere Wochen verschieben.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.07.2004