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Revanche auf norddeutsch

Von Gregory Lipinski
Mitte 2003 änderte sich das luxuriöse Leben des Alexander Falk schlagartig: Die Hamburger Staatsanwaltschaft verdächtigte den New-Economy-Star des Betrugs in ?besonders schwerem Fall?. Wird er nun freigesprochen, droht der Stadt Hamburg eine deftige Schadensersatzklage.
HB HAMBURG. Die Hamburger Staatsanwaltschaft verdächtigt den Shootingstar des Neuen Marktes des Betrugs in ?besonders schwerem Fall?. Er kommt für mehr als 22 Monate in Untersuchungshaft. Das Millionenvermögen des heute 36-Jährigen wird beschlagnahmt ? sein Reich aus Internetfirmen, Banken und Immobilien zerbricht. Sein einziger Verdienst als Häftling: täglich ein paar Euro. Und für die Medien ist er ohnehin der Böse.Nun aber deutet sich eine spektakuläre Wende in einem der schlagzeilenträchtigsten Wirtschaftsprozesse Deutschlands an: Überraschend hat gestern das Hamburger Landgericht den Haftbefehl gegen den Stadtplan-Erben Alexander Falk aufgehoben. Es bestehe kein dringender Tatverdacht wegen vollendeten Betrugs, sondern nur noch wegen ?versuchten Betrugs?.

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Anlass ist ein neues Gutachten, das Falk massiv entlastet. Damit bröckelt aber die Anklage. Für seinen Anwalt, den bundesweit bekannten Gerhard Strate, lässt dies nur einen Schluss zu: ?Ich gehe davon aus, dass Falk freigesprochen wird.?Bislang wiegen die Vorwürfe schwer: Der frühere Multimillionär steht unter dem Verdacht, im Januar 2001 seine Internetfirma Ision zu einem weit überhöhten Preis von 812 Millionen Euro an den britischen Telekomkonzern Energis verkauft zu haben. Um diese Summe zu erzielen, soll Falk als Vorstandschef der Gesellschaft Umsätze vorgetäuscht und somit den Aktienkurs zu seinen Gunsten manipuliert haben. Der hager wirkende Mann wies die Vorwürfe zurück und beteuerte vor Gericht von Anfang an seine Unschuld.Gewinnt Falk nun den Prozess, droht der Stadt Hamburg eine millionenschwere Schadensersatzklage: Falk will dann die Hansestadt auf mehr als 50 Millionen Euro verklagen, heißt es in Hamburger Justizkreisen. ?Wenn wir den Prozess gewinnen, prüfen wir eine Schadensersatzklage gegen die Hansestadt?, bestätigt Anwalt Strate. Die Höhe will er nicht nennen.Die Schadensersatzforderungen beruhen unter anderem darauf, dass durch die Beschlagnahmung von Falks Vermögen die traditionsreiche Frankfurter Wertpapierbank Hornblower Fischer finanziell ins Trudeln geriet. Dort war der stets lächelnde Jungunternehmer Mehrheitsgesellschafter ? bis die Gesellschaft wegen Liquiditätsmangel weit unter Preis verkauft wurde.Setzt Falk seine Schadensersatzansprüche durch, würde dies den ohnehin angespannten Haushalt der Hansestadt weiter unter Druck bringen. Denn der Stadt droht in diesem Fall ein so genannter Staatshaftungsprozess, weil die zuständigen Richter am Hamburger Landgericht eine falsche Anklage erhoben haben. Solch ein möglicher Schadensersatz würde vornehmlich den Etat des Justizsenators Roger Kusch (CDU) belasten. Noch hat die norddeutsche Metropole hierfür keine Rückstellung gebildet: Der Senator geht offenbar weiterhin davon aus, dass es zu keinem Freispruch kommt. ?Wir sind derzeit gelassen?, sagt ein Sprecher des Justizsenators auf Anfrage.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Dass Städte oder Länder in Regress genommen werden, ist bislang selten.Dass Städte oder Länder in Regress genommen werden, ist bislang selten. Seit längerem versuchen lediglich rund 100 Gläubiger des Ettlinger Bohrunternehmens Flowtex das Land Baden-Württemberg auf Schadensersatz in Höhe von 1,1 Milliarden Euro zu verklagen. Doch Mitte des Jahres wies das Landgericht Karlsruhe die Forderung barsch ab. Nach Ansicht des Gerichts ist es nicht erwiesen, dass das Land bereits 1996 durch einen Betriebsprüfer des Finanzamts vom betrügerischen Vorgehen des Unternehmens gewusst hatte. Die Ettlinger Firma hatte jahrelang durch nicht vorhandene Bohrsysteme Banken, Sparkassen und Leasingfirmen geprellt.Für Hamburg und den Justizsenator wäre ein Schadensersatzprozess hingegen äußerst blamabel. Denn Falk, den Freunde ?Sascha? nennen, ist auch in Deutschland kein Unbekannter. Der Mann stammt aus einer renommierten Verlegerfamilie, die jahrelang mit Stadtplänen ein millionenschweres Vermögen anhäufte. Falk übernimmt als einziger Sohn nach dem Tod des Vaters den Verlag und baut ihn weiter aus: 1995 verkauft er die Firma an den Medienkonzern Bertelsmann.Damit legt er den Grundstein für seinen weiteren beruflichen Aufstieg. Er kauft im Steuerparadies Schweiz die Distefora und nutzt die Gesellschaft als Holding für sein umfangreiches Firmennetz.Dazu zählt auch die Internetfirma Ision, die er vom Stahlriesen Thyssen-Krupp erwirbt. Schnell bringt er die Firma auf dem Höhepunkt des Internetbooms an den Neuen Markt. Der Aktienkurs rast in die Höhe und machte ihn zeitweise, zumindest auf dem Papier, zu einem Multimillionär. Die Hamburger Gesellschaft feiert Falk als stets strahlenden Sonnyboy ? bis durch seine Verhaftung sein Aufstieg jäh unterbrochen wird. Er dürfte deshalb alles daransetzen, seinen guten Ruf wiederherzustellen.?Falk ist ein zäher Kerl. Wenn er die Untersuchungshaft überstehen kann, dann wird er auch den Rest locker schaffen?, sagt ein guter Bekannter. Dies sei er vor allem seiner Frau Nadia schuldig. Sie stammt aus der angesehenen Hamburger Kaufmannsfamilie Axel Schröder. Zu der gehört unter anderem das milliardenschwere Firmenimperium um die börsennotierte MPC Capital.Noch ist aber unklar, ob Falks Anwalt die restlichen Vorwürfe wegen Betrug entkräften kann. Ein Urteil wird in den nächsten zwei Monaten erwartet.Geht er allerdings als Sieger aus dem Strafverfahren hervor, lockt ihn noch ein kleiner Bonus. Denn Häftlinge, die wegen falscher Anklage in Untersuchungshaft gerieten, steht per Gesetz eine Entschädigung zu. Sie beträgt pro Tag elf Euro. Summa summarum macht das für 22 Monate Haft mehr als 7 000 Euro aus. Damit wird sich ein Alexander Falk aber nicht zufrieden geben.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Falk und die Justiz Falk und die Justiz Juni 2003Die Staatsanwaltschaft Hamburg stellt gegen Alexander Falk am 5. Juni einen Haftbefehl wegen schweren Betrugs aus. Der Jungmanager stellt sich freiwillig und kommt einen Tag später in Untersuchungshaft.September 2003 Das Hanseatische Oberlandesgericht (OLG) kippt eine Entscheidung des Landgerichts, Falk aus der Haft zu entlassen. Der Anwalt stellt vergeblich weitere Anträge auf Haftverschonung.Dezember 2004Der Prozess gegen Falk beginnt. Das Landgericht entscheidet trotz Gegenanträge, dass der Manager weiterhin in Haft bleibt.April 2005 Der Angeklagte kommt gegen strenge Auflagen nach 22 Monaten aus der Hamburger Untersuchungshaft frei.November 2005Nun lautet der Vorwurf nur noch ?versuchter Betrug?.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.11.2005