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Retten, was zu retten ist

Aufgezeichnet von Peter Nederstigt
"Die Öffentlichkeit hat noch gar nicht realisiert, dass wir es mit der größten Insolvenzwelle der Nachkriegszeit zu tun haben." Angelika Amend, 41, erzählt aus ihrem Berufsalltag als Insolvenzverwalterin.
"Die Öffentlichkeit hat noch gar nicht realisiert, dass wir es mit der größten Insolvenzwelle der Nachkriegszeit zu tun haben. Aber die Welle erleichtert uns auch unsere Arbeit. Die Leute wissen besser über das Thema Bescheid", sagt Angelika Amend. Als die 41-jährige Insolvenzverwalterin 1991 ihre Kanzlei in Friedberg eröffnete, galten Konkursverwalter noch als Abwickler, nicht als Sanierer. Seitdem hat Amend rund 500 Fälle betreut.Der Auftrag bei Heyde begann wie immer mit dem Anruf des zuständigen Insolvenzrichters. Amend mussten ein paar spärliche Informationen über Betriebsgröße, Kundenstruktur und finanzielle Lage und zehn Sekunden Bedenkzeit genügen, um den Auftrag anzunehmen. Einen Tag nach dem Anruf rollte ihr silberner S-Klasse-Mercedes zum erstenmal bei Heyde vor. Ihr erster Blick gilt immer den Konten, wo in der Regel ein deutliches Minus steht, und den offenen Forderungen an andere Unternehmen. Sind viele davon älter als 45 Tage, gilt das als Warnsignal.

Die besten Jobs von allen

Wichtigste Aufgabe nach dem Insolvenzantrag ist es, Insolvenzgeld für die Mitarbeiter zu beschaffen und Masse zu sichern: Rechnungen eintreiben und den Geschäftsbetrieb am Laufen halten. Nicht nur die Ansprüche der Mitarbeiter und der übrigen Gläubiger, sondern auch das Honorar des Insolvenzverwalters wird aus der Insolvenzmasse bezahlt. "Sie ist höher, wenn der Geschäftsbetrieb komplett veräußert wird", sagt Amend. "Doch meistens scheitert schon die Eröffnung des Insolvenzverfahrens daran, dass Masse fehlt." Deshalb würden immer noch viele Unternehmen liquidiert, obwohl das neue Insolvenzrecht die Sanierung vorsieht.Amend betreut immer mehrere Fälle gleichzeitig und verbringt die meiste Zeit im Auto. In den Unternehmen ist sie nur gelegentlich. Mit Investoren und Gläubigern trifft sie sich meist außerhalb. Deshalb kriegen die Mitarbeiter wenig mit von ihrer Arbeit. "Besonders kritisch wird die Stimmung immer kurz vor Eröffnung des Insolvenzverfahrens", sagt Amend. Doch wenn sie einen Investor gefunden hat und wenigstens die Hälfte der Arbeitsplätze retten konnte, bedanken sich auch schon mal einige Mitarbeiter. Für Amend geht die Arbeit weiter. Bis ein Insolvenzverfahren beendet ist, vergehen oft Jahre."
Dieser Artikel ist erschienen am 20.07.2002