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Resozialisierung von Kindern statt Shareholder Value

Von Ruth Vierbuchen
Der Ex-Karstadt-Manager Walter Deuss wird 70. 18 Jahre lang war er Vorstandschef und der Karstadt-Quelle-Konzern trug seine Handschrift als Deuss im Juli 2000 abtrat. Seither hat der Handelsriese eine traurige Entwicklung durchgemacht. Ganz wegschauen kann der ehemalige ?Mister Karstadt? da nicht.
Ex-Karstadt-Manager Walter Deuss. Foto: dpa
HB DÜSSELDORF. In der Anfangsphase führte noch sein Vater Johann Deuss als Vertreter des Großaktionärs Commerzbank den Karstadt-Aufsichtsrat und ein Kleinaktionär argwöhnte schon, es handle sich um Vetternwirtschaft. Doch der ?Junior? schaffte es allein an die Spitze. 18 Jahre lang war er Vorstandschef und der Karstadt-Quelle-Konzern trug seine Handschrift als Deuss im Juli 2000 abtrat.?Ich habe einen dicken Strich darunter gezogen,? sagt der Manager im Gespräch mit dem Handelsblatt ganz philosophisch: ?Ich habe mir angewöhnt, mich nicht über Dinge zu grämen, die ich ohnehin nicht ändern kann.? Die Weisheit des Alters - Deuss wird am 1. Mai 70 - hilft, und das dicke Fell, das man sich mit der Zeit zulegt, auch. Nur als in der Öffentlichkeit behauptet wurde, Deuss habe genauso viel Schuld an der Misere wie sein Nachfolger Wolfgang Urban, erwachte sein Kampfgeist und er focht sogar in TV-Diskussionen für seine Reputation.

Die besten Jobs von allen

Ganz wegschauen kann der ehemalige ?Mister Karstadt? aber dennoch nicht. Was in Essen unter Ägide von Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff und der Großaktionärin Madeleine Schickedanz passiert, beobachtet er genau. Kommentieren mag er es nicht. Nur die Bemerkung, dass in Middelhoffs Saniererteam ein ?Warenmann? fehle, der das Handelsgeschäft in all seinen Feinheiten kenne, rutscht dem erfahrenen Handelsmanager doch heraus.Ob er heute bedauert, dass er die Familie Schickedanz 1997 im Wege der Fusion mit dem Versender Quelle ins Haus geholt hat, wird er wohl nie verraten. Aber dass er im Sommer 2000 das Angebot, in den Karstadt-Quelle-Aufsichtsrat zu wechseln, nicht angenommen hat, darüber ist er heute froh: ?Ich konnte die Kultur, die sich ausbreitete, damals nicht verhindern?, sagt er. Und als Aufsichtsrat wollte er sie nicht mittragen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bruch mit Großaktionärin Schickedanz Zum Bruch mit Großaktionärin Schickedanz und dem Aufsichtsratschef Hans Meinhardt, Deuss altem Duzfreund, war es im Frühsommer 2000 gekommen. Das Verhältnis hatte sich abgekühlt: Madeleine Schickedanz und ihr Vertrauter Meinhardt wollten lieber den ehemaligen Metro-Vorstand Wolfgang Urban, der ihnen Traumrenditen und eine Politik des Shareholder Value versprochen hatte. Warnungen, die das heutige Desaster bei Karstadt-Quelle voraussahen, schlugen sie in den Wind.Für einen Handelsmanager von altem Schrot und Korn wie Deuss ist eine Politik des Shareholder Value zu eng gefasst, die Fixierung des Kapitalmarktes auf kurzfristige Quartalsgewinne statt auf langfristige Strategien zu kurz gegriffen. Für den Manager mit sozialer Ader zählt auch ein gutes Betriebsklima. So wurde dem Karstadt-Patriarchen immer eine Nähe zu Arbeitnehmervertretern und Gewerkschaftern nachgesagt, die ihn respektvoll ?Gottvater? nannten. Respekt hatte er sich aber auch unter dem industriellen ?Ruhrgebietsadel? verschafft. Der Loyalität der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat, aber auch dem festen Rückhalt bei vier Vertretern der Kapitalgeberseite hatte es Deuss 1997 zu verdanken, dass der Versuch, ihn zu stürzen, scheiterte.Dass Deuss am Sonntag 70 Jahre alt wird, ist für ihn noch lange kein Grund, sich zur Ruhe zu setzen. ?Fürs Altenteil fühle ich mich noch zu jung?, beantwortet er die Frage nach seinen Plänen, es sei noch zu früh, sich ausschließlich der Gartenarbeit zu widmen. Deshalb engagiert er sich ehrenamtlich für das gemeinnützige Europäische Jugend- und Fürsorgewerk - kurz: EJS Lazarus - mit Sitz in Berlin. Die Organisation hilft straffälligen und schwierigen Jugendlichen bei der Reintegration in die Gesellschaft.Deuss Job ist es, eine Jugendeinrichtung in Nordrhein-Westfalen aufzubauen und Sponsoren zu gewinnen. Dafür sucht er ein abgelegenes Gebäude - womöglich einen kleinen Bauernhof- im Umkreis von Köln oder Düsseldorf. Das ist gar nicht so einfach, weiß er, nachdem er sich - in Gummistiefeln - einiges angeschaut hat. Doch er sucht weiter, denn die ?Resozialisierung von Kindern? ist dem Ex-Karstadt-Manager heute wichtiger als der ?Shareholder Value?.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.04.2005