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Rentenkrise: Europa sucht nach Lösungen

Quelle: Handelsblatt
Europaweit stehen die staatlichen Rentensysteme vor wachsenden Finanzierungsproblemen. Die Schwierigkeiten sind nicht nur Niederschlag demographischer Prozesse. Die lange Zeit angewandte Strategie der Stilllegung älterer Beschäftigtenjahrgänge in der Hoffnung, so die Chancen der Jungen zu verbessern, ist gescheitert.
Im Gegenteil: Im Durchschnitt erreichen Länder, die auf späte Ausstiege aus dem Berufsleben setzen, bessere Beschäftigungsraten bei den Jungen, teilweise sogar in Verbindung mit hohen Frauen-Erwerbsraten (wie etwa in der Schweiz). Deutschland gehört zusammen mit Belgien und Österreich eher zu jener Gruppe von Ländern, die die Frühverrentung kräftig praktiziert hat. Letztlich ging das voll daneben, weil zu Lasten der Sozialstaatsfinanzen.Die Anhebung des Ausstiegsalters ist heute Strategie fast aller europäischen Länder, um Einschnitte auf der Leistungsseite in Grenzen halten. Neben Rentenabschlägen ist heute ein Mehr an Weiterbildung, der Abbau von Senioritätskriterien in Lohntarifen und der Ausbau des Teilzeitsektors der neueste Stand europäischer Erkenntnisse. Schwierig bleibt der Wechsel in der Strategie für Beschäftigte und Unternehmen gerade dort, wo in der Vergangenheit stark auf Frühverrentung gesetzt wurde.

Die besten Jobs von allen

Auf der Finanzierungsseite wird in Europa vielfach versucht, lohnbezogene Beiträge im Interesse von Beschäftigung durch höhere Staatszuschüsse zu begrenzen. In einigen Ländern haben die Beiträge zudem nahezu jede Relation zur Rentenhöhe verloren. Parallel gibt es Tendenzen, die vielfach angewandte überparitätische Beteiligung der Arbeitgeber zu reduzieren.Die Wirkungen der Renten-Reduktionsmaßnahmen werden chronisch unterschätzt; nicht zuletzt deshalb, weil die meisten Regierungen eine Art ?No-Noise-Prinzip? praktizieren. Veränderungen werden eher scheibchenweise durchgeführt, wobei die Wirkung in der Addition dennoch groß ist. So führen die Entscheidungen in Deutschland der Jahre 2001 bis 2004 langfristig zum Wegfall von immerhin rund einem Fünftel der Ansprüche an die staatliche Rente.Trotz einer gewissen Übereinstimmung in der Grundrichtung unterscheiden sich die europäischen Strategien im Einzelnen durchaus. So hat beispielsweise Österreich 2004 die Anerkennung von Bildungsaktivitäten verbessert. Währenddessen hat Deutschland gerade die letzten Restbestände einer mit einstmals maximal 13 Jahren fast luxuriösen Anerkennung von Bildungskarrieren beseitigt.Eine zunehmende Konvergenz der Grundansätze in Europa ist nicht feststellbar. Mehrere Ländersysteme konzentrieren sich stark auf eine - eher spartanische - Basissicherung der gesamten Bevölkerung. Sie überlassen die Sicherung des Lebensstandards weitgehend der kapitalgedeckten privaten und betrieblichen Zusatzsicherung, die mehr oder weniger verpflichtend für die Bürger ist.Eine andere Gruppe von Ländern setzt weiter vorrangig auf eine Absicherung durch die Staatssysteme, die bisher eher komfortabel war. Diese Tradition neigt sich gerade überdeutlich ihrem Ende zu.Diether Döring ist Professor für Sozialpolitik und Finanzwissenschaft. Er lehrt an der Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt/M. und dem dortigen Fachbereich Wirtschaftswissenschaften.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.04.2004