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Renaissance der Rentner

Von Juliane Lutz
Als Steffen Haas vor zweieinhalb Jahren ?Erfahrung Deutschland? gründete, hörte er oft: ?Gute Idee, aber wir sind in einer Rezession. Was willst du da mit alten Leuten?? Mittlerweile greifen vor allem mittelständische und kleine Unternehmen auf ?Silver Workers? zurück. Denn ohne deren Expertise können sie viele Projekte gar nicht stemmen.
Mit 65 ist noch lange nicht Schluss: Besonders KMU's reaktivieren Spezialisten im Ruhestand. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Seine Rhododendren wollte Reinhard Stammwitz im Ruhestand endlich zum Blühen bringen. Doch bald wurde dem Ex-Finanzchef von Levis Nord-Europa klar: Gartenarbeit alleine füllte ihn nicht aus. Als er von Erfahrung-Deutschland.de hörte, einer Jobplattform, die sich an Hochqualifizierte im Ruhestand richtet, wurde der Betriebswirt aktiv. Gerne wollte er sein Wissen weitergeben, das er als Leiter der Konzern-Betriebswirtschaft von AEG und als hochrangiger Manager in zwei großen US-Firmen gewonnen hatte.Statt Rhododendren bringt Stammwitz heute auf Projektbasis betriebliche Abläufe für einen Maschinenbauer zur Blüte. Zu Beginn war der Ruheständler für ein paar Tage angefragt worden, doch sein Wissen begeisterte den Juniorchef dermaßen, dass er den 63-Jährigen gleich fünf Monate am Stück beschäftigte. "Er wollte gezielt jemand Älteren haben, der den Job nicht primär aus finanziellen Gründen macht und ihm deshalb nicht nach dem Mund reden muss", erzählt Stammwitz.

Die besten Jobs von allen

Als Steffen Haas vor zweieinhalb Jahren "Erfahrung Deutschland" gründete, hörte er oft: "Gute Idee, aber wir sind in einer Rezession. Was willst du da mit alten Leuten?" Doch der Marketingexperte hielt an seinem Plan fest. "Auf die Erfahrung der Generation 50 plus können wir nicht verzichten - allein schon wegen der Alterung der Gesellschaft", sagt er. Gegen eine Vermittlungspauschale bringt er "alte Hasen" und interessierte Firmen, die deren Expertise suchen, zusammen.Was in Deutschland noch Seltenheitswert hat, gehört in den USA zum Alltag. Internet-Jobbörsen, wie youencore.com, die sich an erfahrene Ingenieure und Wissenschaftler richtet, oder Portale, die vor allem den Erfahrungsschatz der sogenannten Best Ager für Führungsposten auf Interimsbasis nutzen, sind längst etabliert. Zumal viele Amerikaner aus finanziellen Gründen gezwungen sind, im Ruhestand zu arbeiten. Der 65. Geburtstag ist dort längst kein Grund, sich vom Arbeitsleben zu verabschieden.Mittlerweile haben sich hierzulande etwa 6 000 Ruhe- bzw. Vorruheständler bei "Erfahrung Deutschland" kostenlos registrieren lassen: ehemalige Manager, Geschäftsführer, Vorstände aus allen Branchen. Sie eint, dass sie die nächsten Jahre nicht nur zu Hause verbringen möchten. Täglich wächst die Datenbank weiter. Haas vermittelt nur Spezialisten. "Sucht ein Unternehmen jemanden für den Produktionsaufbau in China, bieten wir Experten an, die mehrere Jahre vor Ort waren und entsprechend vernetzt sind."Eine Altersgrenze nach oben gibt es nicht, denn "Qualifikation hat nichts mit Alter zu tun", betont Haas. Jeden Monat fragen 50 bis 70 Firmen nach den "alten Hasen". Dazu gehört auch der Handelskonzern Metro. "Wir können die Plattform nutzen, um erfahrene Fachkräfte als Trainer für unsere betriebliche Weiterbildung zu gewinnen oder bestimmte Stellen interimsweise zu besetzen - zum Beispiel wenn ein Marktleiter ausgefallen ist", erzählt Jürgen Pfister, Bereichsleiter Personal und Soziales der Metro.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mangelnder gesetzlicher SpielraumHorrorprognosen wie die des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, dass im Jahr 2015 sieben Millionen qualifizierte Fach- und Führungskräfte fehlen könnten, haben den Handelskonzern längst veranlasst, neue Wege zu gehen. Und so beteiligt sich Metro auch als Partner von Haas Start-up. Dieses Engagement sieht Pfister als Investition in die Zukunft: "Noch ist der Fachkräftemangel nicht akut. Wer jedoch davon nicht überrollt werden will, muss jetzt aktiv werden."Auch im eigenen Unternehmen treibt er den Aufbau einer Art Alumni-Datenbank voran. "Ein Kaffeekränzchen pro Jahr, wo man sich mit den ehemaligen Mitarbeitern austauschen konnte, reicht längst nicht mehr", sagt Pfister, der auch Vorstandsvorsitzender des Demografie-Netzwerks ist, in dem Unternehmen Probleme der Alterung diskutieren.Während in so manchen Firmen Leute über 45 oft schon zum alten Eisen zählen und entsprechend behandelt werden, setzen die Düsseldorfer seit längerem darauf, ältere Mitarbeiter zu halten und zu fördern. Mit allen Altersgruppen gibt es Personalentwicklungsgespräche. "Wir haben kürzlich bei Real 100 Mitarbeiter zu Fischfachverkäufern ausgebildet. Davon war jeder vierte über 50 Jahre alt", berichtet Pfister. Ein betriebliches Gesundheitsmanagement soll zudem die Leistungsfähigkeit der nicht mehr ganz jungen Beschäftigten lange erhalten. Mit Erfolg: Seit 2000 stieg der Anteil der über 50-Jährigen bei Metro von 21 auf heute 27 Prozent. Für Pfister steht fest: "Unternehmen, die es schaffen, Ältere anzusprechen und interessiert zu halten, sind klar im Vorteil."Mittlerweile greifen vor allem mittelständische und kleine Unternehmen auf "Silver Workers" zurück - auf Leute, die im Ruhestand weiterarbeiten, beobachtet Jürgen Deller, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Leuphana Lüneburg-Universität und Mitgründer des Silver-Workers-Instituts in Genf. Diese wünschten sich, so das Ergebnis seiner gleichnamigen Studie, vor allem flexible Einsatzzeiten, selbstbestimmte Arbeit und Wertschätzung. Deller: "Kleinere Firmen schaffen es schneller, sich darauf einzustellen als Konzerne. Die großen haben durch ihr Image noch immer einen Wettbewerbsvorteil in Sachen Rekrutierung und können so noch dem Jugendwahn frönen."Unternehmen wie Metro oder Bosch sieht Deller als Ausnahme. Die Schwaben gründeten bereits 1999 eine Tochtergesellschaft, in der 680 ehemalige "Boschler" zwischen 60 und 70 Jahren gelistet sind, die immer wieder für Projekte im Konzern tätig sind.Auf gesetzlicher Seite beklagt Deller jedoch mangelnden Spielraum. Denn erst wer über 65 Jahre alt ist, darf unbegrenzt zu seiner Rente dazuverdienen. Er fordert daher: "Wir brauchen dringend andere Rahmenbedingungen, die es Menschen ermöglichen, auch im Ruhestand zu arbeiten - ohne dafür bestraft zu werden."
Dieser Artikel ist erschienen am 23.05.2008