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Reine Formsache

Hannelore Gude-Hohensinner
Foto: Stephan Zirwes/Schnittstelle
Im Fach Produktdesign haben deutsche Hochschulen einen guten Ruf. Ihre Ansprüche sind hoch: Der post-industrielle Designer muss Manager-, Ingenieur- und Design-Fähigkeiten vereinen.
"Als ich ein junger Mann war, wusste niemand, was Design ist. Hätte damals einer gesagt: 'Ich bin Designer', hätte jeder gefragt: 'Wie wird man das, und kann man davon leben?'", sagt Design-Ikone Richard Sapper. Damals, das waren finstere Form-follows-function-Zeiten, als Produkte mit Verkaufsargumenten wie Qualität und Haltbarkeit in die vier Wände der Konsumenten drängten und Sapper gerade seinen ersten Job in der Designabteilung ? anno 1956 nannte man das Stilhalle ? bei Daimler-Benz antrat.

Gen Süden gepilgert

"Go south" war die Richtungsvorgabe für deutsche Unternehmen, die sich in die Dimension von Form und Oberfläche vorgewagt hatten. Um Kreative anzuzapfen, fielen die Tedesci ? die Deutschen ? zyklisch in den kleinen Studios von Mailand, Florenz, Bologna und Rom ein: In den 70er- und 80er-Jahren gab es keine Autokarosserie ohne Bella-Italia-Flair und keinen Wasserkessel, aus dem nicht "la dolce vita" pfiff.

Die besten Jobs von allen


Heute ist das Schnee von gestern. Seit Design zum entscheidenden Kaufanreiz wurde, konnte dessen Freisetzung nicht mehr dem Zufall überlassen werden. Die Konsequenz: Designerschmieden mussten her. Wenn deutsche Unternehmen heute nach Kreativität jagen, dann im anglo-amerikanischen Raum ? oder vor der eigenen Tür. Denn die heimischen Hochschulen haben in den letzten Jahren im Produktdesign und Industrial Design, wie es an vielen Hochschulen heißt, mächtig aufgerüstet. In Sachen Produktgestaltung gelten seit langem die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und die Fachhochschule Pforzheim als erste Adressen ? nicht zuletzt wegen der Verpflichtung von international renommierten Stars wie Richard Sapper und der gesuchten Nähe zur Industrie. Mittlerweile konkurrieren zwei weitere Hochschulen mit den Baden-Württembergern um die obersten Ränge: München und Berlin-Weißensee.

Experimentell oder kommerziell

Während sich die Berliner mehr auf die experimentelle Seite der Formgebung konzentrieren, hat man in München ? nach amerikanischem Vorbild ? bewusst den Weg der Kommerznähe gewählt. Denn nur wer lerne, in Produktionszyklen zu denken, erfülle die Anforderungen, die heute an Designer gestellt werden.

"Mit Kreativität alleine ist es schon lange nicht mehr getan. Der post-industrielle Designer muss in sich Manager-, Ingenieur- und Design-Fähigkeiten vereinen", so Othmar Wickenheiser, Vize-Präsident der Fachhochschule München und seit kurzem Geschäftsführer des Internationalen Design-Zentrums (IDZ) in Berlin. "Wir müssen die Unternehmen mit Gestaltungsbedarf in die Hochschulen holen, denn schließlich geht es um ihren Nachwuchs."

Dass den Worten auch Taten folgen, dafür steht "Generation A" ? ein Kooperationsprojekt von Audi mit dem Fachbereich Design der FH München. An der Isar ist man bemüht, sich ein Renommee auf dem Gebiet des Transportation Design aufzubauen, ein Ausbildungszweig, der hierzulande bisher kaum bedient wurde. Trotz erheblichen Bedarfs: Schließlich sind die fünf erfolgreichsten Automobilbauer zwischen Ostsee und Alpen angesiedelt

"Generation A" soll Visionen von Mobilität in den Metropolen der Zukunft definieren ? die City-Mover wurden der Öffentlichkeit im Berliner IDZ vorgestellt. Unter seiner Ägide, so Wickenheiser, soll das IDZ nicht mehr nur Plattform der "Etablierten" sein, sondern auch Showroom für Newcomer und Talentbörse nach dem US-Vorbild "Bringing aspirants to opportunities".

Fünf Jahre vorausdenken

Was veranlasst einen Konzern wie Audi, in die Hochschule zu gehen? "Der Transportation-Designer ist der König unter den Formgebern. Von ihm werden zu den üblichen Qualifikationen noch prophetische Fähigkeiten erwartet ? nicht in die unendliche Zukunft, aber fünf Jahre voraus. Denn so lange dauert die Entwicklung eines Fahrzeugs vom Entwurf bis zu dem Zeitpunkt, da es vom Band rollt. Wer die Zeichen der Zeit falsch deutet, setzt Milliarden in den Sand und spielt mit Tausenden Jobs." Die Beispiele Ford und Opel, wo Fahrzeuge vom Band direkt auf Halde fahren, weil sich der Konsument der Optik verweigert, bestätigen Wickenheisers These

"Der Schulterschluss von Unternehmen und Ausbildungsinstitution ist vital: eine Gewinn bringende Situation für beide Seiten. Denn was da im Zuge des Projekts ,Generation A? ? einer Seminararbeit ? entstanden ist, hat deutlich gemacht, dass heute die 18- bis 25-Jährigen Trends setzen. Auf die müssen wir schauen." Der das sagt, muss es wissen. Frank Lamberty ist Exterieur-Designer bei Audi, also der Mann fürs Hochglanzblech. Außerdem ist er Verbindungsmann zwischen Ingolstadt und "Generation A" ? und Absolvent der Fachhochschule Pforzheim.

Design wird weiblich

200 bis 250 Bewerber je Hochschule fühlen sich jedes Jahr zum Produktdesigner berufen. Im Schnitt schaffen aber nur zwischen 30 und 40 Kandidaten den Sprung in die Klassen. Denn neben dem Glauben an die eigenen Trendsetterqualitäten ist eine überdurchschnittliche künstlerische Begabung erforderlich ? und handwerkliches Geschick.

Die Vorlesungspläne lesen sich wie eine Kreuzung aus BWL- und Kunstgeschichtsstudium: Da steht Marketing neben ästhetischen Konzepten und Produktionszyklen neben Formen der griechischen Antike.

Welche Eigenschaften ein Student in spe sonst noch mitbringen sollte? Eigeninitiative, Ausdauer und Neugierde. Mag sein, dass der Frauenanteil deswegen in der letzten Zeit auf erstaunliche 35 Prozent hochgeschnellt ist.

Jeannine Spöth, frisch gebackene Diplom-Designerin der FH München, will sofort den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. Denn obwohl die Münchener stolz auf eine 100-prozentige Vermittlungsquote verweisen, ist nicht immer der Traumjob dabei. "Und Industrie-Nähmaschinen zu gestalten ? ohne Gestaltungsspielraum zu haben ? ist nicht gerade die ultimative Herausforderung", sagt die 26-Jährige.

"Mehr Mut in Sachen Design", fordert Kommilitonin Soa Höber, 25, von deutschen Unternehmen, "damit sich auch hierzulande eine Elite etablieren kann, die wiederum andere nachzieht." Ein Mark Newson, Jungstar der internationalen Designer-Kaste, lässt in Deutschland wohl noch etwas auf sich warten. Der 36-jährige Australier arbeitet als Industriedesigner in London: unter anderem für Ford, Alessi und Nike.

Der Olymp in Kalifornien

Wenn Top-Absolventen gesucht werden, dann ist die erste Anlaufadresse noch immer das Art Center College of Design (AC) in Pasadena, Kalifornien ? sozusagen der Olymp der Designausbildung. "Unsere Studenten", so Ken Okuyama, Chef des Industrial- und Product-Design-Departments am AC, "gehören zu den ersten Anwärtern auf Führungsrollen in der Industrie, denn sie sind kreative Erneuerer und Problemlöser. Erfolg basiert auf diesen beiden strategischen Fähigkeiten." Wer also dort den Abschluss macht, landet mit Sicherheit in seinem Wunschjob

Der Sonderstatus zeigt sich schon während des Studiums. Während der "normale" hiesige Student alle Mühe hat, die obligatorischen Praktika einigermaßen mit Sinn zu füllen, lesen sich die Unternehmen auf dem Angebots-Board für Internships im AC wie das Who?s who der alemannischen Vorzeige-Konzerne. Da sucht BMW einträchtig neben Daimler-Chrysler und Audi. Und Porsches Offerte konkurriert mit der von VW. Auch Adidas, auf der Jagd nach dem Nike-Marktanteil, sucht im Hinterland von Los Angeles nach Humanpotenzial mit Ideen. Und weil man mit den Praktikanten immer gut gefahren ist, werden mehrfach im Jahr On-Campus-Recruitments abgehalten.

So viel Vorschusslorbeer ist natürlich nicht umsonst: Um die 50.000 US-Dollar müssen pro Studienjahr investiert werden ? davon sind 31.665 Dollar Studiengebühren. Eine Kapitalspritze ins eigene Ich, die sich bezahlt mache, wie all jene versichern, die jetzt in München oder Stuttgart, Ingolstadt, Wolfsburg ? wo auch immer ? in den besseren Job-Etagen sitzen.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.01.2002