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Reifeprüfung in Wolfsburg

Von Josef Hofmann
Diplomatie ist nicht Wolfgang Bernhards Sache: Der Markenchef des Wolfburger Autoherstellers mag keine Kompromisse. Doch jetzt muss er sich mit dem neuen Konzernchef Martin Winterkorn arrangieren ? oder sich einen neuen Job suchen.
Audi-Chef Martin Winterkorn wird bei VW das Ruder übernehmen.
FRANKFURT. Diplomatie ist seine Sache nicht. Seine Zielstrebigkeit, seine Entschlussfreude, seine klare Sprache, seinen Elan und sein Karrierebewusstsein nennen Freunde von Wolfgang Bernhard als positive Eigenschaften. Seine Kritiker werfen ihm Kompromisslosigkeit und forsche Schnellschüsse vor.Bei Chrysler kündigte er die Sanierung an mit dem Zitat ?Bum, bum, bum, das geht jetzt wie dem Maschinengewehr?, Mercedes bezeichnete er zum Start gleich als ?Sanierungsfall?, in Wolfsburg drohte er unverhohlen, ohne Eingeständnisse der Beschäftigten ?massiv Produktion ins Ausland zu verlagern?.

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Seit Dienstag Abend stehen die Facetten des Bernhard?schen Charakters im Widerstreit. Karrierebewusstsein oder Kompromisslosigkeit lautet die Frage. Nachdem das Präsidium des Aufsichtsrats Martin Winterkorn als neuen VW-Vorstandsvorsitzenden nominiert hat, wird der bislang gleichberechtigte Audi-Chef nun Bernhards Vorgesetzter.Bernhard als Chef der Markengruppe VW muss sich mit einem neuen Boss auseinander setzen ? mit einem, mit dem ihn keineswegs eine innige Freundschaft verbindet, wie aus Konzernkreisen zu hören ist. ?Er hat zwei Chancen: Entweder er geht die nächsten fünf Jahre mit Winterkorn oder er spielt gegen ihn. Dann ist er weg?, heißt es aus Kreisen der Großaktionäre.
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Doch ein Krach innerhalb des streitbaren Duos wäre auch für den neuen Konzernchef ein Risiko, warnen Analysten. Schließlich wurde die Berufung Bernhards 2005 von der Börse mit Kursaufschlägen gefeiert. ?Winterkorn muss wissen, dass er so schnell keinen adäquaten Ersatz für Bernhard finden kann. Er tut gut daran, ihn mit Samthandschuhen anzupacken?, sagt Patrick Juchemich von Sal. Oppenheim. Auch die Experten von Morgan Stanley und der BHF sehen eher negative Auswirkungen, falls Bernhard VW verlassen würde.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Samthandschuhe passen nicht zum bisweilen aufbrausenden WinterkornDoch Samthandschuhe passen nicht zu dem zuweilen aufbrausenden Winterkorn. Erst einmal haben der VW-Aufsichtsrat und sein mächtiger Vorsitzender Ferdinand Piëch dem 46-jährigen Karrieremanager Rückendeckung gegeben. Nun ist Bernhard am Zug. Mit einem Schnellschuss rechnen in seinem Umkreis nur wenige. ?Es sei denn, er hat eine klare Alternative?, heißt es.Die könnte bei seinem alten Arbeitgeber sein. Schon beim Wechsel an der Daimler-Chrysler-Spitze war sofort über eine Rückkehr von Bernhard zu dem deutsch-amerikanischen Konzern spekuliert worden. Schließlich leitet nun Bernhard-Freund Dieter Zetsche den Konzern. Zusammen mit ihm hat er vor seinem kurzen und unglücklichen Intermezzo an der Mercedes-Spitze die letzte Chrysler-Krise erfolgreich gemanagt. Nun steckt Chrysler wieder in der Krise. Was liegt da näher, als einen Manager zurückzuholen, der die Unternehmensspezifika bereits kennt. Chrysler-Chef Tom LaSorda gilt als angezählt, seit klar ist, dass Chrysler in diesem Jahr einen Milliardenverlust produziert.Mit einem Engagement bei Chrysler könnte sich nach Meinung von Insidern vielleicht auch die starke Arbeitnehmerseite abfinden. Eine Rückkehr als Mercedes-Chef nach Stuttgart ? die Position übt Zetsche zurzeit in Personalunion aus ? gilt dagegen als höchst unwahrscheinlich. Betriebsrat und IG Metall würden sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, heißt es im Umfeld. Schon als es erste Wechselgerüchte um Bernhard nach der Berufung Zetsches gab, signalisierte der Betriebsrat um Chef Erich Klemm: ?Mit uns nicht!?. Zu tief ist der Graben, den der ehemalige McKinsey-Berater als Mercedes-Chef mit seinem frech-forschen Auftreten aufgerissen hat.Das Karrierebewusstsein Bernhards spricht für seine jetzige Position. ?Vom VW zum Chrysler-Chef wäre ein Abstieg? urteilen Analysten. Auch die Papierform deutet auf einen Verbleib des smarten Managers in Wolfsburg hin. Dieter Zetsche ist gerade einmal 53 Jahre alt, Martin Winterkorn wird im kommenden Jahr bereits 60. Auch bei Pischetsrieder konnte Bernhard bis Anfang der Woche nicht damit rechnen, dass er vor 2009 ? wenn er seine angekündigte Ertragsprognose erreicht hat ? den Chefposten für ihn räumt. Sein Vertrag lief schließlich bis 2012.Doch Bernhard, der das Tempo liebt, ist fernab der Rechenspiele keiner, der einen Konflikt aussitzt. In seiner Kompromisslosigkeit steht sein neuer Chef Winterkorn ihm in nichts nach. Beide gelten als ausgeprägte Alpha-Tiere.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zu laut und zu oftUnd das führte schon in der Vergangenheit zu Konflikten: Zu laut und zu oft hatte Bernhard darauf hingewiesen, dass er den aktuellen VW-Golf für zu teuer und zu kompliziert konstruiert hält ? für ihn ein wesentlicher Grund, warum es der Marke finanziell schlecht geht. Verantwortlich für die Entwicklung des Autos waren Ferdinand Piëch und sein damaliger Chefentwickler in Wolfsburg, Martin Winterkorn. Beide reagierten verschnupft, hieß es im Konzern.Zudem hat Bernhard zuletzt versucht, im Audi-Revier zu wildern. Er wollte die Marke VW sportlicher, dynamischer und emotionaler machen und damit genau auf die Klientel setzen, die zu einem Audi A3 gegriffen hat, weil ihr der Golf zu bieder war.Techniker Winterkorn und Wirtschaftsingenieur Bernhard werden sich schwer zusammenraufen müssen, um nicht aneinander zu geraten. ?Bum, bum, bum?, wird es zwischen den beiden Geschwindigkeitsfanatikern auf jeden Fall bald machen, prophezeien Insider. Aber im Kampf kann auch die Achtung vor dem Gegner steigen.
Wolfgang Bernhard1960: Er wird am 3. September in Böhen/Allgäu geboren.1986: Er macht seinen Abschluss als Diplom-Wirtschaftsingenieur an der TU Darmstadt und arbeitet nach der Promotion an der Universität Frankfurt bei der Unternehmensberatung McKinsey und wechselt zu Mercedes-Benz.1994: Bernhard wird bei Mercedes-Benz Centerleiter der Montage der S-Klasse. 1999 wird er Chef von Mercedes-AMG, der Tuning- Tochter der Stern-Marke.2000 Er steigt zum zweiten Mann bei Chrysler und zum stellvertretenden Vorstand von Daimler-Chrysler auf.2004: Bernhard wird zum neuen Mercedes-Chef berufen, aber kurz vor Amtsantritt gestoppt.2005: Er wechselt am 1. Februar in den Vorstand von VW und wird am 1. Mai zusätzlich Chef der Markengruppe Volkswagen und Vorsitzender des Vorstands der Marke Volkswagen.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.11.2006