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Reif für die Insel

Peter Nederstigt
Mit der flexiblen Betreuung von Kindern bietet Anita Drews Berlinern und Besuchern der Hauptstadt die Chance, Zeit für sich selbst freizuschaufeln.
Anita Drews ist keine Frau, aus der die Worte hervorsprudeln. Dabei hat die Gründerin der Berliner Kinderinsel GmbH viel zu erzählen: Die Geschichte einer arbeitslosen Mutter, der auf der Suche nach einem Arbeitsplatz, "an dem ich meinen Sohn integrieren kann", eine ausgezeichnete Geschäftsidee kam. Und die auch nicht aufgab, als sie feststellen musste, dass die Realität härter ist als jeder Businessplan-Wettbewerb.

Ihre Kinderinsel ist ein Kinderhotel mit mobilem Ableger, in dem Eltern ihre Kinder kurzfristig unterbringen können - von mehreren Stunden bis zu einer Woche. Zusätzlich betreuen Drews und ihr Team von vier festen und 40 freien Mitarbeitern Kinder von Kongressteilnehmern, organisieren Erlebnistouren, Theater- und Malkurse und Kindergeburtstage oder springen kurzfristig als Babysitter ein.

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Bei allen Angeboten handelt es sich um kurzfristige Leistungen. Zielgruppe sind daher in erster Linie Geschäftsreisende und in- und ausländische Touristen. Lange Voranmeldung ist nicht nötig. Dafür ein halbwegs großer Geldbeutel. Denn pro Stunde und Kind zahlt man zwischen 18 und 35 Mark.

Eine Betreuungseinrichtung für Kinder schien Anita Drews die ideale Idee, um ihr Privatleben mit ihren kreativen Neigungen und den internationalen Kontakten kombinieren zu können, die sie als private Konzertveranstalterin gesammelt hatte. Eigentlich hätte sie diese Arbeit gerne zum Beruf gemacht. "Aber was hätte ich dann mit einem Sohn machen sollen", fragt sie.

Um 30.000 Mark Startkapital von der Gesellschaft für soziale Unternehmensberatung zu erhalten, musste sie einen überzeugenden Businessplan vorlegen. Das Problem: "Ich wusste überhaupt nicht, wie man das macht." Deshalb meldete sich Drews Anfang 1999 beim Businessplanwettbewerb Berlin-Brandenburg an. Ein halbes Jahr lang habe sie täglich bis zu zehn Stunden an ihrem Businessplan gearbeitet und gelernt, aus einer "Schnapsidee" ein Fünf-Jahreskonzept zu entwickeln. Damit belegte sie schließlich im Juli 1999 unter 92 Teams den dritten Platz bei den Dienstleistern.

Das strahlende Lächeln von der Siegerehrung ist knapp zwei Jahre später einem bedächtigeren Gesichtsausdruck gewichen, das leuchtende Blond einem gedeckteren Rot. "Auf die Realität hat mich der Wettbewerb nicht vorbereitet", sagt Anita Drews. Was sie dem Wettbewerb verdankte, waren Einladungen von Banken. "Doch in letzter Instanz ist die Finanzierung an fehlenden Sicherheiten gescheitert."

Die Rettung brachte ein Film. Ein Regisseur des Senders Arte hatte Drews für eine Reportage über Menschen, deren Leben sich innerhalb weniger Monate radikal verändert hat, begleitet. Der Filmemacher kannte den ehemaligen Unternehmer Günter Schmittberger aus Bad Dürkheim, Teilhaber des französischen Investorennetzwerks Leonardo Finance. "Fünf Minuten nach der Absage eines Bankers rief mich der Regisseur an und gab mir die Nummer von Schmittberger", erinnert sich Drews. "Sie sind meine letzte Rettung", flehte sie den Business Angel an, als sie ihn im Zug zwischen Paris und Mannheim erreichte. Schmittberger, der sonst in Hightech-Unternehmen investiert, beteiligte sich Anfang 2000 mit rund 150.000 Mark an der Kinderinsel. "Business Angels entscheiden fast immer mit dem Bauch." Und der sagte ihm: "Die Frau hat was drauf".

Doch danach lernte Drews, dass eine Bleibe mindestens genauso schwer zu finden ist wie ein Geldgeber. Nach vier Monaten stieß sie auf eine 800 Quadratmeter große Villa. "Das Objekt wäre ideal gewesen", meint Drews. Doch die Genehmigung der Behörden scheiterte schließlich daran, dass eine Treppe sieben Zentimeter zu schmal war. Ihre damalige Geschäftsführerin Gabriele Bergmann fragte: "Warum kommen wir nicht zu den Kindern?" Ab Juni 2000 boten sie von einem kleinen Organisationsbüro am Prenzlauer Berg mobile Kinderbetreuung an. "Doch das Angebot kam nicht so gut an", gibt Drews zu. "Im Dezember 2000 war ich kurz davor, alles hinzuwerfen."

Doch wie ein Jahr zuvor spielte im richtigen Moment der Zufall mit. Bei der Besichtigung eines ehemaligen Hotels in Berlin-Mitte sah Drews, dass gegenüber 230 Quadratmeter Gewerbefläche leerstanden. "Ich habe meine Ansprüche heruntergeschraubt." Und auf einmal lief alles wie am Schnürchen. Da noch keine Trennwände standen, konnte sie den Raum gemäß der Auflagen umbauen und einrichten. Die Kosten teilte sich Drews mit der Vermieterin. Insgesamt investierte Anita Drews 150.000 Mark in den Umbau. Ein Schreiner schuf maßgefertigte Möbel nach Drews Vorstellungen an. So verschwindet ein Teil der 14 Betten tagsüber unter der Bühne. Seit dem Einzug im März liefen die mobilen Angebote der Kinderinsel, sagt Drews. Das Kinderhotel dagegen "kleckert so".

Der Bedarf für eine flexible Betreuung sei da, meint Meike Bukowski vom Berliner Familienservice, der bundesweit Kinderbetreuung für Unternehmen organisiert. Vor allem in Großstädten könnten sich solche Angebote lohnen, ergänzt Klaus-Dieter Zühlke, Geschäftsführer beim Bundesverband für Kinderbetreuung in Tagespflege. "Allerdings kann man mit Kinderbetreuung eigentlich nichts verdienen", ist die Erfahrung von Jürgen Sass. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Familien und Familienpolitik beim Deutschen Jugendinstitut und Mitglied beim Verein Münchener Kindl, der stundenweise Betreuung in München anbietet. "Das Problem besteht in den hohen Personalkosten und der zeitaufwändigen Öffentlichkeitsarbeit."

Anita Drews ist heute realistisch genug, um mit einer zwei- bis dreijährigen Aufbauphase zu rechnen. Diese soll mit einer Kapitalerhöhung von 200 000 bis 300 000 Mark überbrückt werden, sagt Business Angel Schmittberger. Wenn der Laden in Berlin erst einmal läuft, soll das Konzept auf andere Großstädte ausgedehnt werden. Zunächst will Anita Drews einen Club gründen, um Berliner Eltern und Kinder an die Kinderinsel zu binden. "Ich bin mit vielem noch nicht zufrieden", sagt sie. Ein Ziel hat sie schon erreicht: Einen Arbeitsplatz, an dem sie ihren Sohn integrieren kann.

Die Angebote der Kinderinsel finden Sie unter: www.kinderinsel.de
Dieser Artikel ist erschienen am 25.06.2001