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Reformerin wider Willen

Von Dietrich Creutzburg, Handelsblatt
Verdi-Vorstandsmitglied Franziska Wiethold erhält für ihr Wirken bei Karstadt Zuspruch auch von ihren Gegnern. Und das, obwohl die Gewerkschafterin nicht durch Mitgefühl für Arbeitgebersorgen bekannt ist.
BERLIN. Auch schiere Erschöpfung mag nach gut 30-stündigem Verhandlungsmarathon ihren Beitrag geleistet haben. Doch das sichtbare Ausmaß an Herzlichkeit zwischen Verdi-Verhandlungsführerin Franziska Wiethold und Karstadt- Chef Christoph Achenbach war am Ende eine Spur größer, als zu erwarten war ? die Gewerkschafterin ist nun einmal nicht eben durch Mitgefühl für Arbeitgebersorgen bekannt.Von ideologischen Gräben, über die man sich erst mühsam hätte hinwegbeugen müssen, war beim obligatorischen Händedruck vor den Kameras nichts zu erkennen. ?Ich habe noch nie so schwierige Verhandlungen erlebt?, bekannte Wiethold zwar am vergangenen Donnerstagnachmittag vor der Zentrale von Karstadt-Quelle in Essen. Aber dann antwortete sie auf Fragen nach Details des soeben besiegelten Sanierungspakets in geradezu harmonischem Wechselspiel mit dem Konzernchef.

Die besten Jobs von allen

Trotz der schmerzlichen Einschnitte beim Warenhausriesen: 5500 von insgesamt 100 000 Stellen werden gestrichen, und die gesamte Belegschaft verzichtet eine Zeit lang auf höhere Löhne. Steht das Ergebnis vielleicht für einen neuen Pragmatismus von Verdi im Handel? Deutet sich da eine Klimaveränderung zwischen Gewerkschafts- und Arbeitgeberseite an?Erstaunlich ist, wie viel Lob Wiethold auf einmal zu hören bekommt. Und das nicht nur aus den eigenen Reihen ? etwa von ihrem Verdi-Weggefährten, NRW-Tarifsekretär Folkert Küpers, der findet, sie habe ihre Sache ?richtig klasse gemacht?. Sogar Verbandsfunktionäre der Arbeitgeber loben, mit dem Karstadt-Pakt habe sich Wiethold ?nicht schlecht in Szene gesetzt?. Dabei gilt die Leiterin des Verdi-Fachbereichs Handel den Arbeitgebern eigentlich als besonders unbelehrbar ? man blickt stets neidvoll auf das Bankgewerbe, das mit einem viel umgänglicheren Verdianer-Schlag gesegnet ist.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Über Zweifel an intellektuellen Fähigkeiten erhabenÜber Zweifel an ihren intellektuellen Fähigkeiten ist sie allerdings erhaben: Dr. phil. Franziska Wiethold hat in der 68er-Zeit in Marburg Politikwissenschaft und Soziologie studiert. Das Tarifgeschäft ist für sie damit quasi von Natur aus nicht bloß pragmatischer Interessenausgleich, sondern gesellschaftspolitisches Handlungsfeld. Ob im Streit um Ladenöffnungszeiten oder um betriebliche Gestaltungsklauseln im Flächentarif: Liberalisierer stoßen bei ihr gewöhnlich auf linksdogmatischen Granit.Wer Bestätigungen für das Bild von der praxisfernen Ideologin sucht, findet diese in ihrer lupenreinen Funktionärskarriere: Nach dem Studium arbeitet sie als Jugendbildungsreferentin beim DGB-Bundesvorstand. 1981 wird sie Fachsekretärin für den Einzelhandel bei der Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen (HBV) ? die neben der IG Medien den Linksaußenbereich der deutschen Gewerkschaftsbewegung markiert. Nach dem Mauerfall leistet sie gewerkschaftliche Aufbauarbeit für die HBV im Osten und rückt 1992 in deren Hauptvorstand ein.Andererseits: Als die HBV 2001 in der neuen Großorganisation Verdi aufging, hatte gerade Wiethold in ihrem Fachbereich enorme Integrationsarbeit zu leisten. In keiner Branche standen sich die Funktionäre der fünf Verdi-Gründungsgewerkschaften so feindselig gegenüber wie im Handel die Vertreter der HBV und der pragmatisch-selbstbewussten Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG). Noch 1999 drohte ein mit den Arbeitgebern fertig ausgehandelter Tarifabschluss an Streitereien unter den Schwestergewerkschaften zu platzen. Doch mit diesem Teil ihrer Aufgabe kommt Wiethold offenbar gut voran. Auf dem Verdi-Kongress vor einem Jahr wurde sie mit 90 Prozent im Amt bestätigt.Ungewöhnlich war ihr persönliches Engagement im Fall Karstadt schon deshalb, weil die zierliche 58-Jährige die regulären Tarifrunden des Handels stets aus dem Hintergrund steuert. Das Poker am Verhandlungstisch ist Sache der Bezirksfürsten. Wenn bei den Arbeitgebern nun Hoffnung auf Fortschritte im jahrelangen Gezerre um eine Flexibilisierung des Flächentarifs keimt, so hat das trotzdem nur indirekt mit ihrer Person zu tun. Dafür sorgt vielmehr die Aussicht, dass Verdi sich vor der nächsten Tarifrunde für die Gesamtbranche nun in einer unbequemen Lage befindet. Wenn Zugeständnisse an den Branchenriesen Jobs sichern ? warum soll das nicht auch für kleinere Betriebe gelten?Franziska Wiethold wird mit dem Ausgang der Tarifrunde 2005 jedoch aller Voraussicht nach nur noch am Rande zu tun haben: Die Gewerkschaftlerin, die aus ihrem Privatleben außer dem Klavierspiel und einem Haus in der Toskana wenig in die Öffentlichkeit dringen lässt, geht zur Jahresmitte im Rahmen von Altersteilzeit in den Ruhestand. Womöglich hinterlässt sie Verdi durch ihren Erfolg bei Karstadt ungewollt einen Schlüssel zur Flexibilisierung des Flächentarifs.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.10.2004