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Reform, nicht Reparatur

Uns geht es gut. Scheinbar. Tatsächlich leben wir in Deutschland bereits von der Substanz. Im Wirtschaftswachstum gehören wir zu den Schlusslichtern Europas. Unser Pro-Kopf-Einkommen liegt unter dem EU-Durchschnitt. Ein Drittel unserer Bevölkerung produziert den Wohlstand, den zwei Drittel verbrauchen. Bildung hat längst nicht mehr die notwendige Qualität.
Uns geht es gut. Scheinbar. Tatsächlich leben wir in Deutschland bereits von der Substanz. Im Wirtschaftswachstum gehören wir zu den Schlusslichtern Europas. Unser Pro-Kopf-Einkommen liegt unter dem EU-Durchschnitt. Ein Drittel unserer Bevölkerung produziert den Wohlstand, den zwei Drittel verbrauchen. Bildung hat längst nicht mehr die notwendige Qualität. Im internationalen Vergleich landet die beste deutsche Uni auf Platz 49. Gleichzeitig werden andere Staaten besser: Sie verfügen über hoch motivierte Studenten und Wissenschaftler, stecken mehr Geld in die neuen Schlüsseltechnologien. Wir leisten uns, wie bei der grünen Gentechnik, unangemessene Technikängste. Maßstäbe werden inzwischen anderswo gesetzt.Zwar verfügen wir über international anerkannte Wissenschafts- und Forschungsgesellschaften. Die Grundlagenforschung hat - noch - einen soliden Stand. In einigen Bereichen, wie der Autobranche, sind wir technologisch mit an der Spitze. Aber insgesamt genügen unsere Ausgaben für Wissenschaft und Bildung schon länger nicht mehr den Anforderungen. Technische Dienstleistungen kaufen wir immer mehr vom Ausland. Unser produktiver Kern ist in Gefahr.

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Wir brauchen deshalb eine neue Allianz von Wissenschaft und Wirtschaft für innovative Wertschöpfungsketten mit marktfähigen Produkten. Wissenschaft geht in Wirtschaft nicht auf. Aber mehr denn je muss sich Wirtschaft auf Wissenschaft, Forschung und Entwicklung stützen. Wir können auch in der Zukunft nur von dem leben, was wir zuvor erarbeitet haben. Da über die Hälfte aller Unternehmen auf stagnierenden oder schrumpfenden Märkten agiert, muss die stärkere Kopplung von Wirtschaft und Forschung zu einer vorrangigen Zukunftsaufgabe werden. Die Erneuerung der Hochschulen und Universitäten ist deshalb eine Grundbedingung für künftigen Fortschritt. Es geht um umfassende Reform, statt Reparatur an Einzelteilen.Wir brauchen den "wind of change" gegenüber geistigem und strukturellem Immobilismus. Eine revitalisierte Bildungsökonomie wird Effizienzreserven aufdecken, Wettbewerb zwischen Fachbereichen wird zu mehr Leistung führen, Hochschulrankings und Benchmarkings werden zu Wegweisern für neue Profilbildung werden. Die Zahl universitärer Ausgründungen von Unternehmen muss erhöht werden. Beim Firm Entrepreneurial Activity Index (FEA) belegt Deutschland unter den G-7-Staaten nur den vorletzten Platz.Ziel ist, wieder Netto-Exporteur von Wissen und Technologie zu werden. Wettbewerbsfähige Universitäten auf hohem Niveau gehören deshalb zu den Grundvoraussetzungen für die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands - und damit für unseren künftigen Lebensstandard. Erinnern wir uns an das Ende des 19. Jahrhunderts: In dieser Gründerphase wurde nicht nur die Forschungsförderung materiell vorangetrieben. Es herrschte auch ein innovations- und technologiefreundliches Klima, eine Atmosphäre der Offenheit für Neuerer, Erfinder und Querdenker. Das Ergebnis war nicht nur, dass ein Drittel aller naturwissenschaftlichen Nobelpreise bis 1918 an deutsche Wissenschaftler ging. Auch die Wirtschaft konnte die Grundlagen legen für das bis heute geachtete "made in germany". Diese Forschungshaltung, diesen Gründergeist gilt es wieder zu beleben. Strukturelle Reform muss deshalb ergänzt werden durch eine freiheits- und fortschrittsoffene Innovationskultur an den Universitäten.Natürlich: Bildung ist und bleibt Kulturaneignung. Als Allgemeinbildung befähigt sie zur geistigen Orientierung und zum Handeln in der Welt. Sie verbindet Tradition mit Weiterentwicklung und sichert dadurch gesellschaftlichen Zusammenhalt. Als Fachbildung ermöglicht sie wissenschaftliche Erkenntnis und technologischen Fortschritt. Aber es obliegt auch der Bildung, die richtigen Mentalitäten und Haltungen auszubilden. Erfindergeist und Aufgeschlossenheit für das Neue, Neugier und Kreativität, Selbstverantwortung und Eigeninitiative - all das wird an Schulen und Universitäten entwickelt.Insofern haben Universitäten nicht nur ökonomische, sondern auch gesellschaftliche, kulturelle und politische Bedeutung. Gerade deshalb ist es wichtig, ihre Erneuerung in eine Gesamtreform von Wirtschaft, Sozialstaat und Bildungssystem einzubetten. Die Elitendiskussion lenkt leicht davon ab, dass es um diese grundsätzliche Reform geht. Aufgabe ist, bei Schulen und Hochschulen durch geistige Innovation und strukturelle Reform wieder Substanz aufzubauen und diese mit der Reform der Wirtschaft zu verbinden. Mit diesem doppelten Ansatz erhöhen wir beträchtlich unsere Chancen, den Abstieg Deutschlands aus der Spitzenliga in einen neuen Aufstieg zu verwandeln. Genau das muss unsere Vision sein. Das erfordert deutlicheren Leistungswillen und erhebliche Anstrengungen von allen. Angesichts vielfältiger Barrieren, grassierendem Reform-unwillen und starken Beharrungskräften erscheint dieses Ziel weit weg. Aber erstens müssen wir begreifen, dass davon unsere Zukunft abhängt, und zweitens gilt noch allemal: Wer nicht nach den Sternen greift, erreicht nicht einmal die Dachrinne.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.06.2004