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Dorothee Fricke
Fast zwei Milliarden Euro für die Spitzenforschung werden in den nächsten fünf Jahren zusätzlich verteilt. Welche Uni wie viel vom großen Elite-Kuchen abkriegt, wird jetzt ein Wettbewerb entscheiden. Favoriten gibt es schon.
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Fast zwei Milliarden Euro für die Spitzenforschung werden in den nächsten fünf Jahren zusätzlich verteilt. Welche Uni wie viel vom großen Elite-Kuchen abkriegt, wird jetzt ein Wettbewerb entscheiden. Favoriten gibt es schon.

Welche Uni hat welche Chancen? Hier gehts direkt zur Liste.

Anderthalb Jahre wurde gestritten, jetzt soll auf einmal alles ganz schnell gehen. Seit Bund und Länder am 23. Juni grünes Licht für das 1,9-Milliarden-Programm gegeben haben, mit dem die Spitzenforschung im Lande vorangetrieben werden soll, feilen Deutschlands Universitäten fieberhaft an den Konzepten, mit denen sie im Wettbewerb um die Exzellenzgelder an den Start gehen wollen. Absichtserklärungen müssen bereits bis zum 1. August, genauere Antragsskizzen bis Ende September bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingegangen sein. Nächstes Jahr schon soll der Rubel rollen.
Ferien ade. "Das wird ein arbeitsreicher Sommer", sagt Matthias Winiger, Rektor der Uni Bonn. Macht nichts. So wie er haben viele Kollegen an den Unis von Flensburg bis Freiburg schon lange auf den Moment gewartet. "Wir kennen unsere Stärken", erklärt Tübingens Rektor Eberhard Schaich kämpferisch. "Unsere Anträge liegen schon in der Schublade."
Fast hätten die Unis ihre Elite-Träume ganz begraben müssen: Nachdem Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn im Januar 2004 verkündet hatte, dass es eine Milliardenspritze für universitäre Spitzenforschung in Deutschland geben sollte, stand statt Fördergeldern erst mal ein Drama in mehreren Akten an.
Die Bundesregierung wollte das Geld unter fünf Unis aufteilen, die Opposition so genannte Exzellenznetzwerke bilden und nur einzelne Fachbereiche belohnen. Der Föderalismusstreit und die Blockadehaltung von Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hätten das Projekt beinahe zum Platzen gebracht. Die Einigung auf einen Kompromiss kam in letzter Minute. Dafür sollen nun die Gelder, die zu 75 Prozent vom Bund und zu 25 Prozent von den Ländern kommen, auch nach einem möglichen Regierungswechsel im Herbst gesichert sein.

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Elite auf drei Ebenen
Der Förderkompromiss sieht eine gezielte Verteilung des Geldsegens vor. In drei Kanäle sollen die knapp zwei Milliarden Euro ab 2006 fließen: Bis zu zehn Unis erhalten für ihre "Zukunftskonzepte zu universitärer Spitzenforschung" etwa 21 Millionen Euro pro Jahr. Das Geld soll dem Ausbau starker Fachbereiche, der Internationalisierung und dem Uni-Management zugute kommen. Für 30 "Exzellenzcluster", also Kooperationsprojekte zwischen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und der Wirtschaft, stehen je 6,5 Millionen Euro bereit. Schließlich werden 40 Graduiertenschulen für den wissenschaftlichen Nachwuchs mit jeweils rund einer Million Euro jährlich gefördert.
Universitäten wie Bremen, die mit dem Forschungszentrum Ozeanränder schon ein starkes Cluster angelegt hat, und solche wie die Humboldt-Uni Berlin, die mit der Graduate School of Social Sciences schon länger systematisch Graduiertenförderung betreibt, haben die größten Chancen, im Wettbewerb abzusahnen. Auf den Fachbereich Life Sciences setzen besonders viele Unis: Die interdisziplinäre Forschung von Biologen, Chemikern, Medizinern und anderen Disziplinen gilt als zukunftsweisend und ideal für die Zusammenarbeit über Fakultätsgrenzen hinweg.
"Neben den Nanowissenschaften und den Materialwissenschaften gehören die Life Sciences zu den Technologien, die unbedingt profitieren müssen", glaubt Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Geistes- und Sozialwissenschaftler hätten vor allem dann eine Chance, wenn sie aus ihrem Elfenbeinturm herausstrahlen und sich interdisziplinär vernetzen

Kampf der Leuchttürme
Hauptprofiteure der staatlichen Exzellenzinitiative aber werden die Universitäten sein, die mit ihrem "Zukunftskonzept" überzeugen. Mit über 20 Millionen Euro Fördergeldern pro Jahr werden sich die zehn Sieger-Unis das mit Abstand größte Stück aus dem Elite-Kuchen schneiden. Eine Menge Holz, wenn man bedenkt, dass der Haushalt der Uni Köln - einer der größten des Landes - im Jahr 2004 gerade mal 302,6 Millionen Euro betrug.
Renommierte Hochschulen mit klarem Profil und starken Forschungsschwerpunkten wie LMU und TU München, Heidelberg, Aachen oder auch die Humboldt-Uni Berlin sitzen hier in der Pole-Position. Denn wer künftig als "Leuchtturm der Wissenschaft" aufragen will, wie es das Bundesbildungsministerium so blumig umschreibt, muss erst einmal im Wettbewerb um Exzellenzcluster und Graduiertenschulen bestehen und dort jeweils mindestens einmal den Zuschlag erhalten haben. Schließlich soll, so auch die Forderung von Detlef Müller-Böling, Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), das Geld nicht "vertröpfeln", sondern konzentriert bei den Besten der Besten landen. Lesen Sie dazu auch Bölings Beitrag in unserem Elite-Forum.

Wo bleibt die Lehre?
Eins ist klar: Bei der Exzellenzinitiative geht es nicht um Geld für bessere Betreuung der Studierenden, sondern um neue Mittel für die Forschung. Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband bedauert dies, glaubt aber an die mittelbare Wirkung der Elite-Förderung auf die Lehrqualität: "Spitzenunis ziehen Spitzendozenten an. Und es wäre das richtige Signal, wenn diese auch Bachelor-Studenten unterrichten würden." Eine echte Elite-Uni müsse schließlich schon die besten Studenten und nicht erst die besten Doktoranden anlocken.?

RWTH Aachen
Stärken: Gilt als erste Adresse für Ingenieurwissenschaften mit internationalem Ruf. Die RWTH ist Deutscher Meister im Einwerben von Drittmitteln.
Cluster: Sechs interdisziplinäre Foren (Umwelt, Werkstoff, Informatik, Technik & Gesellschaft, Life Sciences, Mobilität & Verkehr) vernetzen Institute und Forscher. Externe Wissenschaftseinrichtungen, darunter das Forschungszentrum Jülich oder das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, arbeiten eng mit RWTH-Wissenschaftlern zusammen.
Elite-Potenzial: Sicherer Leuchtturmkandidat, der bei Cluster- und Uni-Förderung abräumen wird

Humboldt-Uni Berlin
Stärken: Gute Grundlagenforschung in Geistes- und Naturwissenschaften. Herausragend in der Graduiertenförderung.
Cluster: Zwei Exzellenzcluster der HU sind das noch im Aufbau befindliche Antikezentrum und das kürzlich eröffnete Zentrum für interdisziplinäre Infektionsbiologie und Immunität (ZIBI).
Elite-Potenzial: In der Hauptstadt stehen alle drei großen Unis - FU, TU und HU - in den Startlöchern für den Exzellenzwettbewerb. Beste Aussichten auf die Leuchtturmförderung hat aber die forschungs- und profilstarke Humboldt Uni

Uni Bonn
Stärken: Bonn besitzt einen guten Ruf als international ausgerichtete Forschungsuniversität. Herausragende wissenschaftliche Leistung wird intern durch ein Anreiz- und Bonussystem gefördert.
Cluster: Schwerpunktbereiche sind die Biomedizin, in der sich mathematisch-naturwissenschaftliche und medizinische Fakultät künftig noch stärker vernetzen wollen, sowie die Ökonomie. Die Bonner planen außerdem, mit den Nachbarunis in Köln und Aachen zusammenzuarbeiten.
Elite-Potenzial: In den Projekten steckt Potenzial. Gute Aussicht auf Förderung mehrerer Cluster

Uni Mannheim
Stärken: An ihrem Profil feilt die Mannheimer Uni seit Jahren konsequent - mit Erfolg: In den Bereichen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gehört die Schlossuniversität zum Besten, was die deutsche Hochschullandschaft zu bieten hat.
Cluster: Das Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung als größtes Forschungsinstitut der Universität genießt national und international höchstes Ansehen.
Elite-Potenzial: Mannheim wird Geld für Netzwerke und die Graduiertenförderung reinholen. Beim Zukunftskonzept ist die Konkurrenz härter

Uni Heidelberg
Stärken: Die älteste Universität im Land ist der Inbegriff deutscher Forschertradition. Bei der Zahl von Humboldt-Stipendiaten und ausländischen Gastwissenschaftlern nimmt sie die Spitzenposition ein.
Cluster: Aushängeschild der Karlsuniversität ist die Medizin. Hier kooperiert die Uni mit renommierten Einrichtungen wie dem Deutschen Krebsforschungszentrum. Auch im neuen Zentrum für Astronomie entstehen Synergieeffekte durch die Bündelung hervorragender Forschung mehrerer Einrichtungen.
Elite-Potenzial: Die deutsche Spitzenförderung ohne Heidelberg - undenkbar!

TU Dresden
Stärken: Forschungsintensive Hochschule mit engen Verbindungen zur Wirtschaft und externen Wissenschaftszentren.
Cluster: Wissenschaftler der TU entwickeln zusammen mit dem Fraunhofer-Center Nanoelektronische Technologien (CNT) neue Prozesstechnologien für die Nanoelektronik. Am interdisziplinären Zentrum OncoRay am Dresdener Uniklinikum werden neue Krebstherapien erforscht.
Elite-Potenzial: In den neuen Bundesländern hat die TU Dresden die größten Chancen auf Elite-Gelder für ihr Zukunftskonzept

Uni Tübingen
Stärken: Mit ihrer einzigartigen Fächervielfalt in Sprach- und Kulturwissenschaften, Theologie und Life Sciences belegt die Universität internationale Spitzenplätze.
Cluster: Die Tübinger Forschung setzt auf gesellschaftliche Trendthemen. Herausragende interdisziplinäre Netzwerke sind das interfakultäre Zentrum für Ethik in den Wissenschaften oder das Europäische Zentrum für Föderalismus-Forschung.
Elite-Potenzial: Die Uni Tübingen will allein zehn Anträge für Exzellenzcluster und Graduiertenkollegs stellen, sicher wird sie auch reichlich ernten

TU München
Stärken: Weltweites Renommee. Die TU misst sich schon jetzt mit dem MIT oder der US-Ivy-League-Uni Stanford.
Cluster: Auf dem Garchinger Forschungscampus haben sich neben der TU allein vier Max-Planck-Institute angesiedelt. Hier werden unter anderem an einer neuen Neutronenquelle Anwendungen in Naturwissenschaft, Technik und Medizin untersucht. Maßstäbe setzt die Forschung auch in der Medizintechnik und in den Sportwissenschaften.
Elite-Potenzial: Die TU München wird mit den Exzellenzgeldern noch mehr leuchten als bisher.

Uni Bremen
Stärken: Die 1971 gestartete Reformuni hat zuletzt konsequent Akzente gesetzt: in der Informatik, Sozialpolitik, Materialwissenschaften, Umwelt- und Kognitionsforschung sowie Luft- und Raumfahrt.
Cluster: Größte Trumpfkarte der Bremer ist das Forschungszentrum Ozeanränder. Über hundert Wissenschaftler erforschen hier die Schnittstellen zwischen Ozeanen und Kontinenten.
Elite-Potenzial: Bremen gilt als Geheimtipp des Wettbewerbs und hätte sogar mit seinem Zukunftskonzept Chancen, muss aber gegen den Newcomer-Status ankämpfen

LMU München
Stärken: Durchgängig hohes Niveau. Das Prädikat forschungsstark verdienen an der LMU fast alle Fakultäten.
Cluster: Am "High Tech Campus" Großhadern wird führende Biomedizin-Forschung betrieben. Am Center for Nano Science (CenS) forschen Wissenschaftler aus 14 LMU-Instituten und assoziierten Einrichtungen interdisziplinär. Historiker, Philosophen, Sprach- und Kulturwissenschaftler sind am Sonderforschungsbereich Frühe Neuzeit konzentriert.
Elite-Potenzial: Das Dickschiff LMU wird zu den großen Profiteuren der Exzellenzinitiative gehören

Uni Göttingen
Stärken: Klassische Volluniversität, die ihr naturwissenschaftliches Profil in den letzten Jahren sichtlich geschärft hat.
Cluster: Im Juni frisch eingeweiht wurde das Göttinger Zentrum für Molekulare Biowissenschaften (GZMB). In der fakultätsübergreifenden Forschungseinrichtung arbeiten Wissenschaftler an entwicklungsbiologischen und mikrobiologischen Fragestellungen.
Elite-Potenzial: Göttingen wird bei den Forschungsprojekten punkten, die Gelder fürs Zukunftskonzept sind aber noch nicht sicher eingefahren

TU Darmstadt
Stärken: Die TU Darmstadt hat mehr Spielräume als jede andere staatliche Hochschule in Deutschland. Unter anderem kann sie ihren Haushalt selbst verwalten und eigenständig Professoren berufen.
Cluster: Forschungsschwerpunkte wie der Schwerpunkt Mechatronische Systeme bündeln die Kompetenz von Instituten verschiedener Fachbereiche, um zum Beispiel High-Speed-Präzisionsfräsmaschinen oder aktive Beinprothesen zu entwickeln.
Elite-Potenzial: Hessens Ministerpräsident Roland Koch wird dafür kämpfen, dass es zu einem Exzellenzcluster noch was on top gibt

Uni Frankfurt
Stärken: Frankfurt hat seine traditionell starken Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in den letzten Jahren vor allem im Finanzbereich ausgebaut.
Cluster: Die Goethe-Uni hat für den Exzellenz-wettbewerb insbesondere einen Pfeil im Köcher: Mit dem "House of Finance" strebt die Uni in die internationale Spitzenklasse im Bereich Finance. Das fachübergreifende Kompetenzzentrum rund ums Thema Geld wird demnächst auf dem Campus Westend errichtet.
Elite-Potenzial: Mit der Förderung des Exzellenzclusters Finance können die Frankfurter sicher rechnen, eventuell ist noch mehr drin

Uni Freiburg
Stärken: Traditionsuni mit breitem Fächerspektrum.
Cluster: Die Freiburger wollen vor allem die Grundlagenforschung in den Life Sciences stärken. An der Albert-Ludwigs-Universität wird hier über die Fakultätsgrenzen hinweg geforscht, die Vernetzung mit außeruniversitären Forschungsinstituten ist vorbildlich. Das Zentrum für angewandte Biowissenschaften wickelt Projekte mit der Industrie ab.
Elite-Potenzial: Die Uni wirft einiges in die Waagschale. Sollte allerdings die Verteilung am Ende doch nach Regionalproporz erfolgen, muss Freiburg eventuell hinter Heidelberg und Tübingen zurückstecken

TU Karlsruhe
Stärken: Die Fridericiana ist top aufgestellt in den Bereichen Ingenieur- und Naturwissenschaften.
Cluster: Das Centrum für Funktionelle Nanostrukturen ist eines der größten Cluster nanowissenschaftlicher Forschung in Europa. Jetzt schon Spitze sind auch das Center for Disaster Management, in dem Naturkatastrophen interdisziplinär erforscht werden, und das Centrum für Elementarteilchen- und Astroteilchenphysik.
Elite-Potenzial: Karlsruhe hofft darauf, den richtig großen Wurf zu landen. Die Rivalität im Technik-Feld ist mit RWTH und TU München jedoch enorm

Dieser Artikel ist erschienen am 29.08.2005