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Recht und billig

Katja Wilke
Mit fast 20 geplanten neuen Niederlassungen wirbelt die Kanzleikette Juraxx nicht nur den Markt der Rechtsberater durch. Sie eröffnet auch neue Einstiegsperspektiven für Juristen.
Mit fast 20 geplanten neuen Niederlassungen wirbelt die Kanzleikette Juraxx nicht nur den Markt der Rechtsberater durch. Sie eröffnet auch neue Einstiegsperspektiven für Juristen

Duisburg, Fußgängerzone, ein sonniger Nachmittag. Ein Pärchen, Mitte 30, bleibt vor einem neongrün umrahmten Schaufenster stehen und studiert die aushängende Preisliste. "20 Euro - Mensch, da wird ja sogar 'ne Scheidung bezahlbar", feixt der Mann und animiert seine Begleiterin mit einem Rippenstoß zum Mitlachen. Ein Fehlschlag. Mit schmalen Lippen zieht ihn die mutmaßliche Ehefrau weiter.
Trennung von Tisch und Bett für einen Zwanziger? Ganz so billig kommen Scheidungen selbst in der Juraxx-Filiale nicht, vor der die beiden stehen geblieben sind. Bei den Dumping-Preislisten, mit denen die junge Kanzleikette in mittlerweile 17 Städten Passanten anlockt, handelt es sich lediglich um Erstberatungshonorare. Was danach kommt, kann genauso teuer werden wie in anderen Sozietäten auch. Doch das Ladenlokal-Konzept hat Erfolg: "Es nimmt den Leuten die Hemmschwelle - so schauen auch schon mal solche herein, die normalerweise nicht zum Anwalt gegangen wären", freut sich Juraxx-Gründer und Geschäftsführer Eugen Boss.

Die besten Jobs von allen


Rettende Kette
Die Wettbewerber freut's weniger. Die Filial-Juristen der ersten Stunde wurden von den Alteingesessenen als Aldi-Anwälte verhöhnt und verklagt. Von vielen Kammern werden sie noch immer mit Argusaugen betrachtet. Kein Wunder: Im ohnehin überfüllten Markt der Rechtsbeistände wächst den etablierten Kanzleien eine ernst zu nehmende Konkurrenz für das juristische Massengeschäft heran. Nachwuchsjuristen dagegen begrüßen den neuen Player wie einen Lebensretter. "Junge Anwälte kommen hungrig zu uns", sagt Eugen Boss. "Die wissen, was sie woanders zu erwarten haben."
Damit spielt Boss auf die in Kanzleien noch immer verbreitete Praxis an, Berufseinsteiger gegen Minimallohn und oftmals ohne festen Vertrag rackern zu lassen. Bislang blieb den Jungjuristen kaum eine andere Wahl: Immerhin strömen jährlich rund 6.000 neue Absolventen auf den Arbeitsmarkt. Und die Gründung einer eigenen Kanzlei erscheint den meisten zu teuer und viel zu riskant.
"Für Einsteiger ist das keine Alternative", hat auch Zaklina Jurisic erfahren, die in der Berliner Juraxx-Filiale am Wittenberger Platz arbeitet. Die 31-Jährige hatte zuvor zweieinhalb Jahre in einer Kanzlei in Berlin gearbeitet und schließlich - weil sie keine Chance auf einen Partnersessel sah - mit der Selbstständigkeit geliebäugelt. Die Liebe währte nur kurz: "Selbst mit dem ausgefeiltesten Businessplan holt man sich als Anwalt reihenweise Körbe bei den Banken, speziell im engen Berliner Markt.

Leben aus dem Einlagetopf
Startkapital brauchen Einsteiger auch bei Juraxx - allein, sie bekommen es leichter. Die Kanzleikette wurde von der KfW als förderungswürdig eingestuft, was zur positiven Folge hat, dass Banken eher bereit sind, Darlehen für die GmbH-Einlage in Höhe von 50.000 Euro zu vergeben. Das Juraxx-Konzept funktioniert allerdings etwas anders als GmbH-üblich: Mit der Einlage wird jeder Einsteiger zwar Partner und Geschäftsführer. Doch der größte Teil der Einlage ist faktisch ein Darlehen der Neu-Juraxxer an die Gesellschaft: Denn neben der finanziellen Absicherung der GmbH dient die Einlage in der ersten Zeit als Einkommen. Maximal 1.667 Euro kann sich ein Anwalt monatlich davon auszahlen lassen.
"Einige Anwälte müssen schon nach vier, fünf Monaten keine Entnahmen mehr tätigen", sagt Eugen Boss. Wie viel ein Juraxx-Anwalt am Monatsende nach Hause bringt, richtet sich nach einem abgestuften Umsatzmodell: Je mehr er erwirtschaftet, umso höher der Prozentsatz, mit dem er partizipiert. "Nach einem halben Jahr kann man auf ein Bruttogehalt von 4.000 Euro kommen", sagt Boss.
Die Restsumme aus der Einlage können die Anwälte, falls sie aus der GmbH ausscheiden, wieder mitnehmen. Tatsächlich aber hat sich die Juraxx-Kette seit ihrer Gründung im Jahr 2003 erst von dreien ihrer inzwischen fast hundert Anwälte getrennt. Boss glaubt, komfortable Arbeitsbedingungen zu bieten und ein gutes Klima in den Niederlassungen zu fördern. "Hier zu arbeiten, ist eine abgefederte Selbstständigkeit", findet Sascha Christian Federenko, der ein Büro in der Kölner Filiale hat.
Die Dortmunder Juraxx-Zentrale stellt ihren Filialisten Räume, Einrichtung und Personal, kümmert sich um Abrechnung, Anwaltszulassung, Haftpflichtversicherung und Marketing. Bei den komplizierteren Rechtsfragen kann sich jeder an erfahrene Kollegen wenden. Parallel bekommen alle eine Fachanwaltsausbildung finanziert. Die Filial-Advokaten wiederum müssen die Bereitschaft mitbringen, zwischen Frisörläden und Schuhmachern zu praktizieren und Laufkundschaft - mit juristisch wenig anspruchsvollen Problemen - zu beraten.
"Von Erstberatungshonoraren allein kann allerdings keiner leben", sagt Filial-anwalt Federenko. "Man muss sich, genau wie jeder andere Anwalt auch, einen eigenen Mandantenstamm aufbauen." Federenko, der nach seinem Examen zunächst ein Jahr als Verbandsjurist gearbeitet hatte, ist das inzwischen gelungen: Zu seinen Stammklienten zählen heute Unternehmer und eine Rechtsschutzversicherung

Noten Nebensache
Den Vorwurf, Ketten-Anwälte seien scheinselbstständig, wollen weder er noch Kollegin Zaklina Jurisic gelten lassen. "Wir können uns voll auf die Anwaltsarbeit konzentrieren, nur die lästige Organisation wird uns abgenommen", argumentiert Federenko. Boss freut sich jedenfalls über ein steigendes Interesse an seiner Kette: Rund 50 bis 60 Bewerbungen flatterten wöchentlich in die Dortmunder Zentrale. Nicht unbedingt von Top-Absolventen; die zieht es eher in die großen Law Firms. Doch wer als neuer Partner bei Juraxx aufgenommen werden will, muss auch nicht zwingend Prädikatsexamina mitbringen. Boss setzt auf andere Qualitäten: "Wichtig ist, dass jemand eine Anwaltspersönlichkeit mitbringt, also mit Menschen umgehen und wirtschaftlich denken kann."
Eigenschaften, die sich jede Kanzlei von Neuzugängen wünscht. Kettenanwalt zu sein erweist sich daher auch nicht als Karrierekiller - trotz aller Vorbehalte etablierter Kanzleien gegen das Geschäftsmodell. "Wir würden eher Anwälte mit einer solchen ,Fronterfahrung' einstellen als Junganwälte aus Großkanzleien, die kaum je einen Mandanten gesehen haben", sagt Martin Stracke, Partner bei der Münsteraner Wirtschaftskanzlei Stracke & Bödding.
Doch Juraxx will engagierten Jungjuristen nicht nur ein Sprungbrett bieten, sondern sie auch langfristig binden. Zaklina Jurisic kann sich vorstellen, noch lange Zeit im neongrünen Gewächshaus zu bleiben, schließt aber nicht aus, irgendwann doch eine Kanzlei zu eröffnen. "Ob diese Form der Arbeit auch im Alter noch das Richtige ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Momentan jedenfalls ist es spannend. Ich habe das Gefühl, wir schreiben Geschichte im Anwaltsmarkt."
Dieser Artikel ist erschienen am 27.09.2005