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Rebell im Nadelstreifen-Milieu

Von Dietmar Petersen, Handelsblatt
Der Wirtschaftsprüfer Georg Wengert kämpft gegen Fraport. Das Gericht hat die Entscheidung erst einmal vertagt.
HB SINGEN. Der Mann ist ein Überzeugungstäter. ?Wenn man glaubt, das Recht auf seiner Seite zu haben, dann muss man das Recht auch durchsetzen.? Georg Wengert sagt das ohne Koketterie. Aber der 56-Jährige, vom Habitus eher ein Finanzbeamter, redet sich schnell in Rage, wenn er über seinen Kampf gegen den Filz der Deutschland AG redet. Da geht er sogar bis zum Bundesgerichtshof (BGH).Aus dem hintersten Winkel der Republik, aus der badischen Kleinstadt Singen, einen Steinwurf von der Schweizer Grenze entfernt, versucht der unerschrockene Schwabe, die ?Mächtigen aus dem Kartell des Schweigens?, wie er es nennt, aus ihrer Deckung holen.

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Sein jüngster Gegner: der Frankfurter Flughafenkonzern Fraport AG. In einer Melange aus Gier, Ignoranz und Unfähigkeit hat der Vorstand des Staatsbetriebs (Der Bund, das Land Hessen und die Stadt Frankfurt besitzen 71 Prozent) unter Führung seines Vorsitzenden Wilhelm Bender 352 Millionen Euro für ein Terminalprojekt in der philippinischen Hauptstadt Manila in den Sand gesetzt. Der Aufsichtsratsvorsitzende, Hessens Ministerpräsident Roland Koch, kehrte die Sache unter den Teppich und erteilte dem Vorstand die Absolution.Wengert hat gegen die Entlastung des Vorstands vor dem Landgericht Frankfurt geklagt. Moralisch gestärkt fühlt sich der Kleinaktionär durch die Staatsanwaltschaft. Sie hat Büros des Konzerns gefilzt, rund 1000 Akten beschlagnahmt und ermittelt gegen einen Ex-Fraport-Vorstand wegen des Verdachts der Untreue und Bestechung.Doch die Frankfurter Richter haben die Entscheidung gestern erst einmal auf den 21. Januar kommenden Jahres vertagt. Der streitbare Wirtschaftsprüfer lässt sich ohnehin nicht abschrecken. ?Ich gehe, wenn es sein muss, bis zum BGH?, erklärte er. Außerdem bereite er eine Haftungsklage in Zusammenhang mit dem Börsengang von Fraport vor.Vielleicht macht ihn seine letzte große Auseinandersetzung so siegessicher. Am 25. November vergangenen Jahres gab der BGH seiner Klage statt, nachdem er zuvor zwei Prozesse in Vorinstanzen verloren hatte. Seine mächtigen Gegner: die Hypo-Vereinsbank (HVB) und die Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG. Die HVB hatte vor ihrer Fusion aus zwei bayerischen Banken die KPMG als Fusionsgutachter und zugleich als Abschlussprüfer bestellt. Die obersten Richter gaben Wengert Recht: Sie erkannten einen Verstoß gegen das Gesetz und die Gefahr befangener Abschlussprüfer. In das Verfahren habe er 200 000 Euro investiert, sagt Wengert.Was treibt ihn an? Er sieht sich nicht als David im Kampf gegen die Goliaths der Wirtschaft. Er setze sich für die Rechte der Kleinanleger ein, dafür, ?dass Strafgesetze nicht nur für die Dummen, für kleine Leute und diejenigen gelten, die sich nicht wehren können?. Dabei legt er sich auch mit der eigenen Zunft an: ?Letztlich tragen die Wirtschaftsprüfer die Verantwortung für die großen Bilanzkatastrophen.? Sein Ziel ist die exakte ?Trennung von Prüfung und Beratung, der unbefangene, unabhängige Wirtschaftsprüfer?. Im stockkonservativen Nadelstreifen-Milieu der Prüferbranche wird er so zum Rebell.In Fachzeitschriften macht er sich für eine ?Kultur der Unternehmensführung in deutschen Großunternehmen? stark. In einer Flut von Artikeln, Pamphleten in einer präzis-aggressiven Sprache geißelt er die ?Vermögensvernichter in den Führungsetagen? mit Namen. Er attackiert das ?hemmungslose und das schamlose Abkassieren?, wettert gegen Millionenabfindungen und ?überzogene Ruhegehälter als Schweigegeld?.Solch ein penetranter Klopfgeist schafft sich selbstverständlich Bewunderer ? und viele Gegner. Aber keiner von ihnen lässt sich zitieren. ?Ein Michael Kohlhaas?, urteilt ein Geschäftsmann aus Konstanz, der jedoch nicht namentlich genannt werden will. ?Aber die meisten Prozesse gewinnt er?, räumt er ein und fügt dann noch hinzu: ?Ich bin allerdings froh, dass ich selbst mit ihm nichts mehr zu tun habe.??In meinem Berufsstand gelte ich als Querulant?, weiß Wengert, und er scheint es zu genießen. Einmal stand er sogar als Beschuldigter vor dem BGH. Die Wirtschaftsprüferkammer (WPK) klagte gegen ihn, wegen ? so Wengert ? angeblicher Beleidigung eines Richters. Der Strafsenat in Leipzig sprach ihn frei.?Wirtschaftliche Unabhängigkeit? habe er sich durch seine Kanzlei gesichert, in der insgesamt 15 Personen arbeiten. ?Unbeugsamkeit?, beschreibt er sich selbst, sei das Erbe seiner 95-jährigen Mutter. Sie habe als junge Witwe ihre Kinder mit einer kleinen Landwirtschaft und Köhlerei auf der Schwäbischen Alb durchbringen müssen. Damals wuchs der Wunsch des jungen Georg, später viel Geld zu verdienen.Das braucht der Radikaldemokrat auch für seine Klage gegen Fraport, die ihn nach eigenen Angaben 25 000 Euro gekostet hat. Fraports Anwälte hat Wengert (?Ich provoziere gern?) zur Weißglut getrieben: Er stellte ihre Schriftsätze ins Internet ? zur Freude der Journalisten.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.12.2003