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Rebell de luxe

Von Tanja Kewes
Kreativchef Tomas Maier führt die italienische Edelmarke Bottega Veneta zurück in die Weltliga. Das Blitzlichtgewitter scheut er aber wie die Fledermaus das Tageslicht. Dabei hätte der Deutsche allen Grund zu feiern.
Tasche von Bottega Veneta.
MAILAND. Tomas Maier scheut das Blitzlichtgewitter wie die Fledermaus das Tageslicht. Öffentliche Auftritte des Kreativchefs der italienischen Luxusmarke Bottega Veneta sind selten ? und selbst nach Modenschauen wie Ende September bei der Moda Donna in Mailand steckt der mittelgroße 49-Jährige seinen Kopf mit den raspelkurzen ergrauten Haaren nur kurz aus den Kulissen heraus.Und dabei hätte der Deutsche allen Grund zu feiern; hat er doch Bottega Veneta, die ?Venezianische Werkstatt?, in die erste Luxusliga zurückgeführt, und zwar auf seine ganz eigene Art ? mit Understatement.

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Die ?Werkstatt? hat sich seit seinem Amtsantritt 2001 zu einer der am schnellsten wachsenden Luxusmarken der Welt entwickelt. Von Januar bis September dieses Jahres stieg der Umsatz um 70 Prozent auf 186 Millionen Euro. Im Monatsrhythmus werden neue Läden eröffnet. 83 gibt es derzeit weltweit. Bottega Veneta dürfte dieses Jahr die bisherige Nummer zwei der französischen Luxusgütergruppe PPR, Yves Saint Laurent, überholen.Der Wiederentdecker des im Jahr 1966 von der Familie Moltedo in Vicenza gegründeten Unternehmens ist ein Deutscher, der sich selbst ?Freidenker? nennt. Seine Heimatstadt Pforzheim, seine Eltern ? selbstständige Architekten ? und die Waldorfschule prägten ihn, ?gaben mir ein Gespür von Design und die Wertschätzung für Handarbeit?.Auch die italienische Luxusmarke entwickelt er aus ihrer Tradition für feinste Lederarbeiten heraus. Das legendäre Flechtwerk aus hauchdünnen und seidigweichen Lederstreifen aus den Werkstätten in Vicenza wurde wieder zum Erkennungs- und Qualitätsmerkmal edler Taschen und für eine Reihe anderer Produkte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?When your initials are enough??When your initials are enough?Gegen die Logomanie der Luxusgüterindustrie setzt Maier den Slogan ?When your initials are enough?. Bottega Veneta kommt bis heute ohne Logo aus. Der Name ist genug. Und auch der prangt nicht laut auf Taschenverschluss oder Gürtelschnalle, sondern ziert leise das Etikett. ?Luxus heißt nicht, zeigen zu können, wie viel Geld man für eine Handtasche ausgeben kann. Luxus heißt, sich die höchste Qualität und beste Funktionalität kaufen zu können, und das kann leise genossen werden?, sagt Maier.?Luxus-Rebell? wird Maier in der Branche auch wegen seines unprätentiösen Auftretens genannt. In seinem braunen Baumwollblazer und der Bluejeans entspricht er nicht dem Klischee anderer Kreativer, die sich in schwarzer Einheitskluft zeigen. Und seine Umgangssprache ist zwar Englisch, doch würzt er sie mit deutschen Ausdrücken wie einem herzhaften ?Grüß Gott?.Sein Büro in Mailand hingegen ist nüchtern eingerichtet, ein reiner Arbeitsraum, Grau in Grau, mit zugezogenen Fenstern und breitem Schreibtisch, hinter den sich Maier gerne zurückzieht: ?Das Produkt ist der Star ? nicht ich!?Maier weiß schon früh, was er will. Nach dem Abitur hält es den 19-Jährigen keinen Tag länger in der Heimatstadt: ?Am Morgen nach der Abifeier bin ich aufgebrochen.? Maier geht nach Paris, wo er an der ?Chambre Syndicale de la Haute Couture? Mode studiert. Anschließend arbeitet er für Modehäuser wie Guy Laroche und steigt bei Hermès zum Chefdesigner der Damenmode auf. 1998 verlässt er Paris, um sich in Florida selbstständig zu machen. In Miami entwickelt er seine eigene Bademodenkollektion. Für einen internationalen und optisch ebenmäßigen Markennamen streicht er das ?h? in seinem Vornamen. So haben Vor- und Nachname je fünf Buchstaben.In den USA ist Maier endlich sein eigener Herr ? bis Tom Ford anruft. Der ehemalige Gucci-Chef bittet ihn, Kreativchef von Bottega Veneta zu werden. ?Der Zeitpunkt war richtig ? ich war 44 Jahre alt ?, und es war eine Herausforderung?, erzählt Maier.Wie eine Prinzessin ihren Froschkönig, küsst der Deutsche die verwunschene Marke aus der italienischen Provinz wach. Von Saison zu Saison erweitert er die Kollektion. Von Bottega Veneta gibt es heute nicht mehr nur Damenhandtaschen. Das charakteristische Flechtwerk zieht sich über Kleider, Schuhe, Einrichtungsgegenstände und seit neuestem auch über Schmuck.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Keine KompromisseKeine KompromisseKompromisse geht Maier nicht ein ? auch wenn sich der Drei-Tage-Bart-Träger manchmal fühlt wie ?eine ausgequetschte Zitrone?. Von Bottega Veneta gibt es weder eine preisgünstige Zweitmarke noch eine Jugendlinie ? und ein Schlussverkauf ist undenkbar. ?Luxus ist absolut undemokratisch?, sagt Maier.Für den Klassiker bei den Damenhandtaschen aus geflochtenem braunem Leder gibt es eine lange Warteliste. Und eine Einladung zur Modenschau in Mailand ist schwerer zu ergattern als die von anderen Edelmarken wie Dolce & Gabbana oder Miuccia Prada.Sein bisheriges Leben oder seine eigene Marke hat Maier für das Dolce Vita aber nicht aufgegeben. Bottega Veneta ist für ihn quasi ein Halbtagsjob. ?Tomas ist die meiste Zeit zwar nicht körperlich anwesend, aber doch stets präsent?, sagt eine Mitarbeiterin am Firmensitz in der Viale Piaceno. Zehn Tage im Monat ist Maier in Mailand, fünf auf Reisen und zwölf in Miami, wo er weiter Bikinis und Badehosen entwirft. Dort betreibt er unter dem Atelier seinen eigenen Laden, in dem er ?alles und nichts aus der Welt des Luxus? verkauft. ?Der Kontakt zum Kunden ist mir ebenso wichtig wie die Handarbeit?, sagt Maier.Die deutschen Wurzeln verleugnet er nicht. Seinen badischen Akzent hat er kultiviert, in Miami verkauft er neben Bottega Veneta auch Meissner Porzellan ? und geradezu ?stolz? ist er auf seinen neuesten Coup: Die Schmuckkollektion von Bottega Veneta kommt aus seiner Heimatstadt, der ?Goldstadt? Pforzheim. Die Colliers und Armbänder aus geflochtenen Goldsträngen fertigt die traditionsreiche Schmuckmanufaktur ?Victor Mayer?.?Es ist sehr beeindruckend, mit Maier zusammenzuarbeiten?, berichtet Geschäftsführer Marcus Mohr, ?Maier ist sehr neugierig, hat eine sehr schnelle Auffassungsgabe und weiß, was er will.? Um sich etwa davon zu überzeugen, dass eine Halskette auch wirklich ausreichend weich und geschmeidig sei, habe sich Maier den Prototypen einfach um den Hals gelegt und probegetragen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Tomas MaierVita von Tomas Maier1957 wächst Thomas Maier in Pforzheim auf und besucht die Waldorfschule.1976 wechselt er nach dem Abitur nach Paris und studiert an der Chambre Syndicale de la Haute Couture. Danach arbeitet er für Luxusmarken. Bei Hermès steigt er zum Chefdesigner für Damenmode auf.1998 verlässt Maier Paris und geht nach Miami. Er gründet seine eigene Marke, die er Tomas Maier nennt. Das ?h? in seinem Namen streicht er aus optischen Gründen.2001 nimmt Maier das Angebot vom ehemaligen Gucci-Chef Tom Ford, der Luxusmarke Bottega Veneta wieder Leben einzuhauchen, an. Sein Wohnsitz bleibt jedoch Miami.2006 ist Bottega Veneta der Shootingstar der Luxusszene. Die Italiener sind so schnell gewachsen, dass sie im französischen Mutterkonzern PPR selbst Yves Saint Laurent abhängen und jetzt nach Gucci die zweitgrößte Luxusmarke der Gruppe sind.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.10.2006