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Rauschers Stuhl wackelt

Der Atomkraftwerks-Betreiber Vattenfall will in den kommenden Tagen Konsequenzen aus den Zwischenfällen in seinen Atommeilern Krümmel und Brunsbüttel ziehen. Konzernchef Lars Göran Josefsson übte harsche Kritik am Krisenmanagement der Deutschland-Tochter und deutete personelle Konsequenzen an. Für den Chef von Vattenfall Europe, Klaus Rauscher, wird es eng.
Der Vorstandsvorsitzende der Vattenfall Europe AG, Klaus Rauscher. Foto: dpa
HB BERLIN. Josefsson schloss nicht aus, dass der Geschäftsführer des Atomkraftbereichs, Bruno Thomauske, entlassen werden könnte. Spekuliert wird auch über eine Ablösung von Vattenfall-Europe-Chef Klaus Rauscher. Berichte über einen bevorstehenden Ausstieg von Vattenfall aus der Atomenergie in Deutschland wies Josefsson in der ?Berliner Zeitung? vom Montag aber zurück.In Kiel werteten Experten des Sozialministeriums und externe Fachleute am Wochenende einen Zwischenbericht von Vattenfall zu den Vorfällen in Krümmel aus. Darin werden unter anderem Kommunikationsprobleme bei der Bedienungsmannschaft eingeräumt. ?Wir waren unfähig, richtig zu kommunizieren?, kritisierte Josefsson. ?Es hat sich eine äußerst unglückliche Situation in Deutschland entwickelt.? Aus der Pannenserie und dem Umgang damit sei die ?Frage des Vertrauens zu Vattenfall? aufgekommen.

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Für Entscheidungen über personelle Konsequenzen sei es aber noch zu früh. Er verfolge den Fall persönlich und erhalte täglich Zwischenberichte, sagte Josefsson, der auch einer der Klimaberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel ist. Vattenfall-Sprecher Ivo Banek sagte Reuters am Sonntag, in den nächsten Tagen werde es Entscheidungen über Konsequenzen aus den Vorfällen geben.Der ?Tagesspiegel am Sonntag? berichtete ohne Angabe von Quellen, bei Vattenfall stünden weit reichende Veränderungen im Organisationsablauf bevor. In der ?Welt am Sonntag? hieß es unter Berufung auf Kreise des Vattenfall-Mutterkonzerns in Stockholm, es werde Konsequenzen der verschiedensten Art geben. Vattenfall-Europe-Chef Rauscher gerate zunehmend unter Druck. Ein Sprecher Josefssons wollte das nicht kommentieren.Vattenfall wies Berichte zurück, das Unternehmen erwäge, die Betriebslizenz für die Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel an Eon weiterzugeben. Sprecher Johannes Altmeppen sagte: ?Eine Übertragung von Kernkraftwerks-Anteilen oder der Lizenzen steht nicht auf der Tagesordnung.? Auch eine Eon-Sprecherin sagte zu einem entsprechenden ?Spiegel?-Bericht: ?Von Vattenfall liegt uns überhaupt keine Anfrage zur Änderung des Vertrages über die Kernkraftwerke in Krümmel und Brunsbüttel vor, demzufolge auch keine Anfrage zur Änderung der Betriebsführung.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kraftwerksmitarbeiter sollen am kommenden Montag befragt werden?Der Spiegel? hatte berichtet, in der vorigen Woche habe es erste Gespräche von Vattenfall mit Eon dazu gegeben. Eon genieße einen besseren Ruf beim Betreiben von Atomkraftwerken. Damit könne eine drohende Schließung abgewendet werden. Auch die ?Welt am Sonntag? berichtete ungeachtet gegenteiliger Äußerungen beider Unternehmen, es habe Gespräche gegeben. Der Düsseldorfer Konzern ist zu 50 Prozent an Krümmel beteiligt, an Brunsbüttel hält er ein Drittel.Das für die Atomaufsicht zuständige schleswig-holsteinische Sozialministerium hat eine Prüfung eingeleitet, ob Vattenfall die Betriebserlaubnis entzogen wird. Der Konzern habe durch seine Informationspolitik das Vertrauen der Menschen in seine Zuverlässigkeit öffentlich und politisch verspielt, hatte Ministerin Gitta Trauernicht erklärt.
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In einem am Freitagabend veröffentlichten Zwischenbericht zu den Vorfällen im Atommeiler Krümmel heißt es, beim Bedienen der Ventile zum Druckausgleich habe es ein Missverständnis zwischen Schichtleiter und Reaktorfahrer gegeben. Dadurch seien Ventile minutenlang geöffnet geblieben, während die Anweisung des Schichtleiters darauf gezielt habe, die Ventile abwechselnd zu öffnen und zu schließen. ?Dies wurde von dem Reaktorfahrer so nicht verstanden.? Zudem ist in dem Bericht von Problemen bei der Synchronisation zwischen einzelnen Computern die Rede.Der Atommeiler ist seit einem Brand in einem Transformator vor zwei Wochen abgeschaltet. Am Freitag hatte die Polizei Büros und den Leitstand des Reaktors durchsucht. Das ebenfalls nach einem Zwischenfall vor zwei Wochen vorübergehend abgeschaltete Kraftwerk Brunsbüttel ist hingegen wieder voll am Netz. SPD-Chef Kurt Beck verlangte lückenlose Aufklärung. Und es müsse beim Atomausstieg bleiben wie vereinbart, sagte er in Würzburg. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel sagte der ?Sächsischen Zeitung? (Montagausgabe), die Vorfälle seien ?keine Werbeveranstaltungen für die Verlängerung von AKW-Laufzeiten?, die vom Koalitionspartner Union immer wieder gefordert wird. Die Konzerne sollten alte Meiler abschalten und deren Laufzeiten auf jüngere Anlagen übertragen, sagte der SPD-Politiker.Unterdessen wurde bekannt, dass Atomexperten des für das Atomkraftwerk Krümmel zuständigen schleswig-holsteinischen Sozialministeriums und des Bundesumweltministeriums am kommenden Montag in Kiel Kraftwerksmitarbeiter zum Pannen-Ablauf befragen werden. ?Es geht uns darum, warum es es Probleme bei der internen Kommunikation gab. Und wir wollen wissen: Was haben die ganzen Leute da gemacht? Warum waren es so viele??, sagte der Sprecher des Kieler Sozialministeriums, Oliver Breuer, am Sonntag.Politische Vertreter sind bei dem Treffen nicht vorgesehen. Es findet an einem geheimen Ort statt. ?Es geht uns nicht darum, die Leute in die Öffentlichkeit zu zerren?, betonte Breuer. Man wolle Aufklärung. Der Kraftwerksbetreiber Vattenfall hatte von bis zu 37 Personen berichtet, die nach dem Alarm während der Pannen im Schaltanlagengebäude waren oder dazustießen. Zehn Mitarbeiter sind im Normal-Betrieb im Leitstand und auf Patrouille nötig.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.07.2007