Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Raus in die Welt

Aufgezeichnet von Joana Bieker
Eine Pause einlegen nach dem Abi-Stress, rumreisen, Neues erleben: Sven berichtet von seinen Erlebnissen als Backpacker in Australien, Jule von ihrer Arbeit auf einer Farm in Afrika, und Anna erzählt, wie sie in Thailand als Englischlehrerin gearbeitet hat. karriere abi sagt euch, wie ihr euch für ungewöhnliche Jobs im Ausland bewerben könnt.
Ackern im Paradies

Weit und breit kein Schatten. Mit langem Hemd, Strohhut und Handschuhen bewaffnet stehe ich bei 35 Grad auf einer Pfirsichplantage im australischen Stanthorpe, irgendwo in der Pampa, anderhalb Stunden von Brisbane entfernt. Mein Job: Pfirsiche pflücken, zum Container laufen, Tasche leeren, weiterpflücken. Bei jedem Bücken läuft mir der Schweiß. Ist es wirklich erst zwei Wochen her, dass ich mit ein paar anderen Work-and-Travellern quer durchs Outback gefahren bin? Wir saßen stundenlang am Ayers Rock und haben uns den Sonnenuntergang angeschaut. Wir haben Abende am Lagerfeuer verbracht. Wir waren am Great Barrier Reef schnorcheln und haben uns an weißen Stränden in der Sonne gerekelt

Und jetzt pflücke ich seit Tagen bei Bullenhitze Pfirsiche und kann kaum erwarten, dass der Arbeitstag zu Ende geht. Curtis kommt auf die grandiose Idee, Wer bin ich? auf Englisch zu spielen, um uns die Zeit zu vertreiben. Insgesamt sind wir rund zehn Backpacker. Da wird selbst das Pfirsichpflücken zum Heidenspaß -- trotz der Hitze. Uns verbindet ein Ziel: in einem Jahr möglichst viel von Land und Leuten zu sehen. Und dabei so viel Geld zu verdienen, dass man über die Runden kommt. Anders hätte ich ein Jahr Australien direkt nach dem Abi nicht finanzieren können

Die besten Jobs von allen


Als Backpacker musst du mit allen Jobs rechnen: Deck schrubben auf einem Krabbenkutter, Bananen und Tomaten ernten, Mangos und Pfirsiche pflücken, Teller waschen in Cairns oder Möbel packen in Sydney. Und das meist für magere fünf bis sieben Euro die Stunde. Von den Mangos bekam ich nach einer Weile Ausschlag. An den Bananenstauden habe ich mir in den Arm geschnitten. Die Tomaten wurden pro Korb bezahlt - da musste ich mich tierisch reinhängen. Von meinem jetzigen Pfirsich-Job erfuhr ich über Mundpropaganda, stellte mich kurz vor und fing am nächsten Tag an. Es wurde auch höchste Zeit, sonst hätte ich meinen Notgroschen zücken müssen.

Nach sieben Stunden Knochenarbeit fahren wir zurück ins Hostel, wo ich mir mit zwei Koreanern, zwei Deutschen und einem Kanadier ein Zimmer teile. Dort kochen wir alle zusammen. Manchmal laden uns die Farmer auch zu Pizza und Bier ein. Sobald ich wieder flüssig bin, werde ich den Pfirsichbäumen den Rücken kehren und mich irgendwo hintreiben lassen. Fraser Island will ich unbedingt noch sehen und am "Surfers Paradise" war ich auch noch nicht. Irgendwo dazwischen gibt es sicherlich noch ein paar Tomaten oder Pfirsische, die von mir gepflückt werden wollen.


Der Job
Was? Reisen und nebenbei jobben
Für wen? Junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren
Wo? Australien, Neuseeland, Kanada
Wie lange? Bis zu 12 Monaten
Wie viel? 5 bis 7 Euro pro Stunde, bei freier Unterkunft auch weniger. Reisekosten: ab 1 500 Euro inklusive Flug und Arbeitsvisum
www.aifs.de, www.wege-ins-ausland.de
Kuscheln mit Simba

Meine Finger zittern, als ich die Spritze im Nacken des jungen Affenweibchens ansetze. Hinter mir steht Bob, der Farmbesitzer, und führt meine Hand. Hier auf der Affenfarm im Nordosten Südafrikas werden den Jungtieren Mikrochips implantiert, um sie später im Gehege auseinander halten zu können. Die Kanüle, durch die die Chips gejagt werden, ist ziemlich dick - es kostet Überwindung, sie durch den Muskel des Tiers zu stechen

Für ein paar Wochen arbeite ich auf der Farm von Bob und Lynn. Vormittags miste ich die Gehege aus und verteile das Futter. Danach sehe ich den Affen beim Spielen, Schmusen und Putzen zu oder fahre mit Bob in die nächste Stadt, um Nachschub zu besorgen. Als das Krokodil ausbüchst, startet eine große Suchaktion. Auch ich suche mit - zumindest tue ich so. In Wahrheit bewege ich mich keine zwei Meter von der Farm weg und hoffe, dass ich nicht diejenige bin, die den Weg des Krokodils kreuzt. Am Abend sitzt Schnappi wieder in seinem neuen, hoffentlich stabileren Käfig, ohne dass wir beide uns bekannt gemacht haben

All die anderen Wildtiere - Löwen, Leoparden, Nashörner, Elefanten, Giraffen, Zebras und Antilopen - erlebe ich hautnah im Kruger Nationalpark, der zweiten Station meines Südafrika-Abenteuers. Mit zehn anderen Freiwilligen aus den Niederlanden, den USA, Norwegen und Kanada bauen und reparieren wir Aussichtstürme und Zäune, bessern die Wege aus

Wenn du keine Angst hast, kannst du einige Tiere sogar anfassen. Als ich mich mit vorsichtigen Schritten auf ein Löwenbaby zubewege, überlege ich kurz, was passieren würde, wenn es mir jetzt ins Gesicht springt. In dem Moment schmeißt sich der Kleine auf den Rücken. Das heißt wohl eher: "Los - kraul mich!" Vorsichtig berühre ich seinen Bauch. Sein Fell fühlt sich an wie Samt. Er gibt ein zufriedenes Schnurren von sich und für wenige Sekunden bilde ich mir ein, ich streichle gerade eine stinknormale Hauskatze, die ein bisschen groß geraten ist

Meine Zeit in Südafrika würde ich gegen nichts auf der Welt eintauschen. Wer weiß, ob ich jemals wieder Gelegenheit habe, inmitten einer Affenfamilie zu sitzen, mit Babylöwen zu kuscheln und den Duft von Erde und Staub zu riechen, wenn eine Horde Antilopen durch die Wüstenlandschaft Südafrikas springt.


Der Job
Was? Freiwilligenarbeit mit Tieren oder in Naturschutzprojekten
Für wen? Junge Leute ab 18 Jahren
Wo? Afrika, Kanada
Wie lange? In der Regel 4 bis 8 Wochen
Wie viel? Keine Bezahlung, Programmgebühr 400 bis 600 Euro pro Woche, Kost und Logis frei
www.travelworks.de, www.stepin.de
Boogie im Busch

Ich stehe in einem kargen Holzpavillon und 30 braune Augenpaare gucken mich erwartungsvoll an. Für einen Moment ist es in der ersten Klasse im thailändischen Dorf Monguia mucksmäuschenstill. Danach geht das Getobe der Achtjährigen wieder los. Sie kommen auf mich zu gelaufen, ziehen an meinen Ärmeln und brabbeln alle gleichzeitig auf mich ein. Mit meinen paar Brocken Thailändisch versuche ich ihnen zu erklären, dass ich sie für die nächsten drei Monate in Englisch unterrichten werde. Glücklicherweise muss ich die Bande nicht allein im Zaum halten, sondern zusammen mit anderen Freiwilligen aus Frankreich, Spanien und Österreich. Marc aus Hannover packt seine Gitarre aus und mit den Kindern singen und tanzen wir dazu den "Boogie-Boogie Tanz". Das klappt viel besser als meine kläglichen Versuche, Thailändisch zu reden

Das 300-Seelen-Dörfchen im Osten Thailands liegt gut sechs Busstunden von Bangkok entfernt. Wir sieben Volonteers schlafen in einem eigenen Haus. Dass es weder ein Klo mit Spülung noch eine Dusche mit fließendem Wasser gibt, ist für mich nach den ersten Tagen schon ganz normal. Auch, dass bei der Zubereitung mal eine Ameise ins Essen gerät, oder ich morgens den Rattenkot aus den Schlafräumen fegen muss

Englisch lernen will jeder in Thailand. Da spielt es keine Rolle, dass ich selber kaum älter bin als manche meiner Schüler und nur gutes Schulenglisch aus Deutschland mitbringe. Vier Tage die Woche unterrichten wir die Acht- bis 18-Jährigen. Zum Dank werden wir mehrmals in der Woche von den Dorfbewohnern zum Essen eingeladen. Ohne Reis läuft kulinarisch nichts in Thailand. Morgens gibt es Reis mit Ei. Mittags und abends Reis wahlweise mit Fisch, Fleisch oder Gemüse. Pasta zählt hier eher zu den exotischen Gerichten. Skeptisch beäugen die Einheimischen meine Spagetti mit Tomatensauce. Keiner traut sich zu probieren

Mit den kleinen Kindern kommuniziere ich über Bilder und bringe ihnen erst mal einzelne englische Worte bei, die Älteren verstehen schon etwas mehr, das macht es einfacher. Nach ein paar Wochen versuchen die älteren Schüler endlich, ihre eigenen englischen Texte in der Klasse vorzulesen. Ein tolles Gefühl zu sehen, dass sie bei mir etwas gelernt haben. Vielleicht ist Lehrerin ja auch daheim in Deutschland der richtige Job für mich


Der Job
Was? Freiwilligenarbeit mit Kindern oder in gemeinnützigen Projekten
Für wen? Junge Leute ab 18 Jahren
Wo? Asien, Afrika, Südamerika
Wie lange? 3 bis 12 Monate
Wie viel? Keine Bezahlung oder nur kleines Taschengeld, Organisationsgebühren bis 500 Euro, Kost und Logis frei
http://europa.eu.int, www.pro-international.de




Dieser Artikel ist erschienen am 16.06.2006