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Raus aus der Schublade

Von Tanja Kewes
?Ich bin ein Markenartikler? sagt der Vorstandschef der an der Börse Stuttgart notierten WMF AG aus Geislingen über sich selbst. Und die Markenfibel von WMF ist wahrscheinlich das Lieblingsbuch von Thorsten Klapproth. Aktuell krempelt er aber das Traditionshaus um.
Historisches Werbeplakat von WMF.
HB GEISLINGEN. ?Ich bin ein Markenartikler!? sagt der Vorstandschef der an der Börse Stuttgart notierten WMF AG aus Geislingen über sich selbst. Deshalb hat es den in Osterode im Harz Geborenen auch vor zwei Jahren auf die Schwäbische Alb verschlagen.Er hat sich viel vorgenommen. Aus der betulichen Traditionsmarke Württembergische Metallwarenfabrik (WMF) will er einen Lifestyle-Konzern formen. Neben der Kernmarke WMF (Besteck, Töpfe, Küchenhelfer) zählen heute vier Tochtergesellschaften zum Konzern: Alfi-Isolierkannen, Auerhahn-Bestecke, Silit-Töpfe und Kaiser-Backformen. ?95 Prozent Markenbekanntheit. Bei 75 Prozent aller Bundesbürger liegt WMF in der Küchenschublade?, weiß er.

Die besten Jobs von allen

Doch die Küchenschublade reicht ihm nicht. Denn das vergangene Geschäftsjahr war für WMF eines der härteren in der Geschichte. Wie in der gesamten Küchen- und Hausratsbranche schrumpfte das Geschäft. Der Umsatz sank konzernweit um drei Prozent auf 562 Millionen Euro, der Jahresüberschuss brach von 10,8 auf 2,4 Millionen Euro ein.Mit Lifestyle und High Tech will Klapproth, der bei Bosch-Siemens-Hausgeräte im Marketing startete, den Abwärtstrend stoppen. Deshalb treibt er zum Beispiel die Entwicklung und Produktion von vollautomatischen, professionellen Kaffeemaschinen voran und will die Beteiligung am Schweizer Kaffeespezialisten Schaerer aufstocken. Erster Erfolg: Nach nur zwei Jahren ist WMF bei diesen speziellen Kaffeemaschinen nach eigener Auskunft weltweit Marktführer.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein legendärer AusrufGanz anders sah das sein Vorgänger Rolf Allmendinger, der heute den Aufsichtsrat leitet. Legendär ist sein Ausruf: ?Wer noch einmal eine Kaffeemaschine fordert, kann gehen!? Beide Vorstände verbindet jedoch die Leidenschaft für den Traditionshersteller. Erzählt wird unter Mitarbeitern, wie Allmendinger einmal in einem Restaurant schlechtes Besteck zum Fenster hinauswarf. Solche Anekdoten gibt es über den Neuen noch nicht. Doch: ?Klapproth steht mächtig unter Druck. Der haut auch schon mal auf den Tisch?, erzählt ein Mitarbeiter.Bei der Belegschaft kommt sein Kurs an. Das Beschäftigungssicherungsprogramm mit Kurzarbeit in der Produktion und Mehrarbeit im Vertrieb wurde mit großer Zustimmung angenommen. ?Klapproth gibt den Mitarbeitern eine Perspektive?, sagt ein IG-Metaller, ?und diese schenken ihm ihr Vertrauen.?Das ?made in Germany? ist für Klapproth dabei ?eine zentrale Voraussetzung für den Begriff Qualitätsmarke?. An der Produktion im Inland rüttelt er deshalb vorerst nicht. Im Stammwerk in Geislingen und im benachbarten Hayingen arbeiten 4300 der konzernweit 5300 Beschäftigten. Zwar produziert WMF auch in China. Doch Arbeitsplatzverlagerungen sind laut Klapproth nicht geplant.Bevor er bei WMF anheuerte, führte er den Nobelküchengerätehersteller Gaggenau. Doch anders als manche Beobachter annahmen, macht er bisher keine Anstalten, WMF zu einer Luxusmarke zu entwickeln.Bei Besteck und Küchenhelfern will er aber das Image des klassischen Hochzeitstisch-Ausstatters loswerden. Mit einem Steckbesteck in grellen Farben versucht er sich im Outdoor-Bereich. Sein liebstes Kind sind die neuen Baby- und Kinderbestecke. ?Wir sind dabei, die Steifs beim Kinderbesteck zu werden?, tönt Klapproth, der keine eigenen Kinder hat, ?aber Nichten und Neffen, die beschenkt werden wollen?.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.07.2005