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Raus aus der Deckung

Von Holger Alich
Mit einem Milliarden-Deal emanzipiert sich Schneider-Electric-Chef Jean-Pascal Tricoire von Übervater Henri Lachmann. Der 43-Jährige steht für eine neue französische Managerriege.
PARIS. Der Mann liebt es rasant. Noch keine sechs Monate war er im Amt, da legte er am Montag einen Sechs-Milliarden-Dollar-Deal auf den Tisch. Jean-Pascal Tricoire, Chef des französischen Elektronikriesen Schneider Electric, will die amerikanische American Power Conversion übernehmen. APC ist der Weltmarktführer für unterbrechungsfreie Stromversorgungssysteme. ?Dies ist ein bedeutender Schritt für Schneider Electric?, verkündete Tricoire, und seine militärische Kurzhaarfrisur schien den frisch-fröhlichen Zack-zack-Stil des 43-Jährigen noch zu unterstreichen.Nicht nur für sein Unternehmen, auch für den Schneider-Chef selbst ist die Übernahme von APC ? nicht weniger als der größte Deal des französischen Traditionskonzerns seit sechs Jahren ? bedeutend. Tricoire emanzipiert sich von Übervater Henri Lachmann, der Schneider lange führte und den Tricoire im Mai ablöste. Der neue Schneider-Boss gehört zur jungen Garde französischer Spitzenmanager, die munter anpacken und weniger Wert auf die Herrenclub-Mentalität ihrer Vorgänger legen.

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Und die Risiko nicht scheuen: Die Übernahme von APC ist Tricoires erste große industrielle Wette. Die US-Firma, deren Anlagen dafür sorgen, dass Computernetze bei einem Stromausfall weiterlaufen, wächst schnell und passt gut zu Schneider Electrics eigener Stromversorgungssparte, die mehr als 60 Prozent des Konzernumsatzes von knapp zwölf Milliarden Euro einspielt. Schon bald, verspricht Tricoire, soll APC so rentabel sein wie Schneider mit seiner Marge von gut 13 Prozent. Die Börse nahm Tricoires Mega-Deal allerdings skeptisch zur Kenntnis: Die Schneider-Aktie gab zu Wochenbeginn sieben Prozent ab.Das kann Tricoire kurzfristig verschmerzen, denn den gewünschten Image-Effekt hat der APC-Deal gebracht: Nun kennen sie ihn in Paris. und der Schatten seines Ziehvaters Henri Lachmann wird etwas kürzer. Vergleiche mit Lachmann nerven den Neuen an der Schneider-Spitze. Er definiere sich nicht ?in Vergleichen?, sagte er ein wenig trotzig bei seinem Amtsantritt im Mai.Tricoire und Lachmann sind zwei völlig verschiedene Typen: Lachmann gilt als eher barocker Stratege, der in Verhandlungen mit Großkunden und Politikern zur Hochform aufläuft und der in Paris alles und jeden mit Rang und Namen kennt. Nicht zuletzt ist er eng mit Claude Bébéar befreundet, dem Gründer des Versicherungsriesen Axa und Paten des Finanzplatzes Paris. Die beiden bilden so etwas wie das Präsidium des französischen Manager-Olymps.Als Frankreichs Präsident Jacques Chirac unlängst jemanden suchte, der mit einem Strategiepapier versucht, die Vierländerbörse Euronext doch noch mit der Deutschen Börse zu versöhnen, fiel seine Wahl ? naturellement ? auf Henri Lachmann. Schneider-Chef Jean-Pascal Tricoire dagegen kennt sich eher mit technischen Details als dem großen politischen Plan aus. Da er den überwiegenden Teil seiner Laufbahn im Ausland verbrachte, ist er in Paris ein Unbekannter ohne die oft so nützlichen guten Kontakte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Einfachheit und natürliche AutoritätAndererseits ist sein Lebenslauf perfekt für ein Unternehmen, das 88 Prozent seines Umsatzes außerhalb Frankreichs macht. Tricoire ist ein Vertreter einer neuen Managergeneration, die Zug um Zug die Macht bei Frankreichs Top-Konzernen übernimmt. Der neue L?Oréal-Chef Jean-Paul Agon oder Benoît Potier von Air Liquide zählen ebenfalls dazu. Statt an Eliteschulen Freundschaften zu den Ministern von morgen zu knüpfen, sammeln sie jahrelang Erfahrungen mit ihren Konzernen im Ausland. Tricoire spricht Englisch, Spanisch und passabel Deutsch und ist mit einer Niederländerin verheiratet.Der dreifache Familienvater Tricoire kennt Schneider Electric in- und auswendig. 20 Jahre ist er im Unternehmen, und seine Stationen führten ihn von Grenoble über Italien, China, Südafrika bis in die USA. In China wurde Henri Lachmann Anfang 1999 auf den Ingenieur aufmerksam. ?Mir gefiel sein direktes Wesen und seine Ungeduld im positiven Sinne des Wortes?, sagte Lachmann später über diese erste Begegnung.Gefallen fand Lachmann auch an Tricoires Leistungen: Als Vertriebsdirektor in China war er entscheidend an den Verkaufserfolgen im Reich der Mitte beteiligt. Als Tricoires 1994 in China anfing, war der Umsatz Schneiders dort unbedeutend. Als er 1999 nach Johannesburg wechselte, machte Schneider in China 150 Millionen Euro Umsatz. Seine Zeit in China hat Tricoire sehr geprägt: Chinesische Kunstwerke schmücken sein Büro.Seinen raschen Aufstieg verdankt Tricoire auch einer herben Niederlage seines Vorgängers. Lachmanns hatte den französischen Konkurrenten Legrand schlucken wollen. 2001 untersagte die EU-Kommission jedoch die Übernahme ? Lachmanns großer strategischer Traum platzte. Später gaben Gerichte Schneider Recht. Aber Henri Lachmanns Nimbus hatte gelitten, der Verwaltungsrat beschleunigte die Suche nach einem Nachfolger. Bald fiel der Name Tricoire. Der wurde erst ins Exekutivkomitee und dann zum beigeordneten Generaldirektor berufen. Im Mai übernahm er den Chefposten. Die Vertrauten seines Vorgängers preisen Tricoire. ?Mir gefällt seine Einfachheit und seine natürliche Autorität?, lobte kein Geringerer als Schneider-Aufsichtsrat Bébéar.Trotz der Legrand-Pleite übernahm Jean-Pascal Tricoire von seinem Vorgänger Lachmann ein gut bestelltes Haus. Mit Stromverteilungssystemen, Schaltern und Automatisierungstechnologie machte Schneider 2005 einen Nettogewinn von knapp einer Milliarde Euro.Der APC-Deal zeigt, dass Tricoire entschlossen ist, neue Wachstumsfelder zu erschließen. Die Kritik der Analysten, die den hohen Preis monieren, perlt an ihm ab. ?Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir damit Wert schaffen können?, sagte er in einem Interview mit ?Le Monde?. Aber dass er auch eine Integration eines ausländischen Unternehmens erfolgreich umsetzen kann, muss Tricoire erst noch beweisen. Doch Jean-Pascal Tricoire mag es, wenn die Wellen hoch schlagen. In seiner Freizeit ist der Schneider-Chef begeisterter Wildwasser-Kanute.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.11.2006