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Raus aus dem Korsett!

Hans-Olaf Henkel
Knapp 20.000 deutsche Nachwuchswissenschaftler leben derzeit in den USA. Und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung zufolge entscheiden sich zwischen zwölf und 14 Prozent promovierter Deutscher nach ihrer Ausbildung in Deutschland für die USA. Die abgewanderten Fachleute fehlen unserem Land. Der Verlust an Fachkräften heißt "Brain Drain".
Knapp 20.000 deutsche Nachwuchswissenschaftler leben derzeit in den USA. Und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung zufolge entscheiden sich zwischen zwölf und 14 Prozent promovierter Deutscher nach ihrer Ausbildung in Deutschland für die USA. Die abgewanderten Fachleute fehlen unserem Land. Der Verlust an Fachkräften heißt "Brain Drain" - frei übersetzt: Gehirnschwund. Nicht nur Deutschland, ganz Europa hat mit diesem Gehirnschwund zu kämpfen. Die EU-Kommission schätzt, dass in den vergangenen zehn Jahren eine halbe Million europäischer Wissenschaftler in die USA ausgewandert sind. Warum wandern die Forscher ab? Es fehlt an Geld, und es fehlt an Chancen

Im europäischen Vergleich gibt Deutschland zwar überdurchschnittlich viel Geld für Forschung und Entwicklung aus. Gegenwärtig sind es ungefähr 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (gegenüber 1,9 Prozent im EU-Durchschnitt). Doch Grund zur Zufriedenheit ist das nicht. Schließlich wollen wir uns nicht mit Griechenland messen, sondern mit Japan oder Finnland. Beide Staaten leisten viel höhere finanzielle Beiträge für ihre Forschung. Das Beispiel Japan zeigt außerdem, was von der in Deutschland beliebten Ausrede zu halten ist, die Wirtschaftskrise verhindere angemessene Forschungsausgaben. Nämlich nichts. Japan gibt drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aus, obwohl es seit zehn Jahren in einer wirtschaftlichen Rezession dümpelt. Bei ihrer Bastelei an den Wissenschaftsstrukturen hat die rot-grüne Bundesregierung unlängst die Elite entdeckt. Das Wort wird vom geschichtlichen Staub befreit und für die deutsche Zukunft blank geputzt. Die neue Leistungselite soll ihren Platz an den deutschen Elite-Universitäten finden, die sich die SPD wünscht. Allerdings ist zu bezweifeln, dass dies mit dem lächerlichen Slogan der Bundesbildungsministerin gelingen wird: "Brain up! Deutschland sucht seine Spitzenuniversitäten". Gegen Wettbewerb ist nichts einzuwenden, doch das Niveau sollte bitte stimmen. Eine fernsehreife Show, in der die Spitzenuniversitäten vortanzen müssen, können wir wahrlich nicht gebrauchen.

Die besten Jobs von allen


Die deutschen Elite-Universitäten benötigen neben Geld vor allem eins: Freiheit. Diese Freiheit umfasst Autonomie, Selbstbestimmung und Wettbewerb. Per Dekret lassen sich keine Spitzenleistungen verordnen. Im Gegenteil: Eine Elite-Universität kann eigentlich nur entstehen, wenn sie möglichst weit weg von jeder politischen Einflussnahme agieren kann.

Vor einigen Wochen haben Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und andere sich für die Idee erwärmt, die Berliner Humboldt-Universität mit Bundesmitteln zur Elitehochschule zu machen. Wenn Bundes- und Landesregierung sich als verlässliche Geldgeber erwiesen und sich politischer Einflussnahme enthielten, könnte daraus sogar etwas werden. Leider liegt es in der Wesensart der deutschen Politik, das, was sie bezahlen soll, auch entscheidend formen und steuern zu wollen.

Die Hochschulen müssen die Freiheit haben, Studenten selbst auszuwählen. Im Gegenzug müssen auch die Studierenden die Freiheit haben, sich diejenige Universität auszuwählen, die sie für die beste halten. Jeder Studienanfänger wird sich genau überlegen, welches Studium das richtige für ihn ist, wenn Auswahlgespräche und Eingangstests zu absolvieren sind. Das hat den guten Nebeneffekt, dass die Abbrecher- und Umsteigerquote sinkt und somit zu einer Verkürzung der Studienzeiten führt.

Außerdem brauchen Hochschulen die Freiheit, Studiengebühren zu erheben - oder Studienbeiträge, wie das neue und weniger Anstoß erregende Wort heißt. Die Angst vor sozialer Auslese ist unbegründet. Es gibt sozial gerechte Studiengebührenmodelle, die niemanden vom Studium abschrecken. Klar muss aber sein: Die Studiengebühren gehören in die Universitäten und nicht in den allgemeinen Landeshaushalt

Zur Freiheit gehört auch, das Hochschulrahmengesetz abzuschaffen. Das enge Korsett, das der Bund allen Universitäten überstülpt, dämmt nur den Wettbewerb ein. Freiheit und Wettbewerb bedeuten, dass die Universitäten die besten Wissenschaftler mit einem adäquaten Gehalt locken und halten können. Bundesangestelltentarifvertrag oder Beamtenbesoldungsrecht sind dazu ungeeignet. Seit Jahren fordern Universitäten und Wissenschaftsorganisationen einen eigenen Wissenschaftstarifvertrag. Er ist überfällig

Das Erfolgskonzept für Deutschland ist also ganz einfach: Die Bundesländer müssen ihre Hochschulen in die Freiheit entlassen. Und der Bund darf sich nicht quer legen. Zur Freiheit gehört, Studiengebühren zu erheben und Spitzenleuten Spitzengehälter zu zahlen. Zur Freiheit gehört auch, leidenschaftlichen Forschern weniger, leidenschaftlichen Hochschullehrern mehr Vorlesungen zu gestatten. Hamburg macht es gerade vor. Und zur Freiheit gehört langfristige Finanzierungssicherheit. Wenn die Erträge der Hochschulen aus Studiengebühren und anderen Quellen nicht im Landeshaushalt verschwinden, dann besteht die Hoffnung, dass sich in einigen Jahren Elite-Universitäten herauskristallisieren.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.05.2004