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Raus aus dem eigenen Saft

Die Fragen stellte Anne Koschik.
Am 29. September startet die Musikmesse Popkomm erstmals in Berlin. Mit Projektmanagerin Katja Bittner sprach Junge Karriere über die Revolutionierung des Musikmarktes und das neue Messe-Konzept.
Frau Bittner, die Popkomm ist von Köln nach Berlin gezogen. Sie haben ihr ein neues Konzept gegeben. Warum?
Katja Bittner: In den letzten zwei, drei Jahren hatte sich das Image dieser Messe immer negativer verändert. Besucher- und Ausstellerzahlen gingen zurück, die Inhalte wurden flacher, und in der Branche fragte man sich: Was soll das eigentlich noch?

Was erwartet die Besucher jetzt?
An den drei Säulen Messe, Kongress, Festival wollen wir festhalten, denn die Popkomm ist weltweit die einzige Messe dieser Art, wo alle drei Säulen gleich stark bewertet werden. Sie sollen aber an Profilschärfe gewinnen. Im Kongressbereich zum Beispiel haben wir darauf geachtet, dass neue Player ins Spiel kommen. Früher war er doch sehr auf Tonträger fokussiert. Das brachte der Popkomm den Vorwurf ein, die Musikbranche schmore nur im eigenen Saft. Diesmal werden auch Telekommunikationsunternehmen, Games-, Film-, Werbe- und Modeindustrie einbezogen. Die Popkomm soll als Plattform dienen für neue Geschäftsmodelle und wie man sie wechselseitig nutzen kann.

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Wie könnten solche Synergien aussehen?
In den Bereich Kultur fallen die gesamten Crossover-Aktivitäten zwischen verschiedenen Industrien und Kulturwelten, in den Bereich Gesellschaft das Konsumentenverhalten und Werbung, in den Bereich Wirtschaft die internationale Vernetzung, mobile Musik und neue Technologien.

Das Fachpublikum war in der Vergangenheit nicht immer zufrieden mit der Popkomm. Was bieten Sie denen jetzt?
Die Messe selbst wird rein businessorientiert sein, ohne Publikumstag, denn da ist sie immer wieder gescheitert. Es wird auch keine Show-Bühnen geben, schon aus Respekt vor dem Künstler, für den es viel schwieriger ist, vor Fachleuten zu spielen. Wir haben ein völlig neues, atmosphärisches Konzept entwickelt, sehr optisch, mit einem lockeren Standbausystem aus Holz und Stoff, Messeständen im Lounge-Bereich und Berliner Szene- statt Messegastronomie. Außerdem führen wir ein Tool zur Professionalisierung des Kontakteknüpfens ein: den Virtual Market Place - eine Art virtuelle Popkomm, die das ganze Jahr über existiert.

Aber für die Besucher gibt es trotzdem noch Musik, oder?
Natürlich. Rund 400 Künstler werden während des dreitägigen Festivals in Clubs und Konzerthallen auftreten. Neu ist, dass wir jetzt jeweils ein Partnerland haben. Diesmal ist es Frankreich, denn es gilt als Vorbild dafür, wie ein Land seine nationalen Künstler wirkungsvoll unterstützt. Unser Ziel ist es, die Leidenschaft wieder zu wecken und in den Clubs neue Künstler mit neuer Musik zu erleben und zu entdecken.

Klingt alles sehr euphorisch, aber wird das Publikum es auch so annehmen?
Vor einigen Monaten war ich auch noch skeptisch, ob wir die Hallen voll kriegen. Aber der Wind hat sich komplett gedreht, die meisten haben wieder den Zugang zur Popkomm gefunden. Wenn diesmal vielleicht auch nicht alle Vorhaben 100-prozentig umgesetzt werden, so wäre dennoch eine Menge erreicht, wenn die Leute sagen, hier hat sich viel bewegt, auf das man aufbauen kann. Bei aller Euphorie darf man aber nicht vergessen, dass die Popkomm in Berlin ein Baby ist, das wachsen muss.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.09.2004