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Rauchzeichen aus Genf

Von Oliver Stock
Zum 100. Geburtstag von Zino Davidoff meißelt seineTochter Sonja am Denkmal des Zigarrenpapstes. Dabei hat sich der Luxuskonzern schon längst von seinem Namensgeber unabhängig gemacht. Immerhin steigt der Umsatz nach einem Rückgang im Jahr 2001 stetig. 2004 verzeichnete der Konzern einen Umsatz von umgerechnet 1,6 Milliarden Euro, wozu die bei Reemtsma gefertigten Zigaretten den größten Teil beitrugen.
GENF. Der Vater klebt am Eingang zum Parkhaus Montblanc, er leuchtet im Wartehäuschen der Straßenbahnlinie elf. Zigarrenpapst Zino Davidoff ist an diesem Wochenende in Genf allgegenwärtig. Das Foto auf den Plakaten zeigt einen älteren Herren mit genauso vielen Falten vom Lachen wie vom Denken. Mit Augen, die sagen: Ich kenne die Welt. Mit freundlich nach oben gebogenen Mundwinkeln, die hinzufügen: Und sie ist gut so. 100 Jahre alt wäre dieser Bonvivant am Samstag geworden.Es berühre sie, den Vater von jeder Säule lächeln zu sehen, sagt Sonja Davidoff. Die Tochter sitzt in einem jener Salons, die Genfer Hotels für besondere Gäste aufschließen. Himmelblau ist die Tapete, jahrzehnteschwer der Vorhang, und viel zu klein für den großen Saal ist das Marmortischchen in der Mitte. Die feine, alte Dame bewegt sich etwas verloren in dieser Einrichtung ? wie Gulliver im Land der Riesen.

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Es ist eine jener Situationen, die Vater Zino wahrscheinlich mit einer Zigarre gemeistert hätte. Vielleicht mit einer aus der ?Grand Cru?-Serie. 1946 hatte der Papa die geniale Idee, seine Zigarren nach dem Stoff zu benennen, den seine Kunden genauso schätzten: Bordeaux-Weine. Der hohe Anteil kräftiger Aromen in der Gran-Cru-Mischung, die einen nachhaltigen Geruch hinterlassen, hätte den Raum gefüllt.Die Tochter raucht seltener. Sie hat eine Packung Zigaretten in der zierlichen Handtasche, die eher dem guten Gefühl dienen, etwas dabei zu haben, als dass sie tatsächlich angezündet werden. ?Auch mein Vater hat gerne Zigaretten geraucht?, sagt sie und verrät damit vermutlich ein Detail, das so nicht in den offiziellen Lebenslauf desjenigen gehört, der gesagt haben soll: ?Rauchen sie weniger ? aber besser und länger.?Sonja Davidoff erinnert sich dann doch ihrer Rolle als Oberhaupt einer Zigarrendynastie und fügt hinzu, dass sie nach dem Essen ab und an gegen eine Zigarre nichts einzuwenden habe ? eine leichte Davidoff Nr. eins zum Beispiel. Die 72-Jährige, die Deutsch und Französisch spricht, redet sich warm und kramt die Argumente der Tabakfreunde aus der Zigarrenkiste: ?Der Staat mischt sich zu sehr in die Gesundheit der Menschen ein, wenn er das Rauchen ächtet.?Es sei doch besser, nach der Mahlzeit eine gepflegte Zigarre zu qualmen, als auf die Straße zu eilen, um hastig an einer Zigarette zu ziehen. Natürlich hätte der Vater das Gleiche gesagt. ?Zigarren?, sagt seine Tochter und befindet sich damit wieder vollends in dem Bild, das sich die Welt unter Mithilfe kräftigen Marketings von Zino macht, ?hat er so liebevoll angeschaut wie eine Frau.?Stimmt das Bild, oder ist es eine Legende, die dazu beitragen soll, die Marke als Inbegriff von Luxus und Lebensart zu positionieren? Halten es die Marketing-Strategen vielleicht doch mit dem Dichter Oscar Wilde, der bemerkte: ?Der Genuss einer guten Cigarre lässt uns an Zeiten zurückerinnern, die es gar nicht gegeben hat?? Die Tochter taugt nur begrenzt für Antworten. 1953 zog sie fort aus Genf, wo der Vater sein Zigarrengeschäft betrieb. ?Ich habe nur einen Tag probiert, mit ihm zu arbeiten?, berichtet sie. Die Aufgabe, die ihr der Vater zuteil werden ließ, lautete: Humidore entstauben. Die Tochter packte am nächsten Tag die Koffer.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Verkauf auf dem Höhepunkt der Karriere.Das Geschäft in Genf war zu dieser Zeit zwar über die Grenzen des Landes hinaus zum Anziehungspunkt derjenigen geworden, die zeigen wollten, dass sie sich wieder etwas leisten konnten. Davidoff war jedoch weit entfernt davon, als weltumspannende Luxusmarke wahrgenommen zu werden. Dazu kam es erst, als sich der Zigarrenliebhaber 1970 mit Ernst Schneider zusammentat, dem Chef der Basler Tabakfabrikantengruppe Oettinger. Schneider, noch heute Verwaltungsratspräsident der Oettinger-Davidoff-Gruppe, ahnte das Potenzial, das in dem Namen steckt.?Zino Davidoff war ein ganz großer Genießer?, sagt Schneider und meißelt damit am Denkmal des Jubilars. ?Als er das Gefühl hatte, auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu sein, hat er sein Geschäft verkauft. Ich war der Einzige, der ihm den gewünschten Preis gezahlt hat: unter der Bedingung, dass er drei Jahre mit mir zusammenarbeitet.? Davidoff blieb bei Schneider, bis er 1994 im Alter von 88 Jahren starb. Als große Männerfreundschaft beschreiben Firmenhistoriker die Beziehung der beiden.Sonja Davidoff hat sich nicht eingemischt, als der Vater alles verkaufte. Ihr eigener Sohn sei kurz enttäuscht gewesen, später sei er seinen eigenen Weg gegangen, erzählt sie. Die Familie spielt seither nur noch eine charmante Nebenrolle im Unternehmen.Schneider baute die Marke zum Inbegriff des Luxuslabels aus. Der Name durfte Pate stehen für Cognac, Kugelschreiber und eine Parfüm-Linie, die in schönster Werbeprosa mit ?ihrem frischen Duft die unendliche Weite des Ozeans? verspricht. Mit Zino Davidoff hat das nicht mehr viel zu tun. ?Er hat Parfüm nie gemocht?, sagt die Tochter. ?Du stinkst?, habe er ihr vorgehalten, als sie mit ihrem Eau de Toilette die Düfte im väterlichen Tabakladen durcheinander wirbelte.Der Geruchssinn des Vaters dürfte heutigen Maßstäben nicht mehr entsprechen, und Schneider, dessen Unternehmen keine Ergebnisse bekannt gibt, dürfte angesichts eines schwankenden Duty-Free-Handels und von Anti-Raucher-Kampagnen dankbar sein für die Einnahmen aus dem Lizenzgeschäft. Immerhin steigt der Umsatz nach einem Rückgang im Jahr 2001 stetig. 2004 verzeichnete der Konzern einen Umsatz von umgerechnet 1,6 Milliarden Euro, wozu die bei Reemtsma gefertigten Zigaretten den größten Teil beitrugen.Aber davon soll beim Geburtstag nicht die Rede sein. Zino Davidoff hätte von solcherlei Zahlenwerk auch kein Aufhebens gemacht. Er hätte im Kreis der Familie gefeiert, glaubt Tochter Sonja. Vermutlich mit einer Zigarre in der Hand. Vielleicht einer ?Aniversario Nr. 2?, einer, wie es im Text der Kiste heißt, ?schlanken Churchill?-Zigarre von ?staatsmännischem Format?.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.03.2006