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Raubein und Stratege

Von Eberhard Krummheuer
Joachim Hunold ist als Billigflieger gestartet. Nun will er mit LTU in die seriöse Langstrecke. Nächste Woche muss er Farbe bekennen. Zum Pressegespräch im Tagungszentrum des Robinson-Clubs "Cala Serena" im Südosten Mallorcas trat er allerdings noch in einem Aufzug an, der ihn wenig von vielen "Malle"-Urlaubern unterscheidet.
Joachim Hunold ist Chef von Air Berlin. Foto: ap
PALMA. Zum Pressegespräch im Tagungszentrum des Robinson-Clubs "Cala Serena" im Südosten Mallorcas tritt er in einem Aufzug an, der ihn wenig von vielen "Malle"-Urlaubern unterscheidet: kurze Hose, offenes Hemd, strumpflos in den Latschen. Da ist er wieder, der leutselige, kumpelhafte nette Typ von nebenan, die rheinische Frohnatur, die mit nahezu jedem per Du ist.Doch als der "Achim", wie die Luftfahrt- und Touristikbranche den Chef der Fluggesellschaft Air Berlin nur nennt, am vergangenen Samstag seinen Laptop anschaltet und die Powerpoint-Präsentation startet - sitzt da plötzlich der andere Joachim Hunold: der präzise, nüchterne Unternehmer und Luftfahrtexperte. Ein abwägender Mann, der die schnelle Erfolgstour seiner Fluggesellschaft zwar ohne falsche Bescheidenheit, aber auch ohne Eitelkeit beschreibt.

Die besten Jobs von allen

Nummer zwei in Deutschland hinter der Lufthansa war Air Berlin schon seit der Übernahme der Fluggesellschaft DBA im vorigen Jahr. Jetzt ist das Unternehmen, nachdem das Kartellamt der Übernahme der Ferienfluggesellschaft LTU zugestimmt hat, die Nummer vier in Europa, nach Ryanair, Air France/KLM und Lufthansa. Größe, wie der 57-Jährige zur besseren Einschätzung erläutert, gemessen in angebotenen Sitzplatzkilometern. Rund 20 Millionen Passagiere flogen letztes Jahr mit Air Berlin. Es werden mehr: "Wir werden in diesem und in den nächsten Jahren jeweils um zehn Prozent wachsen", hofft Hunold.Gute Zahlen kann er brauchen. Nach einem tiefroten ersten Quartalsergebnis wird nach Analysteneinschätzung auch in der Halbjahresbilanz am nächsten Mittwoch eher von einer schwierigen Geschäftsentwicklung und einem deutlichen Ergebnisrückgang die Rede sein, vermutet Luftfahrtexperte Uwe Weinreich von der HVB. Gleichwohl stufte er die Aktie von "halten" auf "kaufen", denn seit dem Sommer läuft das Geschäft.Lesen Sie weiter auf Seite 2: LTU spielt entscheidende Rolle In der Unternehmensstrategie wie den Analystenbewertungen spielt die LTU eine entscheidende Rolle - jene in Düsseldorf ansässige Ferien-Airline, die lange Zeit von der Politik als "Home Carrier" Nordrhein-Westfalens verhätschelt wurde und doch seit Jahren an der Pleite entlangschrammte. Bei ihr hatte Hunold, nach einem abgebrochenen Jura-Studium, mal klein angefangen, sich aber später nach einem Streit mit der Firmenspitze verabschiedet.Nun will der Vater von vier noch kleinen Kindern mit der LTU in das Langstreckenfluggeschäft einsteigen. Peking, Schanghai, Delhi - das sind die ersten neuen Ziele, die vom nächsten Jahr an angeflogen werden sollen. Nicht als Ferienflieger, sondern als Liniengesellschaft mit einer wettbewerbsfähigen Business Class, wie der Chef betont. Damit wird Air Berlin dann endgültig Abschied nehmen von der reinen Charter- und Billigfliegerei in Europa. Schon heute ist jeder zweite Kunde an Bord ein Geschäftsreisender, Tendenz steigend, sagt Hunold. In vier Wochen will er Einzelheiten nennen.Abschied genommen hat Hunold schon länger von den einsamen Entscheidungen. Die traf er in den ersten Jahren nach dem Erwerb der Air Berlin von einem ehemaligen amerikanischen PanAm-Piloten. Heute holt er sich den Rat für die Verflechtung von Air Berlin und LTU von den Beratern Roland Bergers. Mit wachsender Konzerngröße sucht sich der Selfmade-Unternehmer auch Sachverstand aus der Branche. Bestes Beispiel: Das DBA-Fluggeschäft leitet heute Wolfgang Kurth, ein Luftfahrtexperte, der bei Tui die Billiglinie HLX aufbaute. "Der Unterbau wird breiter, es tut sich viel", heißt es in der schlichten Firmenzentrale nahe dem Flughafen Berlin-Tegel.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Inzwischen kennt Hunold die Spielregeln genauVor einem Jahr noch, knapp nach dem Börsengang, der fast blamabel endete, kokettierte Hunold noch gerne mit dem Maulkorb, den ihm das Going-Public in London verpasst hatte. Inzwischen hat er die Rolle als Vorstandschef eines börsennotierten Unternehmens sichtlich verinnerlicht, kennt die Spielregeln um die Ad-hoc-Pflichten sehr genau. So weist er auch den im Juni von der Stuttgarter Staatsanwaltschaft und der Finanzmarktaufsicht geäußerten Verdacht des Insiderhandels im Vorfeld des DBA-Kaufs zurück. Das Verfahren, so ein Sprecher, dümple vor sich hin. Air Berlin habe noch nicht einmal Akteneinsicht gehabt.Hunold sei ein Stratege, der viele Schachzüge im Voraus denke - einschließlich der seiner Mitspieler, heißt es in seiner Umgebung. Wie das funktioniert, erhellte Hunold vor den Journalisten: Er, der bislang nichts dagegen hatte, als Gewerkschaftshasser tituliert zu werden, legte sich mit der LTU ein Unternehmen zu, in dem die organisierten Arbeitsvertreter kräftig mitreden und nun bessere Tarife erstritten haben.Der Sinneswandel habe mit Güterabwägung zu tun, sagt Hunold. Eine eigene Langstreckenflotte aufzubauen wäre zu teuer geworden. Mit LTU gehe das, "auch wenn ich dafür gewisse Regularien akzeptieren muss". Er meint Betriebsräte, Gewerkschaften und Tarifverträge.Und schiebt noch ein Eigenlob nach, das viele Air Berliner bestätigen: "Die, die mich kennen, wissen, wie ich mit Mitarbeitern umgehe." Er feiert gerne mit ihnen mal die Nacht durch. Dann ist er wieder der fröhliche Achim - Führung à la Hunold.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Joachim HunoldVita von Joachim Hunold1949 wird er am 5. September in Düsseldorf geboren. Er studiert von 1970 bis 1978 Rechtswissenschaften. Das Studium bricht er ohne Abschluss ab.1978 arbeitet Hunold für Braathens S.A.F.E. Air Transport am Flughafen Düsseldorf und steigt zum stellvertretenden Stationsleiter auf.1982 wechselt er zur LTU-Gruppe in Düsseldorf. Er beginnt als "Mädchen für alles" in der Verkaufsabteilung und bringt es schließlich zum Vertriebs- und Marketingdirektor des Ferienfliegers.1991 gründet Hunold die Air Berlin GmbH & Co. Luftverkehrs KG und übernimmt die Air Berlin Inc., die aus Berlin heraus Feriengäste befördert. Er wird geschäftsführender Gesellschafter.2006 wird er Chief Executive Officer (CEO) der Air Berlin PLC.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.08.2007