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Ratan Tata ? ein perfekter Gentleman

Von Oliver Müller
Sanfter Charme, Bescheidenheit, geschliffene Umgangsformen und eine Obsession für Werte und Tradition machen den 68-Jährigen zum Symbol für Indiens alten Unternehmer-Adel.
BOMBAY. Der heute 68-Jährige hat sich aber auch einen Namen gemacht als handfester Sanierer, der einen schläfrigen Industrie-Riesen aus jahrzehntelangem Dornröschenschlaf erweckt und revitalisiert hat.Die Transformation der Tata-Gruppe, deren Umsatz sich unter seiner Leitung in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt hat, spiegelt die industrielle Renaissance Indiens seit Beginn der Liberalisierung 1991 wider. Das US-Magazin ?Forbes? kürte Tata dafür 2004 zu ?Asiens Geschäftsmann des Jahres?. Indiens ?Business Standard? erklärte ihn zum ?CEO des Jahres?.

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Auf den breiten Schultern des hoch gewachsenen, stilvoll ergrauenden Patriziers lastet Indiens größtes Firmen-Erbe, dessen Wurzeln bis in das Jahr 1868 reichen. Die Holding ist zu 66 Prozent in der Hand von Familienstiftungen, die Dividenden in Wohlfahrtsprojekte leiten. Jeden Morgen läuft Ratan Tata vorbei an der Marmorstatue des legendären Gründers des Familienkonzerns, Jamsetji Tata, ins noble Bombay House, das Hauptquartier der Gruppe. Jamsetji Tata gehörte der kleinen Religionsgemeinschaft der Parsen an und ging als Pionier der Industrialisierung des Landes in die Geschichte ein. Er brachte das erste Wasserkraftwerk Indiens, das erste Stahlwerk und das erste Nobelhotel auf den Weg und trotzte damit den Kolonialherren. ?Es ist ein großartiges Erbe, auf das ich sehr stolz bin?, sagt Ratan Tata.Es ist kein ganz leichtes Erbe: Als der studierte Architekt 1991 von seinem Onkel die Zügel des inzwischen wild verwucherten Imperiums übernahm, auf Wachstum und Effizienz pochte und verkrustete Hierarchien einstampfte, schlug ihm heftiger Widerstand entgegen. Im Konzern hatte er bis dahin nur Nebenrollen gespielt, seine in den 80er-Jahren entwickelten Pläne zur radikalen Umstrukturierung verstaubten in einer Schublade. Als Chairman zog er sie nun wieder hervor und entwickelte eine Kämpfernatur, die dem scheuen, zurückhaltenden Mann, der kaum Interviews gibt, wenige zutrauten.Kritiker belehrte der leidenschaftliche Hobby-Pilot seither immer wieder eines besseren. 1999 trieb er die Nutzfahrzeugsparte ins PKW-Geschäft und hob für 400 Mill. Dollar Indiens erstes selbst entwickeltes Auto aus der Taufe ? der Volksmund nannte es ?Ratans Wolkenschloss?. Inzwischen ist Tata Motors die Nummer drei auf dem nach China wichtigsten PKW-Wachstumsmarkt Indien, und die Fahrzeuge fahren sogar auf internationalen Straßen. Die Sparte wurde zum größten Umsatzbringer. Das nächste Prestige-Projekt ist schon in Arbeit: ein spottbilliges Einsteiger-Auto für unter 2000 Euro, das die Märkte in Schwellenländern erobern soll. Tata beteuert, das Projekt laufe nach Plan, das Auto werde bis 2008 fahren.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Neue HerausforderungenDurch internationale Konsolidierung und den Vormarsch ausländischer Wettbewerber nach Indien erwachsen allerdings selbst den Vorzeige-Töchtern Tata Motors, Tata Steel und TCS neue Herausforderungen. Andere Firmen schwächeln, vor allem die Festnetztochter VSNL und der Mobilfunker Tata Teleservices. Das lässt einem Manager keine Ruhe, der sich selbst als ?ungeduldigen Menschen? beschreibt.Tata treibt der Ehrgeiz, die gesamte Gruppe fit zu machen für den globalen Wettbewerb, und er sieht sich nicht am Ziel. ?Ich wünsche mir eine Gruppe, die viel schneller Entscheidungen trifft, größere Risiken wagt und sich leichter mit den Zeiten ändert?, sagt er mit sonorer Stimme.Gerade wurde die Altersgrenze für Vorstände der Gruppe von 70 auf 75 Jahre hochgesetzt. Damit muss Tata nicht in zwei Jahren abtreten, sondern kann bis 2012 Chairman bleiben. Er beteuert vehement, er klebe nicht an seinem Posten. Aber es beruhigt ihn, mehr Zeit zu haben, um einen Nachfolger aufzubauen.Einen Kronprinzen gibt es nicht. Die Mitglieder der Großfamilie halten nur ein paar Prozent am Konzern; nur wenige arbeiten darin, keiner auf exponiertem Posten. Der nächste Chairman könnte erstmals kein Tata mehr sein. ?Es wäre schön, wenn er aus der Familie käme, aber das ist kein Kriterium?, sagt der Konzernlenker und fügt mit typischem Understatement hinzu: ?Ich bin hier auch nur ein normaler Angestellter. Der einzige Unterschied ist, dass ich den Namen der Firma trage.?
Dieser Artikel ist erschienen am 18.08.2005