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Rastlos in Bombay

Von Oliver Müller
Bernhard Steinrücke ackert dafür, dass deutsche Firmen vom Indien-Boom profitieren. ?Es war ein verrücktes Jahr?, blickt ein müder Leiter der deutsch-indischen Auslandshandelskammer auf 2005 zurück. Aber im neuen Jahr darf Steinrücke, der ohnehin mindestens einmal pro Woche im Flieger sitzt, noch mehr reisen.
BOMBAY. Nur ein Hauch von schwefeligem Kanalisationsgeruch erinnert daran, dass dieses Relikt der britischen Kolonialzeit mitten in einer Megastadt mit 18 Millionen Einwohnern liegt, von denen die Hälfte in Slums lebt. In den Club kommt Bernhard Steinrücke, so oft es geht, nach dem Bürostress. ?Es war ein verrücktes Jahr?, blickt ein müder Leiter der deutsch-indischen Auslandshandelskammer auf 2005 zurück.Aber im neuen Jahr darf Steinrücke, der ohnehin mindestens einmal pro Woche im Flieger sitzt, noch mehr reisen. 2006 wird zum Indien-Jahr in Deutschland, und von Steinrücke wird Omnipräsenz verlangt. Premier Manmohan Singh kommt im April zur Hannover-Messe nach Deutschland, bei der Indien Partnerland ist. Dessen Unternehmen wollen mit einem riesigen Stand auftrumpfen. Bei der Berliner Tourismusmesse ITB treten die Inder im März erstmals mit einer eigenen Halle auf, bei der Cebit werden sie stärker denn je vertreten sein, und im Herbst steht das Land im Fokus der Frankfurter Buchmesse.

Die besten Jobs von allen

In Gegenrichtung steht ein ähnlicher Besucherstrom an von deutschen Managern und Politikern, die fast alle Steinrückes Hand schütteln werden. Dazu wird die Handelskammer auch noch 50 ? genau so alt wie ihr Chef.Er übernahm die Leitung vor drei Jahren von einem legendären Vorgänger: Günter Krüger. Der war mit seiner ?Ente? in den 60er-Jahren über die Türkei und Afghanistan erstmals nach Indien getuckert und wurde von dem Land nie wieder losgelassen. Von 500 Mitgliedern 1971 päppelte er die Kammer auf 6500 hoch. Damit ist sie heute nicht nur die weltweit größte Auslandshandelskammer, sondern auch Indiens mitgliederstärkste insgesamt, mit fünf Niederlassungen im Land, einem Verbindungsbüro in Deutschland und einer Mitarbeiterin in Brüssel.Aber das reicht Steinrücke nicht. Gerade hat er 16 Repräsentanzbüros außerhalb etablierter Standorte eröffnet, in Orten wie Baroda und Jaipur. ?Ich weiß, dass man mich immer an Krüger messen wird?, gibt der Kammerchef zu. Doch das sei eine willkommene Herausforderung. Sein Blick ist ständig in Bewegung, seine Hände hält er gefaltet, aber spielende Daumen zeugen von Rastlosigkeit.?Er steht immer unter Strom, ist immer im Job?, sagt ein deutscher Manager in Bombay. Steinrücke sei ein geschickter Netzwerker und ein guter Kommunikator, meint ein anderer. Seine Kompetenz und Energie sind unbestritten. ?Nur entspannen kann er nicht?, bedauert einer, der viel mit ihm zu tun hat.Lesen Sie weiter auf Seite 2:?Manche halten mich womöglich für überengagiert?, räumt der Kammerchef ein. Gleich nach seinem Antritt forderte er, die Zahl der Mitglieder um 50 Prozent zu steigern, was bei einigen Kopfschütteln auslöste. ?Wer sich keine hohen Ziele setzt, erreicht nie etwas?, wiegelt Steinrücke ab. Er ist kein gesetzter Wirtschaftsbürokrat wie mancher Amtskollege. Mit seinem knappen Bürstenschnitt und seinen hellblauen Augen hat er sich etwas Bubenhaftes bewahrt.Der Optimismus, die Jugend und der Ehrgeiz seiner Menschen ziehen ihn an diesem Land besonders an. Dazu kommt, dass die Wirtschaft Indien zunehmend als nächste große Wachstumsstory nach China sieht. ?Indien ist unglaublich gefragt?, freut sich Steinrücke ? und damit auch er. Im Vorjahr hat sich die Zahl der Besucher bei ihm verdoppelt.Zur häufigsten Kritik gehört, die Kammer bearbeite Anfragen investitionswilliger Firmen nicht so schnell wie gewünscht. Seit 2004 haben ihre 80 Mitarbeiter allein hundert Gründungen begleitet. Steinrücke glaubt nicht, dass ihm die Seelenverwandtschaft mit seinem Gastland den Blick auf dessen Probleme verstellt. ?Ich bin eben von meinem Naturell her Optimist.? Daher sehe er mehr Chancen als Risiken. Er fügt hinzu: ?Und die Erfolge deutscher Firmen geben mir Recht!?Um seine Lippen spielt ein dauerndes Lächeln, das mit ernsteren Stirnfalten kontrastiert. Die FAZ nannte ihn ?Indiens Chefverkäufer?, aber hinter diesem Lob wittert der drahtige, große Freizeitläufer Misstrauen. ?Ich verkaufe nichts, das schlechter ist, als es aussieht?, beteuert er.Trotz seines beharrlichen Werbens ist Deutschland unter Indiens Auslandsinvestoren hinter die Niederlande auf Rang sieben zurückgefallen. Das wischt Steinrücke vom Tisch mit einem Exkurs über die Ertragsstärke deutscher Firmen in Indien, die ihre Expansion ? anders als in China ? aus lokalen Gewinnen finanzieren oder Geld an den lokalen Kapitalmärkten aufnehmen, was in keine Statistik einfließt. Aber dass andere mehr frisches Kapital ins Land pumpen, wurmt ihn insgeheim doch.Steinrücke kam 1993 nach Indien und leitete die Tochter der Deutschen Bank in Bombay. Dort lernte er seine Frau Ranjana kennen und ließ sich von ihrer Leidenschaft für moderne indische Kunst anstecken, die in seiner Wohnung heute jeden freien Fleck ziert. Der zweifache Vater ging zwar 1997 als geschäftsführender Gesellschafter zurück nach Deutschland, in das Unternehmen seiner Familie, die Berliner ABC-Privatkunden-Bank.Aber als die Stelle des Kammerchefs frei wurde, sprang er, ohne zu zögern, auf den ?Traumjob?. Sein Vorgänger hatte zunächst einen Dreijahres-Vertrag und blieb 35 Jahre. ?Ich habe einen Fünfjahres-Vertrag?, sagt Steinrücke, ?jetzt können Sie selbst rechnen?.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.02.2006