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Ran an die Tafel

Hans-Martin Barthold
Auf Lehramt studieren - und sich schon mal vorsorglich eine Taxi-Lizenz besorgen: Das ist Vergangenheit. Lehrer werden wieder gesucht.
Der größte Bedarf herrscht an den Gymnasien in Mathe, Informatik, Sport, Biologie, Kunst, Physik, Musik, Latein und Religion. In Ostdeutschland fehlen vor allem Lehrkräfte für Englisch, Französisch und Spanisch. Mancherorts - etwa in Hessen und Rheinland-Pfalz - ist die Not so groß, dass pensionierte Lehrer reaktiviert werden. Trotzdem fällt jede Menge Unterricht aus.

"Menschen mit Klasse. Lehrer in NRW": Wie Gabriele Behler in Nordrhein-Westfalen werben deshalb auch andere Kultusminister mit teuren Kampagnen für das Lehramtsstudium. Eine längst überfällige Aktion, kommentieren Fachleute das späte Erwachen. Denn die jetzigen Entwicklungen waren seit langem absehbar. "Unsere Kollegien an Gymnasien sind heute im Schnitt fast 50 Jahre alt", sagt Josef Kraus, Lehrerverbandspräsident und Gymnasialrektor im bayerischen Vilsbiburg.

Die besten Jobs von allen


Im nächsten Jahrzehnt tritt jeder zweite Gymnasiallehrer in den Ruhestand. Die Schülerzahlen aber werden bis 2007 weiter steigen und erst 2015 wieder auf heutiges Niveau sinken. "Demgegenüber sind die gegenwärtigen Studienanfängerzahlen kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein", wagt der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm einen Blick in die Zukunft.

Das Studium lässt in seiner jetzigen Form jedoch auch zu wünschen übrig. In vielen Veranstaltungen sitzen die angehenden Lehrer zusammen mit den Studenten der jeweiligen Diplom- oder Magisterstudiengänge. "Da kommen die Didaktik und Methodik zu kurz", klagt Susanne Müller, Lehramtsstudentin an der FU Berlin im siebten Semester.

Generell fristen Pädagogik und Psychologie - die Basisdisziplinen für erzieherische Kompetenz - neben der jeweiligen Fachwissenschaft ein Mauerblümchendasein. Ein großes Versäumnis: Empirisch ist belegt, dass im Durchschnitt pro Unterrichtsstunde über 200 didaktische Entscheidungen getroffen und mehr als 15 Konflikte durchgestanden werden müssen.

Da im Studium nicht für genügend Praxiserfahrung gesorgt ist, setzen viele Lehramtsstudenten ihre Hoffnungen auf das Referendariat. Doch der zweijährige praktische Vorbereitungsdienst bringt oft nur neue Probleme mit sich. "Ich befand mich plötzlich in einer Rolle, auf die ich nicht vorbereitet war. Ich musste Leistungen bewerten, strafen und drohen", sagt Kerstin Damman, Junglehrerin aus Hildesheim. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem modernen Zauberwort "Unterricht in eigener Verantwortung" oft schlicht die Tatsache, dass Referendare zum Stopfen von Unterrichtslöchern an vielen Schulen höchst willkommen sind. Auf eine systematische Vorbereitung auf die Lehrtätigkeit müssen sie wieder verzichten.

Eine weitere, geradezu anachronistische Fußangel: Jedes Bundesland hat seine eigene Studien- und Prüfungsordnung. Deren Struktur folgt zwar einem einheitlichen Grundmuster, doch der Teufel steckt bekanntlich im Detail - die Folgen können im Einzelfall weit reichen. Will ein Lehrer etwa von Hamburg nach Bayern oder umgekehrt wechseln, muss er die Gleichwertigkeit seiner Ausbildung - zum Beispiel Studieninhalte und Semesterwochenstundenzahl - genau nachweisen; dies gelingt nicht immer.

Die Selbstverpflichtung der Kultusminister zu mehr Freizügigkeit - 1999 in einem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) niedergelegt - ist nicht mehr als eine nette Geste für die Galerie. Das Kleingedruckte gestattet jedem, so zu verfahren wie bisher. Und genau das ist die Praxis.

Deshalb empfiehlt es sich weiterhin, in dem Land zu studieren, in dem man später auch vor der Klasse stehen möchte. Ähnlich mau sieht es mit der internationalen Mobilität aus. Innerhalb der Europäischen Union gilt zwar der Grundsatz, dass zum Lehrerberuf zuzulassen ist, wer die in seinem Heimatland erforderlichen Voraussetzungen erfüllt. Dennoch müssen wanderfreudige Lehrer oft hohe Hürden der nationalen Kultusbehörden überwinden.

Stellt das Aufnahmeland nämlich wesentliche Ausbildungsunterschiede fest, kann es den Bewerber zu so genannten Ausgleichsmaßnahmen verpflichten - beispielsweise neben dem Unterrichten nochmals Kurse aus dem Vorbereitungsdienst zu besuchen. Und das ist eher die Regel als die Ausnahme.

Bleibt ein Letztes, worüber sich angehende Lehramtsstudenten klar sein sollten: Wer sich für diesen Job entscheidet, wählt einen Beruf ohne Karrieremöglichkeiten im üblichen Sinn. Die wenigen gehobenen Funktionsstellen Fachbereichsleiter, Koordinator oder Rektor sind an den Schulen rar gesät. Und sie bleiben stets mit einer Unterrichtsverpflichtung verbunden. Deshalb prüfe sich jeder, ob er Kinder und Jugendliche so mag, wie sie sind - und nicht, wie er sie gerne hätte. Er wird mit ihnen ein langes Berufsleben teilen.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.10.2001