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Quergedacht

Christoph Stehr. Foto: Pixelio.de
Tchibo, Jägermeister und das schwedische Eishotel bürsten Produkte und Märkte gegen den Strich. Machen auch Sie aus abwegigen Ideen den größten Erfolg.
Der Fusselrasierer mit extragroßer Scherfläche verhindert Drei-Tage-Bärte im Kleiderschrank. 5,99 Euro. Das sechsteilige Reflektoren-Set geleitet Erstklässler sicher zur Schule. 4,99 Euro. Ach ja, Kaffeetrinken kann man bei Tchibo auch.?Die Überraschung unserer Kunden durch Produkte, Dienstleistungen, Vertriebswege und Konzepte, die in dieser Form noch nicht am Markt angeboten werden, hat Tradition?, sagt Angela Schlicht. Sie ist einer der Trend-Scouts beim Hamburger Kaffeekonzern und erfolgreiche Querdenkerin des Hauses.

Die besten Jobs von allen

1949 legten Carl Tchilling-Hiryan und Max Herz den Grundstein des Unternehmens, das heute 12500 Mitarbeiter zählt und knapp vier Milliarden Euro umsetzt. Ihre Idee: Kaffee rösten und gleich in eigenen Läden ausschenken. Das war eine Erfolgsstory, von der andere gnadenlos abschrieben. Anfang der 70er-Jahre spürte das Management die Verfolger im Nacken ? und schlug einen Haken ins Non-Food-Geschäft. Der zweite Geistesblitz.Seit Tchibo ?jede Woche eine neue Welt? verspricht, finden die Kunden neben Kaffee wechselnde Sortimente von Bekleidung bis Elektro. Im Winter zum Bespiel eine komplette Skimontur inklusive Unterwäsche, Handschuhe und Brille oder im Sommer die Outdoor-Ausrüstung inklusive Zelt und Gaskocher.Von Kaffee auf Camping-Zubehör zu kommen ist quer- statt geradeaus gedacht. Manager und Unternehmer, die vom breitgetretenen Pfad des Lehrbuchwissens abzweigen, kürzen Markttrends ab, denen andere hinterherhecheln. Wer viele Ideen produziert, darf auch mal in eine Sackgasse rennen ? er findet schnell wieder heraus. Das Beste: Querdenken lässt sich lernen.Vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen. ?Wer neue Wege gehen will, muss Fehler einkalkulieren. In vielen Unternehmen ist Fehlervermeidung jedoch eines der wichtigsten Prinzipien?, sagt Jens-Uwe Meyer. Er ist Geschäftsführer der Baden-Badener Unternehmensberatung Die Ideeologen. ?So werden aus echten Innovationen, die mit Risiko verbunden wären, schnell risikofreie Innovatiönchen?, sagt Meyer.
Ebenso verhindern Regeln und Strukturen in Unternehmen und Organisationen, dass Ideen sprudeln. ?Durch ständige Optimierungen und Rationalisierungen ist der Arbeitsalltag von Mitarbeitern minutengenau durchgetaktet?, sagt Meyer. ?Kreativität braucht jedoch Inseln: Freiräume, in denen sich Gedanken entfalten können.? Doch selbst Unternehmen, die im besten Sinne ?reif für die Insel? sind und Querdenker fördern, haben kein Ideen-Abo. Denn Erfolg macht satt, und wer satt ist, wird träge ? die sogenannte Zufriedenheitsfalle. Ein Fall, in dem die Falle zuschnappte, ist Digital Equipment, einst zweitgrößter Computerhersteller der Welt. Das US-Unternehmen verschlief den Trend zum PC, überließ Intel und Microsoft das Feld. Schließlich übernahm Konkurrent Compaq das Unternehmen, bevor auch Compaq wiederum von HP geschluckt wurde. Damit der deutsche Kaffeekonzern nicht ebenfalls zum Opfer der Zufriedenheitsfalle wird, versucht das Tchibo-Management, seine Mitarbeiter geistig wie räumlich auf Trab zu halten. Häufige Messebesuche sollen ihnen Denkanstöße liefern, hinzu kommen spezielle Kreativ-Trainings, etwa ein Business-Theater, das beim Ideenwettbewerb ?Tchibo Think Tank? eingesetzt wird. Denn allein mit der einstmals ungewöhnlichen Aktionsware neben den Kaffeebohnen ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen. 2006 hat das Unternehmen den ersten Gewinn- und Umsatzeinbruch seit fast zehn Jahren eingefahren.
?Querdenken bedeutet für mich Prozesse starten und begleiten, so dass alles Konzipieren und Handeln fortwährend hinterfragt und beleuchtet wird?, erläutert Schlicht deshalb den Ansatz für die Produktion künftiger Geistesblitze. Im Büroalltag klappt das Ideensprudeln jedoch nicht immer, deshalb ?klinken wir uns zwischendurch aus und suchen uns einen besonderen Ort zum Brainstorming.?Generell schärft ein Tapetenwechsel die Wahrnehmung und hilft, ungewöhnliche Ideen zu fördern. So variiert die Tchibo-Crew die Marktstrategie zigfach und branchenübergreifend. ?Für die Realisierung der wechselnden Angebote sucht sich Tchibo dann exklusive Partner?, sagt Schlicht. Eine solche Service-Kooperation haben die Hanseaten beispielsweise mit der Postbank eingefädelt, die Tchibo-Kunden ein kostenloses Girokonto anbietet. Und beim ?Tchibofonieren? ? gemeint ist Mobilfunk ? hat sich das Unternehmen mit dem Netzbetreiber O2 zusammengetan.
Querdenker wie Angela Schlicht sind keine Querschläger. Sie haben nicht fixe Ideen, sondern viele Ideen. ?Kreuz- und Querdenker? wäre daher der passendere Begriff. ?Wenn wir von Marketing, Unternehmensführung oder Mitarbeiterführung sprechen, gibt es immer mehrere Lösungsmöglichkeiten?, betont Jiri Scherer, Innovationstrainer bei Denkmotor in Zürich. Das Problem ist, die Vielfalt zu sehen. ?Menschliches Denken kann mit einem Fluss verglichen werden, der sich mit den Jahren immer tiefer in sein Bett frisst. Es fällt uns schwer, in ein neues Flussbett oder gar in einen Seitenarm zu gelangen.?
In seinen Seminaren hat Scherer schon einige Schleusen geöffnet. Zum Beispiel mit Hilfe der Reizwortanalyse: ?Wie können wir erreichen, dass unsere Weihnachtskarte den Kunden wirklich auffällt?? fragt der Betriebswirt und preisgekrönte Existenzgründer in die kleine Runde aus Produktmanagern, Werbern und Verkäufern. Jeder hat neben sich eine Zeitung liegen. Scherer fordert dazu auf, wahllos eine Seite aufzuschlagen und den erstbesten Begriff herauszupicken.
Der Verkaufsleiter einer Maschinenfabrik hat einen Artikel über den steigenden Ölpreis erwischt, ?Benzin? ist sein Zufallsbegriff. Nun soll er vier bis sechs charakteristische Merkmale notieren, ihm fallen ?explosiv?, ?energiespendend?, ?stark riechend?, ?flüssig? ein. Nächster Schritt: ?Versuchen Sie, zwischen Ihrem Thema ? Weihnachtskarten ? und jedem Merkmal Verbindungen herzustellen.? Die Runde fängt Feuer. Das Flip-Chart füllt sich mit Ideen: eine Tischbombe, die Papierschnipsel mit Weihnachtswünschen ausspuckt; eine nach Tannenharz duftende Karte; ein bedruckter Handwärmer. Acht bis zehn Minuten dauert die Übung, dann ist eine PR-Frau mit dem Oberbegriff ?Tour de France? dran.
?Dank den Zufallsbegriffen können wir unserem Denken eine neue Richtung geben?, erläutert Trainer Scherer. Das klappt auch mit anderen Techniken. Etwa Brain Walking, eine Gruppenübung: An der Wand hängen mehrere Papierbahnen, die mit dem gleichen Thema überschrieben sind. Das Team verteilt sich im Raum, jeder schreibt seine Assoziationen auf die Bahn, vor der er steht. Dann wird gewandert, die Wörter auf den anderen Bahnen regen neue Ideen an. Oder die sogenannte ?Osborn-Checkliste?, die nicht auf radikale Innovationen zielt, sondern Bestehendes ?nur? verbessern helfen soll und dazu bestimmte Check-Punkte wie ?Anpassen?, ?Umformen?, ?Vergrößern? oder ?Verkleinern? abarbeitet.Horst Geschka, Innovationsforscher an der Technischen Universität Darmstadt und Vorsitzender der Gesellschaft für Kreativität in Mainz, die ein Inventar der Kreativitätstechniken erstellt hat, glaubt aber nicht an Kreativität auf Knopfdruck. ?Das ist schwierig, wenn nicht unmöglich?, sagt er. Wer nur Methoden paukt, läuft Gefahr, aus der einen Denkroutine in die andere zu rutschen. Deshalb rät Geschka, sich eher grundlegend zu orientieren: ?Man kann sich einige Prinzipien zu eigen machen: immer auch Alternativen betrachten, ungewöhnliche Lösungen wohlwollend prüfen, Überschlafen als Prinzip vor wichtigen Entscheidungen, einfache Lösungen anstreben, mit probaten Mitteln und konventionellen Lösungen nicht zufrieden sein?, lauten seine Empfehlungen.Lösungen nach Querdenker-Art sind aber auch fern der Wirtschaft mit ihren Produkt- und Preisstrategien gefragt. Wobei die Probleme die gleichen sein können: Was tun, wenn die Kunden ausbleiben? Diese Frage hat sich das katholische Hilfswerk Kirche in Not gestellt, das eine besondere Kundenspezies vermisst. ?In Deutschland geht höchstens noch ein Prozent der Katholiken zur Beichte?, sagt Karin Fenbert von Kirche in Not. Finden die Sünder nicht in die Kirche, muss halt die Kirche zu ihnen finden ? oder fahren. Aus dieser Idee ist das ?Beichtmobil? entstanden, ein umgebauter VW-Bus, der zu Veranstaltungen tourt. Ein Priester nimmt im Wagen die Beichte ab. ?Es wird gut angenommen?, sagt Fenbert. Sicher auch, weil der rollende Geistesblitz von ganz oben begrüßt wurde. Kurz vor seinem Tod erteilte Papst Johannes Paul II. dem Beichtmobil seinen Segen.Extrem erfolgreich: Die besten Strategien für Querdenker

Bringen Sie zusammen, was nicht zusammenpasst: Lange war Jägermeister das Sonntags-Prösterchen für Oma und Opa. Heute trinken hippe Typen den Kräuterlikör aus Reagenzgläsern. Knallige Promotions und Girls in sexy Outfits überzeugten die Szene. Adaptieren Sie branchenfremde Erfolgsmodelle: Die spanische NH Hotels Group folgt dem Beispiel der Billig-Airlines und vermietet Zimmer umso günstiger, je früher sie gebucht werden.

Gewinnen Sie Kunden mehrfach: Spielzeughersteller Mattel zielt mit einer Barbie-Modekollektion auf erwachsen gewordene Puppenspielerinnen.

Werden Sie der Größte oder der Kleinste: Cafés sind Unikate? Von wegen. Die US-Kaffeehauskette Starbucks ist mit ihren Standardfilialen bereits 12400-mal in aller Welt vertreten. Mikrobrauereien wie die Fischerstube in Basel gehen dagegen den umgekehrten Weg: Das Bier wird ausschließlich rund um den Kirchturm gebraut und ausgeschenkt. Das verspricht Qualität.

Wecken Sie Emotionen: Natürlich lässt sich auch ein Hotel aus Stein in die schwe-dische Einsamkeit setzen. Aber dann würden Gäste des Eis-Hotels in Jukkusjärvi nicht 200 Euro für die unvergessliche Übernachtung ?on the rocks? bezahlen. Ändern Sie das Funktionsprinzip: Elektrische Zahnbürsten wurden erneut zum Kassenschlager, nachdem der Hersteller Oral-B die Dentalbürste kreisen statt ruckeln ließ.

Seien Sie saubillig oder sauteuer: Zwölf Cent verlangt Backwerk, der Pionier der Selbstbedienungsbäckereien in Deutschland, für sein Brötchen. Das ist nur halb so viel wie beim Traditionsbetrieb mit Verkäuferin hinter der Ladentheke. Jura dagegen, der Schweizer Top- Hersteller von Espressomaschinen, bringt Luxusgeräte fürs Kaffeebrühen unters Volk, die so viel kosten wie eine ganze Küchenzeile.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.11.2007