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Querdenker von der Eliteuni

Von Ingo Narat
Es gehört Mut dazu, sich mit einer Billionen-Dollar-Branche anzulegen. Doch David Swensen ist mutig. Der Manager des 16 Mrd. Dollar großen Stiftungsfonds der amerikanischen Universität Yale setzt der übermächtigen Investmentfondslobby ganz schön zu, weil sie den Privatanlegern nach seiner Ansicht miserable Renditen geliefert haben.Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Sein Vorwurf: Die aktiven Manager haben ?komplett versagt?, weil sie den Privatanlegern miserable Renditen liefern.
FRANKFURT. Seit er im Sommer den Kampf gegen das Establishment ausrief, genießt er auch in breiteren Anlegerkreisen Kultstatus. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Sein Vorwurf: Die aktiven Manager haben ?komplett versagt?, weil sie den Privatanlegern miserable Renditen liefern.Das vernichtende Urteil schlägt ein, denn der 51-jährige ist nicht einer unter vielen durchschnittlichen Fondsmanagern. Für Barton Biggs, den früheren und renommierten Morgan-Stanley-Strategen, gehört er zu den besten Investoren der Welt. John Bogle, der Gründer des Fondshauses Vanguard, zählt ihn zu der Hand voll Anlagegenies, die er ausmachen kann. ?Er hat Vorbildfunktion bei der Verwaltung institutioneller Großvermögen, schon allein durch seine Neugier auf neue Investmentideen?, schwärmt Ralf Lochmüller, Partner der deutschen Anlagegesellschaft Lupus Alpha.

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Die Lobeshymnen kommen nicht von ungefähr. Seit genau zwei Jahrzehnten betreut Swensen den Stiftungsfonds der Universität Yale und damit das Geld, mit dem die Hochschule im beschaulichen New Haven, Connecticut, beispielsweise Forschung und Lehre bestreitet und Gebäude baut. In dieser Zeit schaffte Swensen eine durchschnittliche Rendite von 16,1 Prozent pro Jahr ? und übertraf damit die übrigen Stiftungsfonds. Da verblasst auch der S & P-500-Index für US-Aktien mit 12,3 Prozent im Jahr.Swensen liebt es unkonventionell. ?Die größten Chancen liegen in nichtbörsengehandelten Investments?, ist er überzeugt. Ein Viertel des Geldes steckt in Hedge-Fonds, ein gleich hoher Anteil in Substanzanlagen wie Immobilien, Waldbestände, Öl und Gas. Dazu kommen 17 Prozent für Private Equity, also außerbörsliche Beteiligungen. Aktien und Anleihen dagegen beanspruchen nur ein Drittel der Mittel.Als er vor einiger Zeit deutschen institutionellen Anlegern seine Strategie erläuterte, lauschten viele Zuhörer ungläubig. Das passte so gar nicht zu ihren Vorstellungen. Swensen dagegen liebt das Grenzen überschreitende Denken. Geboren im kleinen Nest River Falls, Wisconsin, wuchs er in einer Akademikerfamilie auf. Sein Vater und Großvater waren Chemieprofessoren. Er selbst studierte Wirtschaft in seiner Heimatstadt, ging anschließend nach Yale. Dort schrieb er seine Doktorarbeit über die Bewertung von Firmenanleihen. ?James Tobin hat mich dabei beraten?, erinnert sich Swensen an den Nobelpreisträger, zu dem er auch privat engen Kontakt entwickelte. In späteren Jahren kaufte er dessen Weihnachtsbäume und säuberte dessen Einfahrt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Beruflich zog es Swensen Anfang der 80er-Jahre an die Wall Street.Beruflich zog es Swensen Anfang der 80er-Jahre an die Wall Street. In der Sparte Unternehmensfinanzierung bei Salomon Brothers machte er zum ersten Mal auf sich aufmerksam: Er erfand den so genannten Swap, jene später boomenden Finanztransaktion, bei der die Geschäftspartner Zins- oder Währungsverpflichtungen tauschen.Im Jahr 1985 stand Swensen vor dem nächsten Wendepunkt in seiner Biografie. ?Tobin fragte mich, ob ich nicht die Verwaltung des Stiftungsfonds übernehmen wolle?, sagt Swensen. Er nahm die Herausforderung an. Und schrieb wieder Geschichte: Der neue Mann krempelte den Fonds komplett um. Bis dahin steckte rund drei Viertel des Geldes in Wertpapieren, vor allem in US-Titeln. Der Schwenk zu nichtbörsennotierten Anlagen war wegweisend für andere Stiftungen.Der berufliche Aufstieg war schon damals ein gehaltsmäßiges Desaster. Heute ist die Lage noch krasser. Als Hedge-Fonds-Manager könnte Swensen locker 100 Mill. Dollar oder mehr pro Jahr machen. ?Ich verdiene hier etwa eine Million?, beschreibt er den Kontrast. Golfpartner Jack Meyer, der viele Jahre den Harvard-Stiftungsfonds steuerte, verdiente zuletzt das Sechsfache. Für gestandene Investmentbanker ist das Swensen-Salär geradezu ein Hungerlohn. Sie fragen ihn immer wieder, was ihn denn in Yale halte. Dann scherzt er, beruft sich auf einen gentechnischen Defekt oder darauf, dass Investmentbanken kein Football-Team hätten.Der Sport und die intime Atmosphäre ohne die Wall-Street-Hektik halten Swensen in New Haven. Auf dem Uni-Campus residiert er im fünften Stock eines alten Gebäudes, zusammen mit 20 Experten. Das Team hilft ihm bei der Auswahl der Investmentmanager, die das Stiftungsgeld anlegen. Er organisiert das jährliche Golfturnier, an dem auch die angeheuerten Manager teilnehmen. An der High School war Swensen Chef des Golf-Teams. Im persönlichen Duell mit seinem früheren Harvard-Konkurrenten Meyer ist Swensen allerdings chancenlos. Verloren hat Yale übrigens auch das letzte Football-Match gegen Harvard ? einen Wettstreit mit über 100-jähriger Tradition.Auf andere Gegner trifft Swensen abseits des Spielfelds. Er nennt äußerst ungern die Nahmen der Manager, die er beschäftigt. ?Wir verwenden viel Zeit darauf, diese überlegenen Verwalter zu finden?, sagt er. Würde er die Namen veröffentlichen ?könnten andere Investoren unsere Manager mit Geld eindecken ? zu Lasten unseres Erfolges?. Seine Widersacher werfen ihm Geheimniskrämerei vor. Aber Swensen bleibt ungerührt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Unbeschadet hat er bisher auch seinen Kampf gegen das Establishment überstanden.Unbeschadet hat er bisher auch seinen Kampf gegen das Establishment überstanden. Auf die Frage, ob sein elektronisches Postfach nicht mit wütenden Mails verstopft sei, lacht er und sagt: ?Die Resonanz ist fast immer positiv.? Swensens Attacken haben es in sich. Privatanleger hätten ?praktisch keine Chance, mit einem aktiv verwalteten Fonds den Index zu schlagen?. Teil des Problems seien die hohen Gebühren.Dann geht er ans Eingemachte und klagt an: Im Zweifel stellten die Investmenthäuser den eigenen Ertrag über die treuhänderischen Pflichten gegenüber den Anlegern. Ein Mann wie Swensen verhandelt mit den Managern auf Augenhöhe. Der private Anleger dagegen ist den Produktanbietern ausgeliefert. Deshalb rät der Fondslenker zum genauen Gegenteil dessen, was er selbst praktiziert: Er empfiehlt ausschließlich preiswerte Indexfonds, während der Yale-Fonds sich der Auswahl aktiver Manager verschrieben hat.Ganz ungeschoren will Swensen die Anleger allerdings nicht davonkommen lassen. ?Wenn sie von einem Fonds enttäuscht sind, verkaufen sie ihn, wollen ihn gegen etwas Besseres eintauschen?. Das verschlimmert seiner Erfahrung nach das Debakel: ?Sie kaufen einen gut gelaufenen Fonds, fallen damit noch mehr auf die Nase.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Swensen prangert Defizite der Anlagebranche an.
  • AutorVor fünf Jahren veröffentlichte David Swensen ?Pioneering Portfolio Management: An unconventional Approach to Institutional Management? für die institutionellen Anleger. Im vergangenen Sommer legte er mit dem Pendant für Privatanleger nach. In ?Unconventional Success: A Fundamental Approach to Personal Investment? prangert er das Versagen der Fondsbranche an.
  • Kritiker Der Yale-Mann beklagt ein Gewinnstreben der Anlagehäuser zu Lasten der Kunden. Auf seiner Liste stehen unter anderem zu hohe Gebühren, Das vernichtende Urteil: Die Manager, die Fonds aktiv verwalten, können ihr Versprechen nicht einlösen, den Vergleichsindex zu schlagen.
  • BeraterDen privaten Anlegern rät Swensen von aktiv gemanagten Fonds und speziellen Anlagen wie Firmenanleihen oder Hedge-Fonds ab. Er empfiehlt Privatanlegern daher ausschließlich Indexfonds. Damit sollten sie ihr Depot wie folgt strukturieren: 30 Prozent Inlandsaktien, je 20 Prozent Auslandsaktien und Immobilien, je 15 Prozent Staatsanleihen und inflationsindexierte Bonds.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.01.2006