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Jörg Wurzer
Wenn Wagniskapital ausbleibt, müssen Startups Fantasie beweisen.
Das dunkelblaue Plakat mit der lachenden Einkaufstüte hängt immer noch an der Bürowand im "Webtower", einem Standort der Kölner New Economy. Die Figur war das Erkennungszeichen des Startups Tom Power und erinnert Andreas Nettesheim und Madjid Salimi an ihre Vision. Sonst existiert von Tom Power nur noch ein Eintrag im Handelsregister und die Homepage.

Tom Power wollte im Internet Großabnehmerrabatte für die Kunden rausschlagen und sollte bei Erfolg an einen Versandhändler verkauft werden. Dafür hatten sich die beiden Gründer im Frühjahr 2000 um elf Millionen Mark Wagniskapital beworben - vergeblich

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Parallel veranstalteten sie auf eigene Kosten ein Gewinnspiel, um Tom Power bekannter zu machen. Für die Gewinnsumme von 600 Mark meldeten sich 15.000 Nutzer auf der Homepage an. Der Erfolg war so groß, dass Tom Power das Gewinnspiel mit Software an ein anderes Unternehmen verkaufen konnte. Doch trotz der kleinen Finanzspritze und wachsender Popularität mussten die Gründer einsehen: Ohne Startkapital läuft s nicht.

Nettesheim und Salimi entließen zwei der vier Mitarbeiter, aber den Traum vom eigenen Unternehmen gaben sie nicht auf. Unter dem Namen "Net Empire" entwickeln und vertreiben sie jetzt Software für den elektronischen Handel. "Kunden haben wir bereits", berichtet Andreas Nettesheim.

So liefert und verwaltet Net Empire für den Geschäftskundenservice der Deutschen Post ein Chatmodul. Damit kann sich ein Berater live einschalten und sogar den Warenkorb für den Kunden füllen. Mit der Software wollte Tom Power die hohe Abbrecherquote, die in Onlineshops üblich ist, vermeiden. "Wenn sich ein Unternehmen vom Geschäftsmodell verabschiedet und sich als Softwarehaus aufstellt, ist das eine Notlösung - mehr nicht", meint Matthias Goldbach, Gründer der Business Online AG und heute Wagniskapitalberater bei Goodexit Consult. Auch das Kölner Startup Squeker.net hat sein Geschäftsmodell umgestellt - notgedrungen. "Zuerst hatten wir ein riesiges Konstrukt mit Onlineshop geplant", erinnert sich Hanno Fichtner, einer der drei Gründer. Als ihre Idee im April 2000 konkret wurde, begann es in der New Economy bereits zu krieseln. Die Alternative "studypilot", eine Karriere-Gemeinschaft für Studenten, überholten andere Startups. Squeaker.net suchte erst gar nicht nach Wagniskapital.

Stattdessen schufen die Gründer eine Internet-Plattform, auf der sich seit November 2000 Unternehmen und der Topmanagement-Nachwuchs begegnen. Zugleich unterstützt das Netzwerk die jungen "Squeaker" (Küken) mit Wissen, Training und Erfahrungen aus Assessment Centern.

6.000 Mark zahlen Unternehmen, um sich bei Squeaker.net sechs Monate lang ausführlich zu präsentieren. Zu einer "Company-Tour" gehören Interviews mit Mitarbeitern, Stellungnahmen des Personalchefs und jede Menge Hintergrund über das Unternehmen und das Geschäft.

"Wir haben vom ersten Monat an verdient," sagt Fichtner. Er und seine Mitgründer Stefan Menden und Fabian Wasmus profitierten dabei von Kontakten, die sie bei der studentischen Unternehmensberatung Oscar und dem Organisationsforum Wirtschaftskongress (OFW) geknüpft hatten.

Zusätzlich sparten sie Geld bei der Programmierung der aufwendigen Software. Das Trio begeisterte einige Programmierer aus dem studentischen Umfeld so sehr, dass diese ohne Honorar für das Startup arbeiteten. Und ein indisches Programmiererteam in der Nachbarschaft, das eine Woche Leerlauf hatte, half kostenlos aus.

Auch das junge Berliner Unternehmen Idealo, das auf seiner Homepage Preise vergleicht, schmiedete eine Allianz mit einem Softwarehaus, um die Durststrecke zu meistern, bis weitere ein bis zwei Millionen Mark Kapital zur Verfügung stehen. "Die Allianz spart unglaublich viel technisches Personal," sagt Martin Sinner, der Idealo mit vier weiteren Gründern im Mai 2000 aus der Taufe hob.

Um Kosten zu sparen und im Gespräch zu bleiben, beweisen die Idealo-Gründer viel Fantasie. Als die Räume im ersten Büro zu eng wurden, rief Idealo im Oktober 2000 seinen eigenen Inkubator mit dem Namen "Berlincubate" ins Leben. Rund ein Dutzend Sponsoren unterstützen die Idee, ein Startup zu fördern, das rund um die Uhr im Internet zu beobachten ist.

Idealo zog gleich mit in das Bürohaus in der Frankfurter Straße. Daneben betreiben die findigen Gründer das Portal "Berlin Startup", auf dem inzwischen etwa 2.000 Unternehmen gelistet sind. Peter Jungen, der Vorsitzende des Business Angel Netzwerks Deutschland, findet es nicht schlimm, wenn Idealo ständig neue Ideen entwickeln muss, um das eigentliche Geschäft zu finanzieren. "Es ist das Normalste, dass Unternehmer viele Wege nutzen", sagt Jungen, der mit einer siebenstelligen Summe an Idealo beteiligt ist

Tom-Power-Nachfolger Net Empire beschäftigt jetzt immerhin sechs Mitarbeiter und zieht bald in repräsentativere Räume um. Das Plakat mit der lachenden Einkaufstüte muss aber mit. Es erinnert an ein wichtiges Lehrjahr.

Dieser Artikel ist erschienen am 05.03.2001