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Queen of the Netset

Nach dem Börsenstart vor einem Jahr stieg der Kurs des britischen Online-Reiseanbieters Lastminute.com binnen weniger Stunden um 40 Prozent. Mitgründerin Martha Lane Fox wurde damit endgültig zur Ikone der britischen New Economy. Doch seitdem befindet sich der Aktienkurs im Sinkflug.


Nach dem Börsenstart vor einem Jahr stieg der Kurs des britischen Online-Reiseanbieters Lastminute.com binnen weniger Stunden um 40 Prozent. Mitgründerin Martha Lane Fox wurde damit endgültig zur Ikone der britischen New Economy. Doch seitdem befindet sich der Aktienkurs im Sinkflug. Und die Chefin muss sich immer häufiger fragen lassen: Wohin geht die Reise?

Für Martha Lane Fox, 28, Chief Operating Officer von Lastminute, waren die vergangenen zwölf Monate eine Katastrophe. Das persönliche Vermögen der selbst ernannten Queen of the Net-Set schmolz auf dem Papier von 105 Millionen Mark auf 15 Millionen Mark – je nachdem, welchen Zeitpunkt man nimmt. Der Aktienkurs des Unternehmens sank von 530 Pence, dem Spitzenwert gleich nach der Ausgabe, auf 70 Pence – an guten Tagen, aber die sind bei Technologiewerten selten geworden. ?The girl who lost her fortune?, feixt bereits das Trend-Tribunal auf Londons ?Power-Partys?. Dabei hatte das Jahr 2000 grandios begonnen.

Blond, schick, reich

Lane inszenierte eine Traumkarriere vor den Augen der Welt – online, versteht sich. Britische Medien sprachen gar vom steilsten ökonomischen Aufstieg seit Cinderella. Martha Darling war die Sex-Ikone für alle erfolgshungrigen jungen Männer: blond, schick und sehr, sehr reich. The IT-Girl. Selbst das erzkonservative Wall Street Journal konnte angesichts von so viel Attraktivität und Dreistigkeit nicht mehr an sich halten und kürte die smarte Entrepreneuse zum ?hottest date? an der Themse. Und zur Ausstellung ?21 leaders for the 21st century? zierten im Herbst 2000 Martha-Porträts die Wände der Londoner National Portrait Gallery, der Ahnengalerie des Empires.

Die Bilder sind längst abgehängt, und die Dotcoms, im Frühjahr 2000 noch gut für heftigste Schübe von geldgeiler Anlegerhysterie, sind nun Börsengift. Ein zu pauschales Urteil, wie Miss Lane Fox findet. ?Natürlich musste es zur Marktbereinigung kommen. Anfang 2000 wurde alles mit Geld zugeschüttet, was auf Dotcom endete. Da gingen Unternehmen an die Börse, deren Businessplan sich wie das Skript für einen Teletubbie-Plot liest.? Bis auf 20 Prozent werden alle auf dem Dotcom-Friedhof landen. Das jedenfalls sehen Analysten für die nächsten Jahre in ihren Glaskugeln.

Mit einer Mischung aus Naivität und Rücksichtslosigkeit und in perfektem Sloane-Business-English beharrt Martha Lane Fox darauf, dass Lastminute zu den Überlebenden gehören wird. ?Lastminute ist viel mehr als irgendeine x-beliebige Preisagentur?, widerspricht sie jenen, die in dem Unternehmen nur ein Ramschportal für Hotelzimmer- und Flugreisen-Restposten sehen. ?Es geht nicht darum, billig zu kaufen. Es geht um Qualität zum bestmöglichen Preis.? Lastminute soll Lifestyle werden, ist ihre Vision. So wie es Plattenboss Richard Branson, das Idol aller jungen britischen Unternehmer, mit seinem Virgin-Konglomerat vorgemacht hat.

An ihrem Vorleben soll es nicht scheitern. Viele der Internet-Entrepreneure kommen aus privilegierten Familien. Die von Miss Lane Fox ist geschäftstüchtig, gebildet – und blaublütig: Opa war ein gerissener Immobilien-Hai, Daddy ist Professor an der Universität Oxford und ihr Onkel der 6. Marquess von Angelesey. Klar, wo Martha ihren MBA gemacht hat. Ist solch ein Background von Vorteil? ?Natürlich hilft Selbstbewusstsein. Das ist der Extra-Bonus, den man an einer Universität wie Oxford bekommt.? Diesen Extra-Bonus, angereichert mit hinreißendem Understatement, setzt Martha Lane Fox gnadenlos ein. Wenn sie mit Unternehmenslenkern vom Kaliber eines Thomas Middelhoff (Bertelsmann), Jean-Marie Messier (Vivendi) oder Jorma Ollila (Nokia) auf einem Podium siûzt, ist der erste Eindruck: Bambi unter IT-Bestien. Der Beschützerinstinkt ist sofort hellwach. Die Illusion von der zerbrechlichen English Rose platzt, sobald sich ?Fast Lane Foxy? in die Diskussion wirft: Dann lässt sie nicht den geringsten Zweifel aufkommen, dass die Überholspur ihr Milieu ist und der Adrenalinstoß das Doping zum Erfolg.

Dass Martha nicht nur hübsche Fassade ist, sondern wirklichen Geschäftsbiss hat, soll das gerne kolportierte Histörchen belegen, sie habe vor der Gründung des Unternehmens im Frühjahr 1998 nicht weniger als 150mal bei Alitalia angerufen, bis man ihr schließlich ein Meeting zusagte.

Honig ums Maul schmieren

Die Arbeitsteilung bei Lastminute war von Anfang an das geniale Zusammenspiel zweier unterschiedlicher Talente. Brent Hoberman, Marthas Partner, ist der Kopf des Unternehmens, sie das Gesicht. ?Sie ist viel attraktiver als ich?, meint Hobermann, der 1997 die Idee zu Lastminute hatte, weil ihm seine Arbeit keine Zeit ließ, sein Privatleben rechtzeitig zu organisieren. ?Und sie ist ein gutes Aushängeschild für das gesamte Internet, denn es beweist, dass das Internet nicht ausschließlich von Spinnern mit Vorliebe für kalte Pizza kontrolliert wird.?

Ihr Verhältnis zu den Medien ist sehr ambivalent. Einerseits beruht ein Großteil von Lastminutes Anfangserfolg auf Lanes Fähigkeit, den Fleet-Street-Wirtschaftsredakteuren Honig ums Maul zu schmieren. Auf der anderen Seite ärgert es sie, ständig auf das junge, attraktive, blonde Ding in knappen Tops reduziert zu werden. ?Seit Jahren habe ich einen 14-Stunden-Tag, sieben Tage die Woche, und überhaupt kein Privatleben.? Trotzdem flirtet sie immer wieder mit dem Girlie-Image. ?Eigentlich habe ich mit Computern nichts am Hut?, beteuert sie. ?Jeder, der meine Vorliebe für Pink kennt, weiß, was ich zu Lastminute beigesteuert habe.?

Ob dieses Pink der Grund ist, dass Lastminutes Seite bei einer britischen User-Umfrage zur schlechtesten Travel-Page gewählt wurde? ?Die Auswertung war reine Interpretationssache. Und die Medien haben sich darauf gestürzt, weil man mit uns immer eine Schlagzeile bekommt.? An diesem Selbstbewusstsein perlt Kritik ab wie Wasser auf Ölzeug.

Dass Fluggesellschaften, Hotelketten und Veranstalter lange ruhig zusehen würden, wie jemand aus ihrer Malaise Kapital schlägt, war nicht zu erwarten: Ob Lufthansa, British Airways oder Air France – alle wollen an den Lastminute-Trog und ihre Restkarten selbst im Internet verkaufen. Branchenanalysten, die ohnehin frühestens für 2002 Gewinne erwarten, sehen darin eine Gefahr für die Existenz von Lastminute.

Ganz im Gegensatz zu Martha Lane Fox: ?Nicht uns setzt man das Messer auf die Brust, sondern den Reisebüros. Die Fluggesellschaften wollen die fünf Prozent Provision sparen. Wir sind in einem ganz anderen Marktsegment. Es gibt keinen US-Gorilla, der versucht, in unseren Markt einzubrechen, und in Europa sind wir ohnehin die Größten.?

Vielleicht steht dem Gorilla der Sinn auch mehr nach Übernahme als danach, einen eigenen europäischen Standort aufzubauen. Die 300 Millionen Mark, die nach Firmenangaben vom Börsengang noch in der Kriegskasse sind, sollen Lastminute in den nächsten Monaten so groß und stark machen, dass sich jeder daran verschlucken muss. Dafür will die kleine Miss Lane Fox sorgen.

Hannelore Gude-Hohensinner



Gut zu wissen

In zwei Jahren von einer Besenkammer mit Telefonanschluss im Schatten der Portobello Road in ein fünfstöckiges georgianisches Stadthaus am Buckingham Gate Number 4 – hey, das ist Erfolg. Aber die Geschäftsidee war auch zwingend: Analysten hatten berechnet, dass jedes Jahr Hotelzimmer im Wert von sechs Milliarden Mark und Flüge für 7,5 Milliarden Mark unverkauft blieben.

Mit zwei Mitarbeitern schickten sich die Lastminute-Gründer Martha Lane Fox und Brent Hoberman schon vor der offiziellen Gründung im Frühjahr 1998 an, wenigstens einen Teil dieses gigantischen Marktes zu erobern. Heute hat das Unternehmen nach eigenen Angaben 2.500 Kooperationspartner – darunter Branchengrößen wie Lufthansa, British Airways, Sony, Starwood Hotels and Resorts und American Express – drei Millionen registrierte Nutzer weltweit und 280 Mitarbeiter an fünf europäischen Standorten. Trotzdemrmachte das Unternehmen im vergangenen Jahr nach Angabe der Wochenzeitung ?Die Zeit? 115 Millionen Mark Verlust.

Martha Lane Fox und Brent Hoberman wurden mal als Reinkarnationen von Midas, dem König mit dem goldenen Händchen, gefeiert, mal als Mega-Kapitalvernichter beschimpft. Beim Börsengang Mitte März letzten Jahres war die Nachfrage so groß, dass Konsortialführer Morgan Stanley Dean Witter den Ausgabekurs kurzerhand um 69 Prozent – auf 380 Pence – nach oben schraubte. Was folgte, waren eine kurze Hausse und ein stetiger Sinkflug in die Niederungen der zweistelligen Pence-Beträge.

Analysten sehen das Unternehmen zudem durch Konkurrenten wie Luffahrtgesellschaften bedroht. Doch Dank der 360 Millionen Mark, die der Börsengang nach Firmenangaben in die Lastminute-Kassen spülte, ist in absehbarer Zeit nicht mit dem plötzlichen Dotcom-Tod zu rechnen.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.02.2001