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Puzzle mit nationalen Farben

Von Helmut Steuer
In Deutschlands Finanzwelt sind Frauen in Top-Positionen noch selten. In Skandinavien ist das etwas anders. Das zeigt das Beispiel von Stine Bosse. Die 45-Jährige steht seit genau vier Jahren an der Spitze des nordeuropäischen Versicherungskonzerns Trygvesta und ist die Chefin von mehr als 3 700 Mitarbeitern.
STOCKHOLM. Als Stine Bosse Ende 2002 Konzernchefin der aus mehreren nordeuropäischen Versicherungsgesellschaften fusionierten Trygvesta wurde, glich der Konzern einem halbfertigen Puzzle: hier ein Stück zu viel, dort eines zu wenig. Ihre Hauptaufgabe bestand zunächst darin, dem neuen Gebilde eine Struktur zu geben, nationale Besonderheiten der dänischen, norwegischen, schwedischen und finnischen Tochtergesellschaften zu berücksichtigen, ohne ein gemeinsames Profil zu riskieren.Es war keine leichte Aufgabe, die die Managerin mit gleich drei Diplomen (Jura, sowie zwei Management-Ausbildungen in Frankreich und den USA) zu bewältigen hatte. Doch ihr gelang es in den darauf folgenden Jahren, aus Trygvesta den nach der finnischen If zweitgrößten Versicherungskonzern der Region zu machen.

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Noch gibt es in Nordeuropa einige weiße Flecken für den Konzern, doch Bosse hat bereits das Ziel ausgegeben, auf dem schwächsten Trygvesta-Markt Schweden bis 2012 einen Marktanteil im allgemeinen Versicherungsbereich von etwa acht Prozent zu erreichen. ?Sie ist enorm fähig und wird die Erwartungen erfüllen?, lobte der ehemalige Tryg-Chef Alf Duch-Pedersen seine ehemalige Personalchefin, die 1987, gleich nach dem Studium bei dem dänischen Versicherungskonzern Tryg ihre berufliche Laufbahn begann.Damals konnte niemand ahnen, dass sie 24 Jahre später den mittlerweile aus der dänischen Tryg, der norwegischen Vesta und einigen weiteren Finanzdienstleistern fusionierten Versicherungsriesen Trygvesta leiten würde. Doch heute ist sie Chefin von mehr als 3 700 Mitarbeitern und wurde erst kürzlich von internationalen Wirtschaftszeitungen auf Platz elf der 25 mächtigsten Managerinnen in Europa gewählt. Sie ist ihr gesamtes Berufsleben dem Unternehmen treu geblieben, leitete nach der Zeit als Personalchefin die Schadensversicherungs-Sparte und kümmerte sich um die Konzept- und Produktentwicklung.Stine Bosse sieht man nicht an, dass sie Macht hat und diese ? wenn es denn notwendig ist ? auch anwendet, um ihre Ziele durchzusetzen: Meist lächelt sie sympathisch, signalisiert mit ihren wachen blauen Augen und dem halblangen, leger frisierten dunkelblonden Haar eine gewisse Milde. Doch das täuscht, wie schon mehrere ihrer leitenden Mitarbeiter in den vergangenen Jahren erfahren mussten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Wenn sie einen Plan hat, wird der auch durchgesetzt.??Wenn sie einen Plan hat, wird der auch durchgesetzt?, beschreibt ein Mitarbeiter seine Chefin. Es scheint zu stimmen, denn seit ihrer Beförderung ganz an die Spitze des Versicherungskonzerns hat Bosse deutliche Spuren hinterlassen. Sie hat Top-Manager ausgetauscht und den zuvor von einer Stiftung geführten genossenschaftlichen Versicherer im vergangenen Jahr erfolgreich an die Börse gebracht.Besonders schmerzhaft war die Integration der norwegischen Vesta in den neuen Sachversicherungsriesen. Am Konzernsitz des Unternehmens in Bergen mussten viele Manager ihren Hut nehmen. So etwas schafft Irritationen, und das hat Stine Bosse mehr als nur einmal deutlich zu spüren bekommen. Doch die neue Konzernchefin, die in ihrer Freizeit auf dem Bauernhof ihres Mannes zusammen mit den vier Kindern neue Kraft tankt, löste auch diese Probleme. Sie tauchte häufig in Bergen redete direkt mit den Mitarbeitern.?In Norwegen diskutiert man erst, dann wird entschieden. In Dänemark treffen wir Entscheidungen und diskutieren sie danach?, fasst Bosse die Kulturunterschiede zwischen beiden Ländern zusammen. Das Konfliktpotenzial bei grenzüberschreitenden Übernahmen und Fusionen ist groß. Nationale Empfindlichkeiten sind im hohen Norden größer, als viele außerhalb der Region oftmals annehmen. Und die Gleichberechtigung ist auch hier noch längst nicht selbstverständlich.Stine Bosse hat das hautnah erfahren, ist aber bislang unbeirrt ihren Weg weiter gegangen. Dazu zählte auch, dass sie mehr Frauen in Top-Positionen befördert hat. ?Ich weiß nicht, ob es einen so großen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Chefs gibt?, sagte sie einmal, um dann aber hinzuzufügen: ?Ich habe aber den Eindruck, dass die Ergebnisse besser werden, wenn Frauen und Männer zusammenarbeiten?.Für die Zukunft hat sich Bosse noch eine Menge vorgenommen. Vor allem das für ihre Branche so typische Kleingedruckte in den Verträgen ist ihr ein Dorn im Auge. ?Das muss geändert werden?, sagt sie. ? Wir sind kein Lieferant von Policen, sondern wir wollen Sicherheit verkaufen?.
Lange Tradition: Als 1728 rund ein Viertel Kopenhagens in Flammen stand, viele Menschen umkamen und ein Fünftel der Bevölkerung ihr Dach über dem Kopf verlor, entstand die Idee zur Bildung eines Versicherungskonzerns. 1731 war es dann soweit: Dänemark bekam mit Københavns Brand seinen ersten Versicherer. 1911 wurde der Name ?Tryg? (sicher) erstmals für das Unternehmen verwendet.Viele Fusionen: Die seit 2002 unter dem Namen Trygvesta agierende Gruppe mit rund 1,4 Mill. Privat- und 250 000 Firmenkunden entstand aus Fusionen mit dem dänischen Konkurrenten Baltica, der dänischen Bank Unidanmark und der norwegischen Versicherungsgesellschaft Vesta. 2005 nahm der Konzern 15,7 Mrd. Kronen (2,1 Mrd. Euro) an Prämien ein. Der Vorsteuergewinn betrug 2,9 Mrd. Kronen. Die Aktie ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.12.2006