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Putins Schatten

Von Mathias Brüggmann
Sergej Bogdantschikow und Igor Setschin haben dafür gesorgt, dass der Ölkonzern Yukos zerschlagen wird. Jetzt bringen die beiden Drahtzieher Rosneft an die Börse. Sie sind ein gewieftes Duo.
MOSKAU. ?Um den ,Woschd? kümmere ich mich, den Rest machst du?, vereinbart Igor Setschin am Telefon mit seinem Partner Sergej Bogdantschikow. Mit Woschd (Führer) ist Kreml-Chef Wladimir Putin gemeint.Das legendäre Gespräch, das in Moskau inzwischen auf CD zu kaufen ist, löst im Juli 2004 den spannendsten und teuersten Wirtschaftskrimi in der Geschichte Russlands aus: die faktische Enteignung und Zerschlagung des damals größten russischen Ölkonzerns Yukos.

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Drahtzieher sind der untersetzte, 45-jährige Setschin, Aufsichtsratschef des russischen Konkurrenten Rosneft, und der schmale 48-jährige Bogdantschikow, Präsident von Rosneft. Ein gewieftes Duo, das gerade von sich reden macht, weil es am 14. Juli dieses Jahres den Staatskonzern Rosneft an die Börse bringen will.Während die beiden noch auf den Erfolg des Aktienverkaufs hoffen, ist ihnen die Zerschlagung von Yukos dank der guten Verbindungen in den Kreml längst geglückt.Und das ging so: Setschin stellt Putin ruhig wie am Mobiltelefon vereinbart. Bogdantschikow leiert das an, was er im Telefonat mit dem Kremlberater Stanislaw Belkowskij so umreißt: ?Drei Tage Knast und er weiß, wer im Wald der Wolf ist. Er nervt mich. Und es gibt Dinge, die vergesse ich nie.?Gemeint ist Michail Chodorkowskij. Der Yukos-Chef hatte sich zuvor im Beisein Bogdantschikows bei Putin über die Korruption im Staatsölkonzern Rosneft beschwert. Putin reagiert gereizt auf Chodorkowskijs Anschwärzversuch. ?Wir sollten lieber mal überprüfen, woher Yukos so viele Ölquellen hat.?Schon wenige Wochen später beginnt das volle Programm gegen Yukos: Die Steuerbehörden fordern Milliarden nach, Chodorkowskij wird verhaftet, zu acht Jahren Lagerhaft an der Grenze zu China verurteilt, und der Yukos-Konzern wird zerlegt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Putins rigoroses Durchgreifen ist vor allem das Werk SetschinsPutins rigoroses Durchgreifen ist vor allem das Werk Setschins. Denn der ist nicht nur Aufsichtsratschef des Ölkonzerns Rosneft, sondern Stellvertreter der mächtigen Kremladministration. Und noch viel wichtiger: Er ist einer der engsten Vertrauten von Kremlchef Putin oder ?Putins Schatten?, wie russische Zeitungen ihn nennen.Für Putin arbeitete Setschin bereits nach seinem Studium als Philologe und Lehrer für Portugiesisch und Französisch sowie seinem Übersetzerjobs zu Sowjetzeiten in Mosambik und Angola. Da diese Jobs zumeist von KGB-Agenten gemacht wurden, vermuten die meisten Moskauer Medien einen ähnlichen Werdegang Setschins und Putins, der Aufklärer des sowjetischen Geheimdienstes in Dresden war.Nachdem Setschin und Putin Anfang der 90er aus dem Ausland zurückgekehrt waren, stieg der heutige russische Staatschef zum Vizebürgermeister seiner Heimatstadt St.Petersburg auf. Als sein damaliger Chef die Wiederwahl verlor, ging er in die Kontrollabteilung des Kremls, wurde später Vizechef der mächtigen Kremladministration, später Premierminister, dann Geheimdienstchef und am 1. Januar 2000 Präsident Russlands. Immer an seiner Seite ist Setschin, den er als Vizebürgermeister bei einer Reise nach Rio de Janeiro kennen lernt und seither von Job zu Job mitnimmt.Inzwischen stellen sich in Moskau viele die Frage, wer eigentlich mächtiger ist: Putin oder Setschin? Denn Setschin, der in seinem Büro in alter Geheimdienstler-Manier alle Unterlagen mit dem Text nach unten auf den Schreibtisch legt, gilt nicht nur als Drahtzieher der Yukos-Affäre. Setschin sei ? so das Magazin ?Kommersant-Wlast? ? ?Anführer der ,Petersburger Tschekisten? genannten Gruppe der Geheimdienstler, die faktisch das Land kontrollieren?. Setschin vereitelte sogar die offiziell von Putin verkündete Fusion Rosnefts mit dem vom Kreml kontrollierten Gasriesen Gazprom.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Yukos, bloß neu verpacktStattdessen verleibte sich Rosneft unter der Führung des Duos Setschin/Bogdantschikow im Dezember 2004 die wichtigste Fördertochter von Yukos, Yuganskneftegaz (YNG), ein: Für 9,4 Milliarden Dollar stieg die bis dahin unbekannte Firma Baikalfinancegroup bei YNG ein. Investmentbanken bewerteten YNG mit einem doppelt so hohen Preis. Tage später übernimmt Rosneft dann das Unternehmen. Rosneft berichtet seither stolz, dass es seine Ölförderung von 21,6 Millionen Tonnen (2004) auf 74,6 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr gesteigert hat ? 70 Prozent der Ölproduktion stammen von YNG.?Das ist doch praktisch Yukos, nur neu verpackt, was Rosneft an die Börse bringen will. Warum soll ich das ein zweites Mal kaufen?? fragt ein Fondsmanager in Moskau kritisch, warum er sich am Börsengang von Rosneft beteiligen sollte.Diesen haben Bogdantschikow und seine Manager am Montag für den 14. Juli angekündigt ? einen Tag vor dem Gipfel der acht führenden Industriestaaten (G8), auf dem Putin erstmals präsidiert. 14 Milliarden Dollar will Rosneft beim größten IPO seit 1999 einnehmen. Das wäre beim auf 80 Milliarden Dollar geschätzten Unternehmen nicht einmal die Sperrminorität. Neben institutionellen Anlegern an der Londoner Börse sollen auch russische Kleinsparer zugreifen können, wurde am Montag bekannt.Dass Bogdantschikow, für den extra ein 18 Millionen Dollar teurer Privatjet Cessna Citation X angeschafft wurde, beim Börsengang eng mit Banken und Analysten zusammenarbeiten muss, ist für ihn ein schwerer Schlag: ?Die fällen ihre Urteile doch meist auf Grundlage von Emotionen, nicht mit Hilfe ernsthafter Analyse?, watschte der 48-Jährige die Finanzszene einmal ab.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Erfolgreiches DuoBogdantschikow dürfte vor allem eines stören: Die meisten Analysten schätzen Rosneft noch immer als den am schlechtesten geführten Ölkonzern Russlands ein. Das wurmt den Mann, der den Orden ?Verdienter Arbeiter der Ölindustrie Russlands? trägt und dessen beide Söhne inzwischen ebenfalls im Ölgeschäft mitmischen.ERFOLGREICHES DUO: SERGEJ M. BOGDANTSCHIKOW1957
Er wird am 10. August im Ural geboren. Er schließt das Studium am Öl-Institut in Ufa als Doktor der technischen Wissenschaften und als Bergbauingenieur ab.
1982
Er wird Vorarbeiter und dann Abteilungsleiter in der Ölförderung.
1997
Er steigt weiter auf und wird Vizechef des russischen Ölkonzerns Rosneft.
1998
Seit Oktober ist er Präsident.
IGOR IWANOWITSCH SETSCHIN1960
Er wird am 7. September in Leningrad geboren. Er macht den Abschluss als Philologe.
1988
Er wird Außenhandelsexperte im Rathaus von Leningrad, dann rechte Hand des Vizebürgermeisters Putin. 1997 leitet er die Kontrollabteilung der Kreml-Administration mit Putin als Chef. Später wird er Vizechef der Kreml-Administration.
2004
Er wird zusätzlich Aufsichtsratschef von Rosneft.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.06.2006