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Putins gelehriger Bisnesmen

Von Mathias Brüggmann, Handelsblatt
Alexej Mordaschow wird in Russland schon als ?guter? Oligarch bezeichnet. Der Chef des zweitgrößten russischen Stahlkonzerns ist im Reich des Kreml-Herrschers ein Vorzeigeunternehmer und kauft sich inzwischen sogar in den USA ein.
MOSKAU. Verantwortlich für diesen Fortschritt zeichnet Alexej Mordaschow, den sie in Russland schon einen ?guten? Oligarchen nennen. Vor allem ist der hoch gewachsene Mann mit der akkurat weggefönten Elvistolle ein Musterschüler: Schulabschluss mit lauter Einsern, Lenin- Stipendiat an der Hochschule, Komsomol-Aktivist, einer, der sich selbst im Nachhinein ?einen korrekten Jungen? nennt. Heute, im Reich des Kreml-Herrschers Putin, ist er Vorzeigeunternehmer. Einer ganz nach dem Geschmack des Staatschefs, der von seinen ?Bisnesmeny? mehr soziale Verantwortung, volle Steuerzahlung und vor allem politische Unterordnung verlangt.Und so sagt der Chef des zweitgrößten russischen Stahlkonzerns Sätze wie: ?Ohne Kontakt zur Politik geht es zwar nicht.? Aber: ?Geschäftsleute sollen sie nicht dominieren.? Dabei spricht der ?Putin- Oligarch?, wie ihn das Moskauer Magazin ?Profil? nennt, so schnell, dass er ganze Worte verschluckt. Im Denken ist er immer schon eine Ecke weiter.

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Vor allem aber provoziert der aus kleinen Verhältnissen in Tscherepowez stammende Manager weder die Kremlführung noch das verarmte Volk, indem er seinen Reichtum zur Schau stellt ? im Gegensatz zu vielen seiner Milliardärskollegen. Zu tief sitzt dafür die Erinnerung an die Kindheit im russischen Norden: ?400 Gramm Wurst und 200 Gramm Butter pro Kopf und Monat ? das war die ganze Freude. Meine erste Jeans bekam ich in der 9. Klasse und habe sie sehr lange geschont.? Der heute in dunkelblauen Nadelstreifen Gehüllte sagt das weder mit Sozialromantik noch mit Arroganz. Immerhin hat der Fan russischer Banja-Schwitzbäder große Teile der reichlich sprudelnden Gewinne in sein Severstal-Werk reinvestiert. Das heißt schon etwas, stieg doch der Gruppenumsatz im vorigen Jahr um 36,2 Prozent auf 3,8 Milliarden Dollar, der Vorsteuerprofit sogar um 76,4 Prozent auf 995 Millionen.Mordaschow demonstriert soziale Wärme, statt in Tscherepowez alle Sozialobjekte des Kombinats zu verkaufen, finanziert er Kulturpaläste, Werkswohnungen und ein Erstliga-Eishockeyteam weiter, ganz wie einst das Kombinat. Das alles lässt das Putin-Russland gnädig darüber hinwegsehen, dass Mordaschow mit einem geschätzten Privatvermögen von 3,5 Milliarden Dollar nach der jüngsten Milliardärserhebung der Zeitschrift ?Forbes? der siebtreichste Russe ist.Das Einzelkind eines Elektrikers und einer Angestellten des Tscherepowezer Stahlkombinats kam mit 23 Jahren in die Spur der Eltern ? er ging ebenfalls ins ?Werk?, wie der Schmelz- und Walzriese in der Stadt einfach genannt wird. Allerdings führte der Weg des jungen Alexej nicht an die Hochöfen, sondern in die Finanzabteilung. Dort mussten damals Lieferanten noch persönlich mit einer Schachtel Pralinen bei zwei alternden Buchhalterinnen gut Wetter machen. Mordaschow änderte das schnell. Mit 31 bereits ist er Generaldirektor und hält rund 80 Prozent der Aktien der SeverstalGruppe. Zu ihr gehören außer dem Stahlwerk, einer Kohlegrube am Polarkreis und einem Erzaufbereiter auch der Jeep-Bauer UAZ, ein Motorenwerk und ein Maschinenbauer.Statt sich wie andere aus der Zeit des Wild-Ost-Kapitalismus die Firma zur Beute zu machen, heuerte Mordaschow westliche Unternehmensberater an, die beim Umbau des Stahlwerks halfen. Einige wechselten ins Severstal-Management. Analysten sind deshalb voll des Lobes: ?Mordaschow hat zügig die Mehrheit bei Severstal konsolidiert und dann viel schneller als die Konkurrenz eine Modernisierung durchgesetzt?, meint Alexander Puchajew, Metals & Mining-Spezialist des Moskauer Brokerhauses Vereinte Finanzgruppe (UFG).Heimisch ist Mordaschow in Moskau, das er wie jeder Provinzrusse mit einer Mischung aus Bewunderung und Unverständnis sieht, noch nicht geworden: Ein großformatiger Fernseher dominiert sein Büro, die gemalte Birkenwaldromantik mit Zwiebeltürmchenkirchen ist noch nicht aufgehängt. Ist hier jemand noch nicht angekommen?Mordaschow ist trotz seiner erst 38 Jahre und der Herkunft aus der Provinz eine Größe in Russlands Geschäftswelt: Vorstand im Industriellenverband RSPP und von Putin zum Ko-Vorsitzenden der DeutschRussischen Strategischen Arbeitsgruppe ernannt. Dabei kam ihm zugute, dass er ? wie Putin ? Deutsch spricht. Das half schon einmal: Gleich zu Beginn seiner Karriere durfte er zur Fortbildung nach Österreich ? weil er sich als Einziger im Werk die fremde Sprache zutraute. Deutschland ist die Liebe des dreifachen Familienvaters, das Geschäft aber liegt in den USA: Kürzlich hat er den angeschlagenen US-Stahlproduzenten Rouge Industries geschluckt. Auch das so ganz nach dem Expansions-Geschmack von Kremlchef Putin.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.03.2004