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Profumos Vorarbeiter

Von Christoph Hardt
Paolo Fiorentino wirkt nicht wie ein Mann, der bei einer europaweit operierenden Bank die groben Arbeiten verrichtet. Die Nummer zwei bei Unicredit hinter Alessandro Profumo fügt sich jedoch gern in die Rolle als Macher im Hintergrund, auch wenn ihm dabei oft unpopuläre Aufgaben zufallen.
Paolo Fiorentino, Chef der Abteilung Global Banking Services bei Unicredit.
MÜNCHEN. Es ist nicht leicht, die Nummer zwei zu sein. Erst recht nicht, wenn die Nummer eins Alessandro Profumo heißt. Am vergangenen Donnerstag, auf dem Capital Markets Day der Unicredit in Mailand war natürlich Profumo der Mann für die großen Botschaften. Gleich dahinter kam wie fast immer: Paolo Fiorentino. Das ist nicht nur kommunikativ eine ziemlich undankbare Aufgabe. Erschwerend kommt hinzu, dass Fiorentino qua Amt im Hintergrund wirkt, was bei einem Bankkonzern wie Unicredit wortwörtlich zu nehmen ist. Sein Reich ist das Backoffice. Gerade deshalb ist der 51 Jahre alte Italiener als Chef des Global Banking Services so etwas wie der Innenarchitekt im gewaltigen europäischen Umbauprozess, den Profumo spätestens mit der Übernahme der Münchener HypoVereinsbank in Gang gesetzt hat.Wie ein Mann fürs Grobe schaut der gebürtige Neapolitaner nicht aus. Er passt in das Bild, das man sich nördlich der Alpen gern vorstellt: eher klein, drahtig, bronzen die Haut und dunkel die Augen. Letztere wandern unruhig umher ? wie der wippende rechte Fuß.

Die besten Jobs von allen

Allein in Deutschland hat die Dienstleistungssparte der HVB unter Fiorentino und seinem deutschen Partner, dem HVB-Vorstand Matthias Sohler, fast 2 500 der 6 000 Jobs abgebaut. ?Wir haben hier eine extrem hohe Komplexität vorgefunden?, sagt Fiorentino mit Blick auf frühere HVB-Zeiten.Was folgte, war ein für die deutsche Bankenlandschaft einmaliger Aufräumprozess. ?Unser Ziel ist eine globale Aufstellung unserer gesamten Bankinfrastruktur?, sagt Fiorentino. Vor kurzem hat die HVB daher auch ihr Wertpapierverwahrgeschäft sowie die Wertpapierabwicklung an die französische Caseis abgegeben. Weitere fast 500 HVB-Mitarbeiter bekommen einen neuen Arbeitgeber.Für die HVB als Teil der Unicredit ist das ein riesiger Schritt bei der Umstrukturierung. ?Es ist schon erstaunlich, wie viel sich in den gerade einmal zwei Jahren seit der Bekanntgabe der Fusion verändert hat?, sagt Fiorentinos Kollege Matthias Sohler. Der deutsche hat den Verkauf an die Franzosen maßgeblich verhandelt, Fiorentino soll noch etwas mit ihm vorhaben.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Fiorentino als Motor für ReformenJedem zweiten Handbuch der Betriebswirtschaftslehre ist zu entnehmen, dass Geschwindigkeit das A und O in Übernahmeprozessen bedeutet. Wer aber wissen will, was hinter der im hiesigen Finanzwesen berühmt-berüchtigten Unicredit-Dynamik steckt, der sollte Fiorentino hören. Leidenschaftlich spricht er von dem ?Projekt?. ?Als wir 1990 die Bank Pekao in Polen kauften, da stand die Idee der europäischen Bank schon?, sagt der Italiener. Damals sei Polen von der EU noch meilenweit entfernt gewesen und Europa ein eher geographisches, zumindest kein unternehmerisches Konzept. Aber die Truppe um Profumo, dessen wahrscheinlich größtes Talent darin liegt, ein Team von Überzeugten um sich zu scharen, hatte die Mission schon fest gespeichert.?Es muss ein politisches Konzept dahinter stehen, eine Idee. Nur so überzeugen sie die Menschen wirklich?, sagt Fiorentino. Vielleicht war es ja genau der Mangel daran, der die Fusion von Hypo- und Vereinsbank letztendlich scheitern und die Münchener zum Übernahmekandidaten werden ließ. Vorbei und fast vergessen, die Idee von der neuen europäischen Bank klingt bis heute faszinierend: 7 200 Filialen in 20 Ländern, 142 000 Beschäftigte. Doch trotz aller europäischer Schönrederei brauchte es auch zahlreiche Anstrengungen, damit wirklich etwas aus dem Plan werden kann. Fiorentino ist der Exekutor, der Vorarbeiter Profumos, wenn man so will; verantwortlich für alles, was im Konzern mit IT, Beschaffung oder auch Immobilienbewirtschaftung zu tun hat. In der vergangenen Woche hat er einige Ergebnisse aus seiner Reform-Werkstatt präsentiert.So wie Unicredit aus 24 Datencentern vier gemacht und wichtige Aktivitäten abgegeben hat, so ist in der Administration des Konzerns ein intensiver Konzentrationsprozess in Gang. Während die HVB als Kompetenzzentrum für das Investment-Banking auch auf IT-Seite fungiert, übernehmen andere Töchter, vor allem in den CEE-Staaten, konzernweite Aufgaben. So wird in Rumänien das Backoffice-Kompetenzzentrum unter anderem für Kreditkarten und Konsumentenkredite angesiedelt. Unicredit spart mit dem so genannten ?Near-Shoring? viel Geld: In Rumänien kostet ein Banker durchschnittlich 13 000 Euro pro Jahr, in Deutschland oder Österreich etwa fürn Mal so viel.Die Effekte auf der Kostenseite sind deutlich: binnen 18 Monaten hat die HVB ihr Kosten-Ertrags-Verhältnis von 80er-Werten auf ziemlich eindruckvolle 56 drücken können; Fiorentino hat die direkten Kosten seiner Einheit trotz des aufwendigen Integrationsprozesses um 6,3 Prozent gesenkt. Hinzu kam ein drastischer Personalabbau; insgesamt verlor Fiorentinos Truppe ziemlich genau 2 000 Vollzeitstellen. ?Es klingt überraschend, aber die Italiener haben uns Kostendisziplin beigebracht?, erklärt HVB-Vorstand Sohler eines der Erfolgsrezepte von Unicredit. Konrad Becker, Analyst von Merck Finck, lobt den Umbau. Der Prozess verlaufe geräuscharm und effektiv, Unicredit setzte seine Ziele konsequent durch.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Eine italienische ErfolgsgeschichteDoch noch hat Fiorentino bei der HVB nicht alles erreicht. Die Übernahme der italienischen Konkurrentin Capitalia hat er auf der Prioritätenliste ganz nach oben gestellt. Jetzt soll zuerst Capitalia und ihre Filialen in die Unicredit-Welt integriert werden; erst 2009 sollen dann auch die Münchener Teil der konzernweit einheitlichen Plattform fürs Commercial Banking werden ? ?Eurosig? genannt. Dann wäre die Idee Profumos von der Bank, die ihren regionalen Töchtern eine Palette von Produkten binnen Sekunden europaweit zur Verfügung stellt, Wirklichkeit. ?Unsere Obsession sind Ergebnisse?, sagt der Banker aus Neapel.
Eine italienische ErfolgsgeschichteIn vorderster Linie: Seit Jahren reden die Märkte von der Konzentrationswelle im europäischen Bankgewerbe. Seither gab es in Italien mehrere Groß-Fusionen; in den Niederlanden liefern sich die britische Barclays und ein Konsortium um die Royal Bank of Scotland einen Bieterkampf um ABN Amro. Unicredit aber gehört zu den entscheidenden Treibern der Entwicklung.Von HVB zu Capitalia: Mit der Übernahme der Hypo-Vereinsbank hat sich Unicredit 2005 in die europäische Spitzengruppe katapultiert. Nur zwei Jahre brauchte die Unicredit-Truppe, um sich an eine neue Großaufgabe zu wenden: die Übernahme des römischen Konkurrenten Capitalia für 22 Mrd. Euro . Zuvor waren Gespräche mit der französischen Société Générale gescheitert.Europäische Macht: Während deutsche Großbanken in der Rangliste der führenden europäischen Institute unter ferner liefen rangieren, hat sich Unicredit mit der Capitalia und einer Marktkapitalisierung von etwa 100 Mrd. Euro auf Rang zwei vorgearbeitet. Vor den Mailändern steht nur noch die HSBC. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank bringt es lediglich auf gut 60 Mrd. Euro.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.07.2007