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Profitable Schönheit

Von Matthias Eberle
Susan E. Arnold hat die erfolgreiche Expansion des Konsumgüter-Riesen Procter & Gamble im Beauty-Bereich geleitet. Damit hat sich die 53-jährige Amerikanerin auch als potenzielle Kandidatin für das Erbe von Firmenchef Alan Lafley qualifiziert.
Der Konsumgüter-Riese Procter & Gamble wird noch von Alan Lafley gleitet. Foto: ap
NEW YORK. Die Show ist ungewöhnlich für eine Frau, die seit mehr als 20 Jahren in erster Linie Schönheit verkauft. Der Konsumgüter-Riese Procter & Gamble hat zum Pressegespräch ins New Yorker Cipriani Wall Street geladen. Doch den Kopf seiner Vorzeigemanagerin verdeckt ein Bottich mit schmutzigem Wasser. Eine Vorsitzende, die als Chefin der globalen Geschäftsbereiche über 300 Marken und mehr als 75 Mrd. Dollar Umsatz wacht, lässt sich einen Dreckeimer auf dem Konferenztisch bieten?Erst die Auflösung des seltsamen Rätsels passt ins Bild: Während Susan E. Arnold über Business-Strategien und Nachhaltigkeit spricht, setzt sich am Boden des großen Gefäßes nach und nach der Schmutz ab. Ein Teebeutel-großes Päckchen mit weißem Pulver genügt, und das Produkt aus eigenem Hause (Pur) verwandelt braunes Schmutzwasser in lupenreines Trinkwasser ? entwickelt für Katastrophenfälle und Dritte-Welt-Länder. Susan Arnold nennt das marketingtauglich ?doing good and doing well? ? frei übersetzt: Was dem Planeten hilft, hilft auch den Aktionären.

Die besten Jobs von allen

Unbrauchbares in Wertvolles zu verwandeln ? damit ist die erstaunliche Karriere der Managerin nicht schlecht beschrieben. So war Susan Arnold schon 1985 bei P&C an Bord, als ihr Arbeitgeber mit Olay und Pantene zwei verstaubte Marken im Bereich Körperpflege erwarb. Heute kommt allein Pantene auf annähernd drei Mrd. Dollar Umsatz, Olay auf fast zwei Mrd. Dollar.Als sie im Jahr 2000 Präsidentin von P&G Beauty wurde, kam die Sparte auf sieben Mrd. Dollar Umsatz. Inzwischen ist die Abteilung Schönheit 23 Mrd. Dollar schwer und damit fast so groß wie der französische Marktführer L?Oreal.Die Bedeutung von ?Schönheit? dürfte sich auch in den P-&-G-Quartalszahlen widerspiegeln, die heute veröffentlicht werden. Trotz wachsender Sorgen um die Konsumlaune der Amerikaner hat die P-&-G-Aktie bei 72 Dollar gerade ein neues Allzeithoch erreicht. Es trieb die Marktkapitalisierung des Konzerns auf 225 Mrd. Dollar. Damit ist P&G gut zehnmal so hoch bewertet wie der deutsche Wettbewerber Henkel.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Sprung zum führenden Schönheitspflege-KonzernDie 53-jährige Amerikanerin hat an führender Stelle geholfen, dass dem riesigen Gemischtwarenladen P&G (u.a. Waschmittel, Windeln, Batterien, Tierfutter) der Sprung zum weltweit führenden Schönheitspflege-Konzern gelang. Der jüngste Relaunch der Haarpflege-Linie Herbal Essences zeigt, wie die Arnold-Truppe Ladenhüter in Form bringt: Als die Händler drohen, das Produkt aus den Regalen zu räumen, trommelt Arnold ein Team aus Produktentwicklern, Designern und Marketingexperten zusammen: Herbal Essences erhält eine neue Formel, ein farbigeres Design und eine frische Werbekampagne. Dann wird das Produkt aufs Neue durch die globale Verkaufsmaschine P&G gedreht.Die Fokussierung auf Körper- und Gesundheitspflege bringt dem Konzern wertvolle Vorteile: Es locken höhere Margen als etwa bei Toilettenpapier (Charmin), die Wachstumschancen sind deutlich besser, und das Image ist schöner und strahlender.Vor dem Riesen aus Cincinnati, Ohio, sind in der Beauty-Branche deshalb nicht mehr viele Firmen sicher: Zunächst erwischte es Clairol und den Darmstädter Wella-Konzern, später auch den US-Rivalen Gillette ? für ein stattliches Schmerzensgeld von 57 Mrd. Dollar. Kein anderer Konzernchef aus dem Konsumsektor hat in den vergangenen Jahren derart zugeschlagen wie Alan G. Lafley von P&G.Analysten klatschen Beifall, weil der Konzern seit seiner Einkaufstour nicht nur die Umsatzzuwächse, sondern auch das jährliche Gewinnplus regelmäßig über der Zehn-Prozent-Marke hält. Lafley hat kleinere Produkte wie Clearasil verkauft, um sich auf die weltweite Expansion mächtiger Marken wie Pampers, Gillette oder Wella zu konzentrieren: Heute erwirtschaften nicht weniger als 23 Konzernmarken jeweils Milliardenumsätze ? von Ariel, Always Ultra und Braun-Rasierern bis zu Head-&-Shoulders-Shampoo und Oral-B-Zahnpflege. Während der Konzern im Beauty-Bereich weiter zukauft, sehen Analysten die P-&-G-Sparten Batterien (Duracell), Kaffee (Folgers) und Snacks (Pringles) auf der Verkaufsliste.Lafley und seine Vorstandstruppe wird an der Wall Street hoch angerechnet, dass sie die 170 Jahre alte Firma aus einer veritablen Krise geführt und in ein globales Marken-Kraftwerk mit jugendlicher Frische verwandelt haben.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Beförderung als SignalSusan Arnold hat bei den jüngsten Schlüsselakquisitionen maßgeblich mitgewirkt und entsprechenden Anteil an dieser Erfolgsserie. ?Ihre Leistungsbilanz ist brillant?, lobt Justin Hott von der Investmentbank Merrill Lynch. Arnold habe die Körperpflege-Marken von P&G ?auf ein Niveau geführt, das der Konzern nie zuvor gesehen hat?.Ihr Unternehmen, sagt Susan Arnold, selbst zweifache Mutter, werde überall dort weiter Gas geben, ?wo Babys geboren werden und Frauen schön aussehen wollen?. Die Chefkosmetikerin selbst hat in New York entsprechend aufgetragen: Dezente Schminke im Gesicht, bunte Strähnen im Haar ? alles aus der eigenen Firma, versteht sich. Ihre größte Stärke sehen Weggefährten darin, dass sie mit traumwandlerischer Sicherheit darüber befinden könne, ob Produkte für den Massenmarkt oder nur zum Ladenhüter taugen. Dabei helfen ihr 27 Jahre Berufserfahrung, Spontaneität sowie eine Leidenschaft für das Thema Schönheit.Der dritte Stock des P-&-G-Hauptquartiers in Cincinnati wurde auf ihre Anweisung umgestaltet: Sie forderte mehr Licht und Farbe, ließ Hochglanzfotos an die Wände hängen: ?Wir sind ein Beauty-Konzern. Also möchte ich auch, dass wir entsprechend aussehen?, ließ sie bei ihrer Antrittsrede wissen.Ihre Beförderung im Mai 2007 zur Chefin der globalen Geschäftsbereiche wurde in der Branche als Signal gewertet, dass die ranghöchste Frau im Konzern für die Nachfolge des 60-jährigen Lafley in Stellung gebracht werden könnte. Nach Indra Nooyi (Pepsi), Irene Rosenfeld (Kraft), Patricia Woertz (Archer Daniels Midland), Anne Mulcahy (Xerox) und Meg Whitman (Ebay) wäre Arnold die nächste Frau an der Spitze eines großen US-Konzerns.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.10.2007