Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Profil gefragt

Bewerberkorrespondenz funktioniert nach denselben Grundregeln - egal ob auf Papier oder am PC. Werden Sie im Netz nicht zum gesichtslosen Datenlieferanten, sondern geben Sie sich ein unverwechselbares Profil, rät Bewerbungsberater Gerhard Winkler.
Bewerberkorrespondenz funktioniert nach denselben Grundregeln - egal ob auf Papier oder am PC. Werden Sie im Netz nicht zum gesichtslosen Datenlieferanten, sondern geben Sie sich ein unverwechselbares Profil, rät Bewerbungsberater Gerhard Winkler

BMW, Metro, Continental, L'Oréal, RWE - alle Großen sind dabei. Zwei von drei Unter?nehmen bieten Bewerbern die Möglichkeit, sich online zu bewerben. Lassen Sie sich aber im Netz nicht zu schnellen Bewerbungen voller Tippfehler verleiten. Online- oder E-Mail-Bewerbungen verlangen dieselbe Sorgfalt wie Papiermappen

Die besten Jobs von allen


Verstehen Sie die eigene Mailadresse nicht als bloßen Zustellungsort, sondern als Ihr Aushängeschild. Eine Mailadresse wird immer interpretiert. Jeder, der schon einen Namen hat oder der dabei ist, sich einen zu machen, nutzt als Adress-Präfix die Kombination aus dem eigenen Vornamen plus Nachnamen: andre.plueschke@on-offline.de. Nicht sehr selbstbewusste Leute, Menschen ohne entwickelte Ich-Identität, neigen dagegen dazu, vom System generierte Vorschläge zu akzeptieren: andy23@bew.de. Und die beruflichen Zusammenhänge, in denen auch Selbstinszenierungen à la Lady_Wanda@hotmail.com gut ankommen, die mag man sich gar nicht vorstellen

Was Personaler nervt:
In den vergangenen zehn Monaten haben wir 12.000 Bewerbungen online bekommen, das ist bereits mehr als die Hälfte aller Bewerbungen. Sie zeigen, dass ein Kandidat gegenüber den neuen Medien aufgeschlossen ist. Einige behandeln sie aber nicht sorgfältig genug: Sie schreiben umgangssprachlich, achten weniger auf Tippfehler, lassen die Betreff-Zeilen weg oder schicken Anhänge ohne aussagekräftige Namen. Bei Online-Initiativbewerbungen vergessen viele anzugeben, welcher Bereich sie interessiert. Oft sind die Unterlagen schlecht eingescannt: Es fehlen Seiten, die Reihenfolge ist falsch oder Seiten stehen auf dem Kopf. Leider lassen einige Leute ihr Foto weg. Doch auch ein Bild sagt etwas über einen Menschen aus, das sollte nicht fehlen.
Julia Merkel, Leiterin Personalentwicklung, Metro
Geschäftsfähige Mailadresse
Benutzer eines kostenlosen Mail-Kontos gehen einen Deal mit der Industrie ein: Du transportierst meine Nachricht, dafür liefere ich deine Werbung persönlich ab. Dass man damit Mail für Mail zur großen zeit?genössischen Informationsverschmutzung beiträgt, mag befreundete Empfänger nicht stören. Job?anbieter möchten jedoch sicher nicht solche Vorschläge lesen: "Verschicken Sie romantische, coole und witzige Bilder per SMS!" Senden Sie sich eine Mail und prüfen Sie, was ankommt. Dringende Empfehlung: Bezahlen Sie einen elektronischen Postdienst, damit er Sie als Kunde behandelt und nicht als mailende Litfaßsäule.
Karriere ist ein andauernder Prozess. Auf lange Sicht zahlt sich die namentliche, private Mailadresse bei einem seriösen Provider aus. Definieren Sie so früh wie möglich Ihre respektable, personalisierte Mailanschrift. Halten Sie so lange an ihr fest, wie sie an Jobanbieter, ehemalige Kollegen, Fürsprecher und wichtige Kontakte mailen

Perfekte Präsentation
Jede Bewerbung ist eine Präsentation. Streben Sie Perfektion an. Das fängt mit der Form an: Übliche Briefanrede, freundlicher Briefschluss und als Unterschrift der vollständige Name. MfG Roth desavouiert den Absender und beleidigt den Empfänger. Beim Erstkontakt notieren Sie Ihre Kommunikationsdaten als Informationsblock unter der Unterschrift.
Perfekte Rechtschreibung ist heute so einfach zu erreichen, dass man sich wundert, mit welcher dreisten Forschheit manche Absolventen Ihre Bildungslücken offenbaren. Sollten Sie aufgefordert werden, ein Anschreiben als Datei der Mail beizufügen, dann schicken Sie denselben Text doppelt - in der Mail ebenso wie in der Anlage.
1.700 bis 2.000 Anschläge reichen aus, um per Mail Ihren Jobanspruch zu begründen. Texten Sie mehr, zeigen Sie nur, dass Sie unnötigen verbalen Aufwand betreiben, anderen Zeit stehlen und nur schwer auf den Punkt kommen. Haben Sie das Werkzeug, um Ihre Anlagen im PDF-Format zu verschicken, dann nutzen Sie die Gelegenheit, sich mit einer alternativen Schrift von Ihren Mitbewerbern abzuheben

Persönliche Ansprache
Schreiben Sie an Menschen und nicht an Abteilungen oder Sammeladressen. Rufen Sie an, bevor Sie ins Blaue mailen und mailen Sie eher, als auf ein Online-Bewerbungsformular zu bauen. Namen und Adressen sind pures Gold. Schürfen Sie dort, wo die Industrie mit Ihrer Uni in Berührung kommt, wo sie auf Studierende zugeht, wo sie auf Kunden trifft und wo sie publiziert.
Eingabeseiten für Online-Bewerbungen werden von Formalisten konzipiert, von Pedanten ausgefüllt, auch von Klugen nicht immer verstanden und von allen präsentationsstarken Selbstvermarktern gehasst. Auch die Absolventenportale von Weltfirmen sind für alle denkbaren Fälle gemacht. Ihre Bewerbung sollte aber ein ganz besonderer Fall sein. Ihr direkter Weg führt Sie zu einem Entscheider und nicht zu einer Datenbank mit webbasiertem Front End.

Ultima Ratio Online-Formulare
Falls kein anderer Weg zur anvisierten Trainee-Stelle führt, bedienen Sie sich des Online-Formulars. Ihr Nachteil: Sie sind reine Datenerhebung. Es ist völlig verfehlt, sich an jemanden zu wenden. Am anderen Ende sitzt meist keine Person, die Ihre Daten ausdruckt und unvoreingenommen studiert. Ihre Daten erscheinen bestenfalls irgendwo auf einer Liste.
Reichern Sie Ihre Eingaben mit Schlüssel- und Suchbegriffen an. Dort, wo Sie frei über sich schreiben können, fügen Sie einen stichwortartigen Teaser ein - so, als ob Sie ein umfangreicheres Stellengesuch texten. Kopieren Sie nie einen Anschreibentext in eine Eingabemaske. Laden Sie aber das Anschreiben mit dem Lebenslauf separat hoch und beten Sie, dass irgendein Mensch Ihre wunderbare Selbstpräsentation bemerkt.
Gerhard Winkler ist Bewerbungsberater. Er betreibt die Karriere-Webseite www.jova-nova.com.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.11.2005