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Privatuni Witten vor dem Aus

Von Barbara Gillmann
Eine Kommission von Bund und Ländern wirft der Privatuniversität Witten/Herdecken vor, sie forsche im Fachbereich Medizin zu wenig, um eine echte Uni zu sein. Doch sollte die medizinische Fakultät schließen müssen, käme der gesamte Hochschulbetrieb zum Erliegen.
BERLIN. Der zuständige Fachausschuss hat den Daumen bereits gesenkt: Die Medizinische Fakultät dürfe keine Studenten mehr aufnehmen, weil sie zu wenig forscht und kein überzeugendes Reformkonzept habe, heißt es in der Vorlage für den Wissenschaftsrat, die dem Handelsblatt vorliegt. Die Entscheidung fällt morgen.Falls die medizinischen Fakultät Witten schließen müsste, käme der Universitätsbetrieb praktisch zum Erliegen. Den rund 630 Studenten in Medizin und Pflegewissenschaften stehen weniger als 500 Kommilitonen in anderen Disziplinen gegenüber, hauptsächlich Wirtschaftswissenschaftler. Die 1982 anerkannte UWH ist mit einem Umsatz von 30 Mill. Euro jährlich die größte deutsche Privatuni. Als einzige hat sie sich auch an die teure Ausbildung von Ärzten gewagt und hier Pionierarbeit bei der praxisnahen Ausbildung geleistet. Ihre Lehre erreicht in Rankings Spitzenplätze. Damit ist sie auch Symbol für den möglichen Erfolg privater Bildungsinstitutionen in Deutschland.

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In den Kommissionen des Wissenschaftsrats sitzen Wissenschaftler sowie Vertreter des Bundes und der Länder. Er berät die Bildungsministerien, wie sie Hochschulmittel am besten einsetzen können und bewertet die Qualität von Forschungseinrichtungen. Sollte der Wissenschaftsrat tatsächlich die Medizin an der UWH ins Abseits schicken, würde er damit ?die Chancen der privaten Hochschulen insgesamt platt machen?, warnt der Vorstand des Verbandes der privaten Hochschulen, Udo Steffens, in dem Witten/Herdecke nicht einmal Mitglied ist. Ein Verdikt des Rates würde die ohnehin raren Sponsoren privater Hochschulen ?weiter abschrecken und einen Teufelskreislauf in Gang setzen?, warnt Steffens. Er wirft dem Wissenschaftsrat eine ?Grundstimmung gegen privat verfasste Hochschulen? vor. Sicher sei ein Teil der Vorwürfe gegen die UWH berechtigt. Doch auch manch staatliche Hochschule, etwa in Düsseldorf oder Bochum, würde den Kriterien des Rates nicht standhalten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bereits im Sommer 2005 wurden massive Mängel in der medizinischen Forschung diagnostiziert.Die gelbe Karte hatte der Wissenschaftsrat Witten-Herdecke bereits im Sommer 2005 gezeigt, als er massive Mängel vor allem der medizinischen Forschung diagnostizierte. Das Land NRW drohte daraufhin mit dem Entzug der Zuschüsse von 3,6 Mill. Euro pro Jahr. Studenten durften nur noch bis 2006 aufgenommen werden.Darauf entwarf die UWH den Plan, die Medizin auf die Versorgungsforschung zu konzentrieren. Aus der Not ? die UWH kooperiert in der Ausbildung mit 20 Kliniken, die teilweise weit entfernt sind ? sollte eine Tugend werden: Man wolle erforschen, wie medizinisches Wissen in der Praxis umgesetzt werde, sagte der für die Neukonzeption angeheuerte Dekan der Medizin, Matthias Schrappe. Doch vor dem Akkreditierungsausschuss des Wissenschaftsrates fand das Konzept keine Gnade. Unklar bleibe, wie die Fakultät ein ?ausreichendes wissenschaftliches Fundament sicherstellen? und die Koordinierung mit den vielen Kliniken organisieren wolle, heißt es in der Stellungnahme.Eine weitere Zulassung von Studenten der Humanmedizin sei daher ?nicht vertretbar?. NRW müsse dafür sorgen, dass die bereits immatrikulierten Studenten ihr Studium zu Ende bringen können. Dekan Schrappe kontert, der Ausschuss habe falsch gerechnet. So seien etwa die Zahl der Unterrichtsstunden und das Betreuungsverhältnis besser als gefordert.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.05.2006