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Prioritäten setzen

Georg M. Oswald
Ich komme gerade aus dem Krankenhaus. Ich habe Reger besucht. Den kenne ich noch von der Uni. Einser-Diplom, Promotion in Harvard, seit drei Jahren Unternehmensberater bei McDoe, einer der weltweit größten Consultantfirmen.
Ich komme gerade aus dem Krankenhaus. Ich habe Reger besucht. Den kenne ich noch von der Uni. Einser-Diplom, Promotion in Harvard, seit drei Jahren Unternehmensberater bei McDoe, einer der weltweit größten Consultantfirmen.

Ein unglaubliches Arbeitstier. Er saß aufrecht in seinem Bett, studierte die Wirtschaftsteile der Tageszeitungen und sah blendend aus. Kein Wunder: Einzelzimmer, Chefarztbehandlung, zwei Schwestern, die sich nur um ihn kümmern.

Die besten Jobs von allen


"Wie kommt es, dass du so braun bist?" habe ich ihn gefragt. "Die haben hier ein Solarium!" lachte Reger. Ebenmäßig gebräunt, sein Gesicht - wie eine Haselnuss. In drei Tagen wird er entlassen. "Meine Werte sind so gut wie nie, meint der Arzt!" sagt Reger. Das ist schön für ihn.

Ich kann mich gut erinnern, wie das anfing, vor drei Jahren. Im Oktober begann er mit seinem Job. Probezeit. 6.000 Mark Umsatz vom ersten Tag an, war die Vorgabe. Er kam um halb acht Uhr in der Früh und ging um halb elf Uhr abends. Nie eine Klage, nie ein Stöhnen.

Immer, wenn von Reger etwas verlangt wird, bekommt er rote Flecken auf der Stirn. Nichts Ernstes, aber man kann sehen, er steht unter Druck. Wenn ich ihm, was gelegentlich vorkam, begegnete, sagte ich: "Die Flecken auf deiner Stirn vermehren sich. Und sie werden immer röter." Dann grinste er: "Einen Tausender mehr Umsatz für jeden neuen Fleck."

Die Seniorpartner von McDoe sind es gewöhnt, dass ihre jungen Mitarbeiter infolge der anfänglichen Überforderung mitunter allergische Reaktionen zeigen. Und sie wissen, dass ihre Vorgaben für die Anfänger unmöglich zu schaffen sind. Aber Reger schuftete wie ein Verrückter. In den ersten vier Wochen generierte er einen Umsatz von 4.000 Mark pro Tag. Die Seniorpartner studierten die Umsatztabellen im November. "Eingetreten am 1. Oktober. 4.000 pro Tag. Wer ist das?" fragten sie schmunzelnd. "Der Junge mit so ein paar roten Flecken auf der Stirn", war die Antwort. Reger schuftete weiter. Mehr rote Flecken, mehr Umsatz. Im März fragten die Seniorpartner: "Einer von den Neuen macht 6.000 pro Tag. Kennt ihr den?" - "Klar, das ist der mit dem Hautproblem!" Reger ließ nicht locker. Im Mai war er bei 8.000 pro Tag angekommen - und sein Gesicht sah aus wie die Oberfläche des Planeten Mars. Die Seniorpartner sprachen ihn an. "Herr Reger, wir sind beeindruckt von Ihrer Performance. Aber sollten Sie nicht mal etwas für sich tun - gegen Ihren, äh, Ausschlag?" Reger nahm es nicht persönlich. Wenn sie ihn in Urlaub schicken wollten, ging er eben in Urlaub.

Er buchte drei Wochen Neukaledonien für Juli und beschloss, den Umsatz für diese 15 sinnlos vertanen Arbeitstage noch vorher hereinzuholen. Er hatte den gesamten Juni dafür Zeit. Um den Urlaub auszugleichen, bedeutete das für Juni 14.000 pro Tag. Er zuckte die Achseln und ging an die Arbeit. Er kam jetzt um sieben und ging um Mitternacht. Auf seiner Stirn bildeten sich Pusteln, die er in den kurzen Zeiten seines unruhigen Schlafes aufkratzte und die deshalb zu nässen begannen.

Am Montag der letzten Juniwoche war Reger bei 13.000 pro Tag. Für die letzte Woche vor seinem Zwangsurlaub bedeutete das - 17.000 pro Tag. Reger biss die Zähne zusammen und rieb sich ein paar Hautkrümel von der Stirn. Das war auch für ihn ein bisschen viel. Er kam jetzt um sechs Uhr morgens und ging um zwei Uhr nachts. Am Donnerstag Abend errechnete er einen Schnitt von 16.500 pro Tag. Er beschloss, die Nacht durchzuarbeiten und bis kurz vor dem Abflug am Samstag im Büro zu bleiben.

Am Freitag Nachmittag, so erzählte er mir später - er war inzwischen bei 16.900 pro Tag angelangt -, streckte er den Arm aus, um zum Telefon zu greifen. Doch je weiter er ihn ausstreckte, desto ferner schien das Telefon. Länger und länger wurde sein Arm, größer und größer die Distanz zum Hörer. Filmriss. Notarzt. Akuter Erschöpfungszustand. Reger kam in die Klinik. Einzige Therapie: absolute Ruhe und eine dermatologische Kur, einschließlich Solarium. Nach drei Wochen war er wieder auf dem Posten. Sah klasse aus. Ein Seniorpartner, der von der Sache nichts mitbekommen hatte, sagte: "Sehen Sie? So ein Urlaub wirkt doch Wunder!" Reger nickte. Seither geht er regelmäßig in "Ferien".

Als ich ihn heute besucht habe, fragte er triumphierend: "Was gibt es in Neukaledonien, was es hier nicht auch gibt?" Dazu breitete er die Arme aus, als sei sein Krankenzimmer ein sonnendurchflutetes, pazifisches Inselreich. "Ganz bestimmt hast du Recht", antwortete ich.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.10.2001