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Prinz und Bauer

Von Pit Falkenstein
Es ist bei weitem mehr als ein Hobby. Neben seinem erlernten Beruf leitet Georg Prinz zur Lippe mit dem Gut Schloss Proschwitz in Meißen den größten privaten Weinbaubetrieb in den neuen Bundesländern. Er liebt diese Arbeit. Und der Unternehmensberater und der Winzer Georg zur Lippe können einiges voneinander lernen.
Die helle Stimme wird unvermutet dunkel und weich. ?Leider, leider?, sagt er. Georg Prinz zur Lippe hat es in diesem Frühjahr nur für den Fotografen geschafft, in seine Weingärten hinauszugehen und Reben zu schneiden. Dabei liebt er diese Arbeit, wie er versichert. ?Ich bin dann ganz allein und kann ? bei aller erforderlichen Sorgfalt ? die Gedanken einfach so fließen lassen.?Der promovierte Unternehmensberater leistet sich fürwahr eine anstrengende Nebenbeschäftigung, die den gelegentlichen freien Gedankenfluss durchaus nötig hat. Es ist allerdings bei weitem mehr als ein Hobby, neben dem erlernten Beruf des Unternehmensberaters mit dem Gut Schloss Proschwitz in Meißen auch noch den größten privaten Weinbaubetrieb in den neuen Bundesländern zu leiten.

Die besten Jobs von allen

Lippe zieht aus beidem seinen Nutzen und sieht viele Parallelen. Er vergleicht gerne Weinberge mit Unternehmen. ?Beide sind lebendige Organismen, die von Kreisläufen bestimmt werden?, weiß er. Der Rebschnitt: Da wird die Produktion des Jahres festgelegt. Der Winzer kann gewaltige Erträge erzielen, wenn er dem Rebstock möglichst viele Triebe belässt. Doch dann ist das Ergebnis von minderer Güte, dünn und fad. Und die Weinstöcke leiden unter der Überforderung, sterben früher ab. Genauso handelt seiner Meinung nach ein Unternehmenschef, der auf schnellen Erfolg aus ist, koste es, was es wolle. Er beschädige auf lange Sicht die Ressourcen, Menschen wie Maschinen. Also, so der Schluss des mit internen Firmenabläufen bestens vertrauten Beraters, bedarf es einer bedächtigen Planung über den Tag hinaus.Zum Beweis zieht er die aktuelle Diskussion um die Verantwortung der Unternehmen für ihre Umwelt heran: ?Nachhaltigkeit ist unabdingbar?, beschwört er. ?Wenn ich einen neuen Weingarten pflanze, muss ich auf wenigstens 35 Jahre hinaus festlegen, welche Sorte für welchen Standort am besten geeignet ist. So weit in die Zukunft sollte auch ein Unternehmer denken können.? Der Prinz vereinigt in seiner Person den Berater und den Unternehmer, man darf also getrost vermuten, dass er weiß, wovon er spricht.Und dieses ?Doppelspiel? fordert den ganzen Mann. Ein längeres Gespräch ist unter der Woche kaum, am ehesten noch sonntags möglich. Aber bitte nur am frühen Nachmittag. Da hält sein knapp dreijähriger Sohn Georg-Moritz Mittagsschlaf. Danach wird der kleine Prinz seine Rechte auf Toben mit Papa geltend machen. Der Sonntag gehört grundsätzlich der Familie. Gemahlin Alexandra Gerlach wünscht genauso Zuwendung. Als Leiterin des Landesstudios Sachsen des Deutschlandfunks und Deutschlandradios ist sie oft außer Haus.Werktags stemmt der Prinz die höchst unterschiedlichen beruflichen Lasten. Im Weingut jagt ein Gespräch das andere. Anschließend bindet er sich einen Schlips um und kümmert sich um die Beratungs-Klienten. Er betreut vor allem kleinere Unternehmen, denen eine Schieflage droht. Nicht wenige hat er wieder in Fahrt bringen können. Früher war er oft im Agrarbereich tätig, weil er sich wegen seines Landwirtschaftsstudiums auskennt. Heute mag er sich nicht mehr spezialisieren. Am liebsten ist es ihm, wenn er sich in neue technische Probleme einarbeiten kann. ?Das macht diesen Beruf noch spannender?, sagt er.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Lippe kann, wen wundert's, keine hohen Gehälter zahlen. Bei dieser Zeitbelastung kommt schnell eines der ersten Berater-Gebote auf den Prüfstand: die Kunst des Delegierens. Auch wenn er nicht anwesend ist, muss die Arbeit im Weingut ohne Reibungen vonstatten gehen. Der allfälligen These, dass Delegieren von Aufgaben zu den höchsten Künsten eines Unternehmers zählt, stimmt er ohne Einwände zu. Und er geht noch weiter: ?Ich muss dem Mitarbeiter die Chance geben, Fehler zu machen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Nur so lernt er, selbstständig zu handeln. Das fördert auch die Dynamik des Unternehmens.? Seine Belegschaft ist jung. Es erstaunt, mit welcher Hingabe sich die Beschäftigten für den Betrieb ins Zeug legen.Lippe kann, wen wundert's, keine hohen Gehälter zahlen. Das Weingut, das er vor 18 Jahren im post-sozialistisch erbärmlichen Zustand übernahm, trägt natürlich noch schwer an Kreditbelastungen. Die Einnahmen aus der Unternehmensberatung erleichtern die Finanzierung und lassen den ?Nebenerwerbs-Winzer? wenigstens bisweilen ruhig schlafen. Und die Kreditgeber sind beruhigt, weil sie sehen, dass Schloss Proschwitz zu einem prosperierendenVorzeige-Unternehmen geworden ist und gute Arbeitsplätze in der Region schafft.
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Georg zur Lippe ist nachhaltig von seinem Vater geprägt worden. Christian zur Lippe, ein vielseitig bewanderter Mann, leitete vor dem Zweiten Weltkrieg in Sachsen eine bunt gemischte Unternehmensgruppe, zu der viel Land- und Forstwirtschaft gehörte. Gleich 1945 wurde er von den Sowjets enteignet, verhaftet und ins Zuchthaus Bautzen gesteckt, anschließend samt Frau und fünf Kindern durch mehrere Lager geschleust und endlich in die amerikanische Zone ausgewiesen. Zuvor musste er sämtliche Papiere und Dokumente, die Besitz und Eigentum belegten, abliefern. Sie wurden vor seinen Augen verbrannt.Die Familie fand eine erste Bleibe in Franken. In der Nähe von Schweinfurt gab es einen großen Bauernhof, den die Schwiegermutter bewirtschaftete. Es wimmelte von Flüchtlingen. Um die Familie durchzufüttern, nahm der Vater die erstbeste Arbeit an. Der Spross eines berühmten Fürstenhauses schuftete in einer Gärtnerei und verkaufte Malerbedarf. An etwaige Entschädigungen aus dem Lastenausgleichs-Gesetz war erst einmal nicht zu denken. Es fehlte jeglicher Nachweis über die alten Besitzungen in Sachsen. Erst Mitte der Fünfziger besserte sich die Lage. Der Vater bekam einen ordentlichen Job. Am 25. Juni 1957 kam Sohn Georg auf die Welt. ?Mit mir hatte keiner mehr gerechnet?, erzählt der Nachzügler.Als der Jüngste später an der Universität Bonn Agrar- und Betriebswirtschaft belegte, erhielt er wie seine Geschwister 20 000 Mark Startgeld (plus 258, 56 Mark Ausgleich für Geldentwertung). Er setzte sein Studium in München fort, verdiente sich ein Zubrot als Lastwagenfahrer und betrieb zwischenzeitlich einen Handel für Seidentücher, Krawatten und englische Schuhe. Name: ?petit prince GmbH?.Der berufliche Werdegang zeichnete sich ab, als er beim Unternehmensberater Roland Berger anheuerte, zuerst als ?verlängerter Bleistift?, dann als fester freier Mitarbeiter. Auf eine internationale Karriere zielte die Doktorarbeit über die wirtschaftliche Entwicklung in Taiwan. Bald wurde er Deutschland-Chef der japanischen Personalagentur Rentaman und leistete sich eine Penthouse-Wohnung der feineren Sorte. Lesen Sie weiter auf Seite 3: Von Neugier und Nostalgie getrieben, reiste Georg zur Lippe nach Meißen, um sein Phantom-Eigentum in Augenschein zu nehmen. Doch das Leben hatte für Georg zur Lippe noch eine furiose Volte in der Hinterhand. Der Vater hatte den Traum, nach Sachsen heimzukehren, nie ganz aufgegeben. Ende der 80er-Jahre endlich gaben ihm die politischen Turbulenzen im Osten neue Hoffnung. Als sich das Ende der DDR abzeichnete, ordnete er sein Erbe und vermachte den einstigen Besitz an der Elbe an seine Nachkommen. Jedem Kind wies er einen Teil der früheren Unternehmungen zu. ?Ausgerechnet auf mich entfiel Proschwitz, ein Weingut?, berichtet Prinz Georg. Das dies zunächst eher ein fiktives Erbe war, zeigte sich nach dem Fall der Mauer. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl hatte beim Einigungsvertrag zugestanden, dass enteigneter Besitz in Ostdeutschland nicht an die Alteigentümer zurückgegeben werden musste.
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Von Neugier und Nostalgie getrieben, reiste Georg zur Lippe nach Meißen, um sein Phantom-Eigentum in Augenschein zu nehmen. Er fand vom Frost geschädigte Weingärten vor, die einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft gehörten. Das Schloss war ein Heim, in dem geistig behinderte Kinder mehr versteckt als gefördert wurden. ?Von weitem sah der alte Bau ja leidlich gut aus?, erinnert sich der Prinz, ?erst bei genauerem Hinschauen zeigten sich die Schäden.?Spätestens hier und jetzt hätte sein wirtschaftlicher Verstand ihm sagen müssen, dass er sofort umkehren, weiterhin wohlig dem gut dotierten Job nachgehen und seinen Wohlstand genießen sollte. Doch der Respekt gegenüber dem Vater drängte, vermutlich auch die Verpflichtung gegenüber dem Erbe der Familie. Zudem entflammte in ihm ein geradezu närrischer Wunsch, Wein zu machen. Kurzum, er kündigte und zog an die Elbe. Versuche, diesen Schritt mit den Gesetzen der Logik erklären zu wollen, brachten nichts: ?Meine Freunde und Kollegen verstanden gar nichts mehr.?Was nun folgte, würde mühelos ein Buch füllen. Der Prinz versuchte, die alten Weinberge der Familie zurückzukaufen. Es wurde ihm schließlich gestattet unter der Bedingung, die 16-köpfige Weinbau-Brigade 56 der LPG Wilhelm Pieck zu übernehmen. Er verkaufte seine Wohnung in München, um die Arbeiter entlohnen und einen Weinkeller einrichten zu können. Anfänglich schlief er auf einem Feldbett in der Arbeiterbaracke (?Vater hat das ja auch überstanden?).Die ersten Trauben wurden bei einem familiär verbundenen Weingut in Franken gekeltert. Die 91er-Ernte war rasch verkauft. Mit dem Geld konnte Georg zur Lippe eine bescheidene Ausrüstung erstehen. Die Weine waren anfänglich bestenfalls Mittelklasse. Freunde und Kollegen sahen?s nach und bestellten. Banken gewährten Kredit unter der Bedingung, dass er weiterhin Unternehmensberater bleibe. Der Keller wurde aufgerüstet, die Weine wurden stetig besser. Es schien langsam, aber stetig bergauf zu gehen.Doch so bescheiden der Edelmann auch auftrat, er stieß auf Ablehnung, oft war es blanker Hass. Manche Nachbarn sahen in ihm den zurückgekehrten Feudalherrn, der den volkseigenen Besitzstand bedrohte. Es gab nächtliche Anrufe, Drohungen, zerstochene Autoreifen. Ein Brandsatz im Keller zündete zum Glück nicht. Es hätte Tote geben können. ?Kurz und schlecht, ich bekam viele Knüppel zwischen die Beine?, berichtet Lippe. Unerwartete Unterstützung kam schließlich von den Mitarbeitern, die am Stammtisch ihren famosen Chef lobten.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Das Schloss stand inzwischen leer. Dann das Schloss. Es stand inzwischen leer. Der Kreistag Meißen beschloss 1997 mit einer Stimme Mehrheit, das Anwesen dem Prinzen anzubieten. Es war ein ökonomischer Wahnsinn, doch er trieb die geforderten 1,25 Millionen Mark auf ? für ein marodes Herrenhaus. Es klingt fast wie eine Entschuldigung: ?250 Jahre zuvor war dort Friedrich der Große bei einem meiner Vorfahren zu Gast gewesen und hatte ein Flötenkonzert gegeben. So etwas konnte ich doch nicht verfallen lassen.?Neue Kredite mussten erhandelt werden. Derzeit drücken Verbindlichkeiten von mehreren Millionen Euro. Dafür glänzt Schloss Proschwitz, ein anmutiger Barockbau, in alter Pracht. Empfänge, Festlichkeiten, Partys finden statt. Der Europarat tagte dort. Für ihn, seine Frau, den kleinen Sohn und den Labrador ?Coco? musste zunächst eine 60-Quadratmeter-Wohnung im Dienerhaus gegenüber dem Schloss reichen. Vor zwei Jahren endlich konnte er es sich leisten, das vormalige ?Kavaliershaus? zu renovieren und zu beziehen. Er und die seinen genießen jetzt etwas mehr Leben. Der Berater im Prinz hat Recht behalten, der Weinbauer erntet jetzt nach akribischer Arbeit die Früchte.Riesling, Grau- und Weißburgunder sind inzwischen überragend geworden. Der Betrieb ist in einem liebevoll restaurierten Vierseiten-Hof untergebracht, einst Besitz von Zisterziensern. Im Keller fehlt nichts. Weil der Wein für den Verkauf nicht mehr reicht, kauft Lippe weitere Rebgärten, die Verbindlichkeiten lassen sich plötzlich rascher abtragen. Der Prinz hat ? bei aller Tollkühnheit ? sein ökonomisches Wissen bravourös in die Praxis umgesetzt, was ihm jetzt einen Preis als ?Unternehmer des Jahres in Sachsen? eingebracht hat.Er spricht von einem ?wechselseitigen Gewinn?. Der Weinbau befruchtet umgekehrt die Arbeit als Berater. ?Nehmen Sie den letzten Herbst?, erklärt er. ?Die Traubenlese ist ein komplexes Unterfangen, bei dem ein Rädchen ins andere greift. Schnelles, präzises Arbeiten ist gefordert. Das geht nur mit einer gut aufeinander eingespielten Mannschaft.?Solche Vorgänge, sagt er seinen Klienten, gebe es in jedem Betrieb. Um schwierige Abläufe frei von Hektik und Pannen zu bewältigen, müssen alle Mitarbeiter ihre Handgriffe kennen, beweglich sein, Durchblick haben, sich verantwortlich fühlen und ihrem Chef loyal vertrauen können. Ganz klar: ?Das zu bewerkstelligen ist Aufgabe des Unternehmers.?In Fall des Prinzen zur Lippe kam etwas Seltenes hinzu: großer Wagemut und wirkliche Liebe zur Heimat. ?Das ist kein Widerspruch in Zeiten der Globalisierung?, sagt der Unternehmensberater.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.03.2007