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Preußisch korrekt und distanziert

Von Thomas Wiede, Handelsblatt
Berthold Beitz, Ikone der deutschen Wirtschaft und Chef der Alfried Krupp Stiftung, feiert heute seinen 90. Geburtstag.
HB DÜSSELDORF. Er wird es heute wieder kurz machen: Nach dem Grußwort des Bundespräsidenten, der Laudatio von Altkanzler Helmut Schmidt und, bevor das Orchester von Paule Kuhn zur Unterhaltung der rund 500 Ehrengäste aufswingt, wird Prof. Dr. h.c. Berthold Beitz sich an die in dunklem Tuch versammelten Persönlichkeiten wenden. Länger als drei Minuten wird sich dieser Programmpunkt im Festzelt auf dem Gelände der Villa Hügel, des legendären Sitzes der Familie Krupp in Essen, nicht hinziehen. ?Ich kann über alles reden, nur nicht über fünf Minuten?, sagt Beitz gerne.Die Vorstellung, seine Zuhörer zu langweilen, ist dem Ehrenvorsitzenden des Aufsichtsrats von Thyssen-Krupp und Vorsitzenden der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, der am heutigen Freitag seinen 90. Geburtstag feiert, nach wie vor zuwider. Als ?bodenständig? charakterisieren ihn ehemalige Mitarbeiter. Als einen, der seinen prominenten Gästen beim Gala-Dinner gerne eine preußische Kartoffelsuppe vorsetzte ? die dann allerdings ?vom Feinsten? war.

Die besten Jobs von allen

Beitz, den Alfried Krupp von Bohlen und Halbach 1953 zu seinem Generalbevollmächtigten berief und den er mit einem angeblich sagenhaften Jahresgehalt von einer Millionen Mark zu einem der mächtigsten Manager im Nachkriegsdeutschland machte, gehörte nicht zum alten Industrie-Establishment an Rhein und Ruhr. Berthold Beitz stammt aus einfachen Verhältnissen. Der gelernte Bankkaufmann hat nicht studiert, war aber weitgehend unbelastet als Leiter der in Polen ansässigen Karparten-Oel AG durch den Krieg gekommen. Er und seine Frau Else, mit der er noch heute verheiratet ist, retteten Hunderte von Juden vor den Vernichtungslagern der SS.Einer wie er, der auch ein selbstsicherer und charmanter Gesellschafter ist ? gut aussehend und immer im besten Frack tanzend ?, war der Richtige, um die Pläne der Alliierten zu durchkreuzen: die Zerschlagung der Rüstungsschmiede Krupp.Ihm gelingt der Neuaufbau ? ohne das Rüstungsgeschäft. Statt Kanonen baut Krupp nun hochspezialisierte Industrieanlagen. Er betreibt mit dem Erbverzicht von Krupps einzigem Sohn Arndt auch den Wandel der Eigentümer-Gesellschaft in eine GmbH und später nach der Übernahme von Hoesch in eine Aktiengesellschaft. Beitz persönlich überredet 1976 auch den Schah von Persien, dringend benötigte 1,3 Milliarden Mark in den finanziell angeschlagenen Konzern zu schießen.Lesen Sie mehr über den Weichen-Steller auf der nächsten Seite ... Zusammen mit dem Thyssen-Aufsichtsrat Günter Vogelsang stellte er als über 80-Jähriger auch die Weichen für die Fusion der Ex-Konkurrenten. Dabei hatte er sich als Aufsichtsratsvorsitzender mit Vogelsang, als der 1972 noch Vorstandschef bei Krupp war, im Streit über die Dividenden-Ausschüttung entzweit. Als Chef der Alfried Krupp Stiftung, des größten Einzelaktionärs von Thyssen-Krupp, hat er auf Lebenszeit ein wichtiges Wörtchen beim fünftgrößten Industriekonzern Deutschlands mitzureden. In dieser Position sieht Beitz sich vor allem als der Testamentsvollstrecker Alfried Krupps, des letzten Familienchefs, mit dem ihn ein gutes persönliches Verhältnis verband.Preußisch-korrekt geht Beitz nach wie vor jeden Morgen um neun Uhr in sein Büro, das sich im ehemaligen Wohnhaus der Familie Krupp im Essener Hügel-Park befindet. Dort empfängt ihn wie seit Jahrzehnten seine Sekretärin Ute Woltze, die Herrin über den Terminkalender. Keine Hauptversammlung hat er bisher ausgelassen und keine Aufsichtsratssitzung. ?Krupp?, das stellt Beitz immer wieder heraus, ?ist für mich die Lebensaufgabe?. Die hat er auch im Blick, wenn er in Essen-Bredeney aus dem Fenster sieht. Sein Privathaus steht so, dass er auf die Villa Hügel schauen kann.Preußisch-streng und distanziert war auch oft der Umgang des Generalbevollmächtigten mit seinen Mitarbeitern: Ein Assistent, der es einmal wagte, auf dem Parkplatz der Villa Hügel einen Schneemann zu bauen, durfte seinen Schreibtisch räumen, wird kolportiert.Elitäres Teamwork und ein guter Sinn für Machtverhältnisse: Entscheidungen pflegte Beitz im Kreis einiger Vertrauter zu fällen, die dann die große Linie des Chefs in konkretes Management umsetzten. ?Das hatte schon etwas Aristokratisches?, erinnert sich ein ehemaliger Mitarbeiter heute. Fair sei es dabei aber immer zugegangen: ?Jeden Tag bekam man ein offenes Feedback.? Mit seiner großen Linie ist Beitz auch oft angeeckt: vor allem wegen seiner Geschäfte mit dem Ostblock. Noch vor der Brandtschen Ostpolitik knüpfte er Kontakte in die Staaten des Warschauer Paktes und musste sich daher auch das Prädikat des ?Amateurdiplomaten? gefallen lassen. Über die Jagdkameradschaft brachte er Erich Honecker sogar dazu, dem Greifswalder Dom eine Heizung zu spendieren, ?denn?, so fand Beitz, ?mit kalten Füßen kann man nicht glauben?. Der SED-Chef wohnte gemeinsam mit dem Krupp-Chef sogar dem ersten ?warmen? Gottesdienst bei.Wenn er sich einmal nicht mit seiner Lebensaufgabe beschäftigt, pflegt er seine Hobbys: die legendäre Krupp-Segelyacht Germania, die in Kiel vor Anker liegt, das Haus auf Sylt und das Jagen. In der Natur könne er ?frei atmen?. Schießen kann er im Übrigen sehr gut, heißt es. Treffen auch.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.09.2003